ZEITmagazin: Lieber Herr Demand, Sie haben den Doppeltitel des ZEITmagazins von dieser Woche gestaltet, Thema ist Ihr Geburtsjahrgang 1964. Wir sehen ein Kinderzimmer, das aus dieser Zeit stammen könnte. Ist das eigentlich Ihr eigenes?

Thomas Demand: Als Vorlage habe ich ein altes Dia verwendet, das mein Vater von meinem Kinderzimmer gemacht hat, ja. Aber ich habe das Motiv stark reduziert, verändert und mich auf einige Elemente konzentriert, den Schrank zum Beispiel, der stand damals überall herum, und den Laufstall natürlich auch. In so einem bin ich aufgewachsen, aber sonst hat es nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Ort zu tun.

ZEITmagazin: Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Ihr künstlerischer Blick durch Ihr Geburtsjahr geprägt ist?

Demand: Ich hatte eine Ausstellung im MoMA in New York. Die Kuratorin schickte mir vorab einen Text, den sie über meine Arbeiten geschrieben hatte. Das war eine merkwürdige Situation für mich: Solche Texte hatte ich bis dahin meistens über tote Künstler gelesen, immer ging es um die Frage: Welche gesellschaftlichen Entwicklungen haben ihn beeinflusst? Da hieß es dann: "Manet lebte im Paris des 19. Jahrhunderts, in der Zeit der Salons, die Briefe wurden mit Postkutschen transportiert."

ZEITmagazin: Was haben Sie in dem Text, der sich um Sie drehte, über den Künstler Thomas Demand erfahren?

Demand: Aufgewachsen in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, ein Kind des Westens, es war die Zeit der Olympischen Spiele und des Attentats der Palästinenser in Demands Heimatstadt München. Wirtschaftswunder, RAF, Einführung des Farbfernsehens. Im ersten Moment wusste ich gar nicht, was ich dazu sagen sollte. Als Künstler weiß man nicht, was einen beeinflusst hat, ob bewusst oder unbewusst. Dann dachte ich mir aber, dass es interessant sein könnte, mit diesem Blick von außen zu arbeiten. Daraus hat sich die Ausstellung Nationalgalerie entwickelt, die jetzt in Berlin gezeigt wird. Dafür habe ich alte und neue Arbeiten zusammengestellt, die entweder hier entstanden sind oder sich konkret auf dieses Land beziehen. Dieser Blick ist natürlich stark durch meine Erfahrungen in den siebziger und achtziger Jahren geprägt.

ZEITmagazin: Das Bild "Parlament" zeigt nicht den heutigen Reichstag in Berlin, sondern den alten Bundestag in Bonn.

Demand: Ich sehe mir oft auf Phoenix Bundestagsdebatten von früher an, mit Helmut Schmidt, Franz Josef Strauß, Herbert Wehner. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass es für die Kameras nur drei Blickwinkel gab, einmal die Totale von links, einmal von rechts oben und den Blick ins Plenum. Diese Reduzierung hat aus dem alten Bundestag eine Ikone gemacht. Als man die Blickwinkel festgelegt hat, ging es natürlich nicht um ästhetische Fragen, sondern schlicht darum zu zeigen, wer was gesagt hat. In Berlin ist das anders, der Glasbau lädt ein, von allen Seiten zu fotografieren und zu filmen, was einerseits schön ist. Andererseits wirkt dadurch die Macht an diesem wichtigen Ort zerfasert.

ZEITmagazin: Der wichtigste der drei Blickwinkel in Bonn war der auf den Stuhl des Kanzlers.

Demand: Richtig, der Stuhl neben dem Rednerpult. Die Bilder habe ich im Kopf, wenn ich an den Bundestag denke: Kanzler Schmidt studiert Akten. Kohl sitzt selbstzufrieden mit verschränkten Armen da und guckt ins Plenum. Manchmal ist der Kanzler nicht da, dann bleibt der Stuhl leer, immer sichtbar durch den festgelegten Blickwinkel. Die Wirkung dieser Einstellung ist enorm: Die Akteure, die auf dem Stuhl Platz nehmen, wechseln zwar, aber der Stuhl bleibt.

ZEITmagazin: Ein demokratisches Bild.

Demand: Ja. Nehmen Sie die Gestaltung des Podiums, die goldenen Knöpfe, die Holzbalken, die Wertigkeit ausstrahlen sollen, Stabilität. Die Knöpfe sind natürlich nicht aus Gold, sondern aus Messing, das Holz ist auch billig, aber man spürt, es war damals wichtig, ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Die Gestaltung verströmt eine gedämpfte, schwere, ja melancholische Stimmung, das hat mich interessiert. Im Gegensatz zu dem aufgeräumten Königsblau der Sitzbezüge heute. Die Bauherren des Bonner Parlaments hatten andere Zeiten erlebt.

ZEITmagazin: Der Jahrgang 1964 hingegen ist in eine unbeschwertere Gegenwart hineingewachsen.

Demand: Ich kann nicht für den Jahrgang sprechen, aber für mich kann ich festhalten, dass ich immer ein Grundvertrauen gespürt habe: Irgendwas wird schon werden. Ich glaube, dass viele nach uns Geborene diesen ungebrochenen Glauben an die Zukunft schon nicht mehr hatten. Unsere Eltern waren auch anders geprägt, durch die schwierigere Nachkriegszeit.

ZEITmagazin: Sie sagten einmal, Sie hätten schon als Jugendlicher gewusst, dass Sie Künstler werden wollen. Dazu braucht man großes Grundvertrauen.

Demand: Meine Eltern waren beide Kunsterzieher, sie haben an der Kunstakademie in München studiert. Die Beschäftigung mit Kunst war für mich ganz normal.

ZEITmagazin: Ein Sohn solcher Eltern könnte aber allein aus Protest sagen: Ich mache etwas ganz anderes.

Demand: So streng dürfen Sie sich unser Zuhause nicht vorstellen. Ich bin ja in Bayern auf dem Land aufgewachsen. Ich sage nur: Kühe! Mopeds frisieren! Meine Eltern waren froh, dass sie nicht mehr über Kunst reden mussten, wenn sie mittags aus der Schule kamen. Zeitgenössische Kunst fand bei uns gar nicht statt. Ich hatte allerdings einen Schulfreund, dessen Stiefvater ein fantastischer Sammler war, Jost Herbig, der hatte damals Arbeiten von Beuys, Kiefer und Broodthaers. Da konnte es passieren, dass wir nachmittags, wenn es regnete, in der Garage Tischtennis spielten, und da stand dann ein VW-Bus herum. Es war nicht irgendein VW-Bus, sondern das Kunstwerk The Rack von Joseph Beuys. Das ganze Haus war unglaublich ausgestattet, mit aktuellen Bildbänden, Büchern, Bildern. Ich habe früh gemerkt, wie spannend das alles war, auch wenn ich als Jugendlicher das meiste nicht wirklich verstand.