Kanzler aller Türken? Grünen-Chef Cem Özdemir im Wahlkampf © Henning Schacht-Pool/Getty Images

Früher war die Sache klar. Wer aus der Türkei kam und in Deutschland wählen durfte, wusste, wem er seine Stimme gab. In den Augen der »Gastarbeiter« war die SPD lange Zeit die einzige Partei, die sich ernsthaft für ihre Eingliederung in die deutsche Gesellschaft einsetzte – schließlich waren es meist die Sozialdemokraten, Betriebsräte und Gewerkschafter, die in den Betrieben für bessere Arbeitsbedingungen einstanden und die »Gastarbeiter« als Kollegen akzeptierten. Und es war eine von der SPD geführte Regierung, die Ende der neunziger Jahre die Einbürgerung erleichterte und die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft für Ausländer auf den Weg bringen wollte, während CDU und CSU Unterschriften dagegen auf der Straße sammelten.

Doch was für die deutschen Wähler gilt, gilt auch für die eingebürgerten Türken: Die alten Bindungen sind brüchig geworden, die Zeit der Stammwähler geht zu Ende. Auch der Deutschtürke will als Wähler umworben und erst noch gewonnen werden.

Im laufenden Bundestagswahlkampf ist hiervon wenig zu spüren: Migranten treten mit Ausnahme von Cem Özdemir weder als wichtige politische Akteure in Erscheinung, noch werden sie von den Parteien als wichtige Wählergruppe wahrgenommen. Dabei könnten vor allem die Deutschtürken ein politischer Faktor werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst wies unlängst darauf hin: »2002 wurden die Wahlen mit einem Unterschied von 6000 Stimmen entschieden.« Und die türkischsprachige Hürriyet zitierte sie mit diesen Worten, denn insgesamt sind am 27. September rund 500.000 Deutschtürken wahlberechtigt.

Andreas Wüst ist bislang der einzige Wissenschaftler in Deutschland, der das Wahlverhalten von Migranten empirisch erforscht hat. Wählen zu dürfen, so Wüst, sehen Türken als eines der stärksten Motive für eine Einbürgerung. »In der Absicht, sich an Wahlen zu beteiligen, unterscheiden sie sich dabei nicht von Deutschen ohne Migrationshintergrund«, sagt er. Was bedeutet, dass etwa drei Viertel von ihnen an den Bundestagswahlen teilnehmen werden. Während die etwa zweieinhalb Millionen Spätaussiedler, die größte Wählergruppe unter den Migranten, traditionell den Unionsparteien verbunden sind, halten die Türken zwar immer noch mehrheitlich zur SPD – würden aber Cem Özdemir direkt zum Bundeskanzler wählen, wenn sie nur könnten. »Im Unterschied zu den Aussiedlern wählen die klassischen Migranten häufig personenbezogen. Wie Untersuchungen aus Skandinavien zeigen, ist es ihnen wichtig, den Kandidaten zu wählen, der zu ihrer Community gehört – oder den sie zu ihrer Community zählen«, sagt Wüst. Kenan Kolat, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, hat die türkischstämmigen Wähler sogar ausdrücklich dazu aufgefordert, die Erststimme Direktkandidaten wie Grünen-Chef Cem Özdemir, der SPD-Abgeordneten Lale Akgün, Sevim Dagdelen von der Linken oder Serkan Tören von der FDP zu geben. »Wir wollen Personen wählen, keine Parteien«, sagte er.

Doch die Parteien tun sich nach wie vor schwer, mit ihrem Personalangebot den Wandel der Gesellschaft abzubilden. Während in der deutschen Fußballnationalmannschaft allmählich die Özils und Tascis das Zepter übernehmen, bleiben im Bundestag die Kauders, Strucks und Schmidts weitgehend unter sich.

»Der Gedanke, dass man die Wähler von morgen nicht verprellen darf, hat sich noch nicht überall durchgesetzt«, sagt Aydan Özoğuz. Die Hamburger Sozialdemokratin kandidiert in diesem Jahr erstmals für den Bundestag. Neben der Kölnerin Lale Akgün ist die Projektkoordinatorin die einzige türkischstämmige Bundestagskandidatin der SPD. Özoğuz hat alle ihr bekannten Bundestagskandidaten nichtdeutscher Herkunft aufgelistet, die aussichtsreiche Listenplätze haben. Die Liste ist kurz, etwa zehn Namen stehen darauf. »Oft scheitern türkische oder andere Migranten in den Parteien daran, dass sie keine Hausmacht haben, nicht verankert sind«, sagt sie. Um einen Ersatz für diese fehlende Verankerung zu schaffen, initiierte sie vor fünf Jahren ein parteiübergreifendes Netzwerk türkischstämmiger Mandatsträger. Etwa 80 Landes-, Bundes-, und Europaabgeordnete haben es sich auf die Fahnen geschrieben, Türken »und andere Zuwanderer zur politischen Partizipation zu motivieren« – und das gehe, sagt Özoğuz, nun einmal am besten über die Parteien. »Am Anfang schickten die Parteizentralen noch Vertreter aus der zweiten Reihe, wenn wir zu Diskussionsrunden einluden«, sagt sie. Heute würden Fraktionsvorsitzende kommen.

Bülent Arslan hat bittere Erfahrungen gemacht. Vor 18 Jahren, als er in die CDU eintrat, erklärten ihn Freunde, Mitschüler und Bekannte für verrückt: Warum wollte er als Muslim sich ausgerechnet in einer Partei engagieren, die das Wort »Christlich« in ihrem Namen trägt? Doch die Religion spielte für ihn keine Rolle: »Ich stamme aus einer wertkonservativen Familie. Deshalb kam für mich nur eine konservative Partei infrage, als ich begann, mich für Politik zu interessieren«, sagt er.