Kino "Das Beste kommt zum Schluss!"
Tilda Swinton hat mit Underground-Regisseuren gedreht und einen Oscar gewonnen. Nun ist sie der Star der Viennale in Wien. Ein Gespräch über Guerilla-Kino, Hollywood und ihre Großmutter
© Anne-Christine Poujoulat/AFP/Getty Images)

Tilda Swinton im Blitzlichtgewitter bei den Filmfestspielen von Cannes im Mai
Das Gespräch findet im Küstenstädtchen Nairn in den schottischen Highlands statt. Hier sitzt Tilda Swinton im Wohnzimmer ihres Hauses, einem englischen Anwesen aus dem 19. Jahrhundert. Zum Zeitpunkt des Interviews leben hier 17 Freunde, die bei der Organisation ihres hiesigen Filmfestivals helfen. Manche zelten im Garten.
Tilda Swinton: Gerade stelle ich mir vor, dass es eines Tages ganz andere Interviews geben wird. Mit Aufnahmegeräten, die dem Interviewten die Worte direkt aus dem Kopf saugen.
Die ZEIT: Diese Geräte müssten dann aber auch Wichtiges von Unwichtigem trennen.
Swinton: Sie würden einfach die Schnittmenge bilden von dem, was wir beide wichtig finden.
ZEIT: Was ist Ihnen denn im Augenblick besonders wichtig?
Swinton: Das mobile Filmfestival, das ich mit Freunden an mehreren schottischen Orten organisiere. Ein Nachbarschaftsfestival mit einem Kinolastwagen. Eine Pilgerfahrt, bei der wir das Kino zum Zuschauer bringen und unsere Lieblingsfilme zeigen.
ZEIT: Sind Sie Kuratorin, Mentorin, Gastgeberin?
Swinton: Von allem ein bisschen. Das hängt mit meiner Initiation ins Kino zusammen. Als ich in den achtziger Jahren in London anfing, Filme zu drehen, zusammen mit dem Regisseur Derek Jarman, war das immer eine Art Party. Kino war für mich mit dem Gefühl einer verschworenen Kameradschaft verbunden. Seitdem bin ich auf der Suche nach solchen Zusammenhängen.
ZEIT: Was heißt das für Ihr Festival?
Swinton: Dass es im nächsten Jahr eine ganz andere Gestalt annehmen könnte. Ich würde gern ein Multiplex-Kino in der amerikanischen Provinz mieten. In Texas oder Louisiana oder wo auch immer. Dort würde ich lauter wunderbare Filme zeigen, Klassiker, große Autorenfilme. In diesem Kino gäbe es kein Popcorn, sondern richtig gutes Essen. Und die Herausforderung wäre, die Leute dorthin zu locken. Das Programm und die Atmosphäre müssten so gut sein, dass sie das Kino nicht mehr verlassen wollen.
ZEIT: Auf dem Filmfestival von San Francisco hielten Sie vor drei Jahren eine Rede zum state of cinema. Was ist das? Ein Staat? Ein Zustand?
Swinton: Ein Ort, an den sich jeder begeben kann und an dem alle wahren Filmemacher leben. Ein Ort, an dem man eine wahre Kameradschaft spürt. Ein Ort, an dem man sich in das Leben anderer Menschen hineinversetzen kann, in das der Menschen auf der Leinwand oder der Filmemacher, die uns ihre Vision der Welt zeigen. Der state of cinema ist das Gefühl einer Gemeinschaft jenseits von Nationalitäten, Geografie, Politik und Religion. Es ist ein behüteter Ort, an dem man herausfinden kann, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Der state of cinema ist ein Ort existenzieller Meditation.
ZEIT: Ist das Kino für Sie etwas Heiliges?
Swinton: Das wäre übertrieben. Aber ja, ich tue mich schwer, diese Kunstform auch als Industrie zu sehen.
ZEIT: Was sie definitiv ist.
Swinton: Aber die Blockbuster-Kultur, die Doktrin der Großproduktionen, auf die sich die großen Firmen verlassen haben, bricht gerade zusammen. Vielleicht stürzen auch ein paar Multiplexe ein. Ich habe nichts gegen Multiplexe. Ich habe nur etwas gegen Monopole. Und hier, im Norden von Schottland, stört mich, dass die einzige Möglichkeit, in dieser Gegend einen Film zu sehen, darin besteht, nach Inverness zu fahren und Harry Potter anzuschauen oder Fluch der Karibik. Es wäre nicht schlecht, wenn man diese Art der Bevormundung aufbrechen könnte. Auch dazu sind Festivals da.
Swinton: Jetzt sind Sie selbst Gegenstand eines Festivals, der Viennale. Ein Dutzend Ihrer Filme wird gezeigt. Fühlen Sie sich als Schauspielerin gespiegelt?
Swinton: Es ist so, als ob irgendwo am Montmartre ein Straßenmaler eine Karikatur von dir anfertigt. Und du fragst dich: "Sieht mir das irgendwie ähnlich?" Ja, diese Liste sieht mir ähnlich. Aber wenn man sie aus zu großer Nähe anschaut, fühlt sich das seltsam an. Neulich dachte ich, dass man bei so einem tribute nur die Fantasiefilme zeigen sollte, die man nie gemacht hat.
ZEIT: Innerhalb des "Tribute to Tilda Swinton" läuft auch Robert Bressons Zum Beispiel Balthasar über den Leidensweg eines Esels. Wie kam dieser Film da hinein?
Swinton: Den habe ich mir gewünscht. Zum Beispiel Balthasar ist ein zutiefst humanistischer Film. Er handelt von der menschlichen Natur, von der Vergeblichkeit unseres Strebens, von unserer Sterblichkeit. Und dieser Esel ist mein Vorbild. Für mich leistet er die größte schauspielerische Performance aller Zeiten. Als Darsteller kann man sich von Bressons Esel nur inspirieren lassen. Die Würde dieser Kreatur, die keine Vorstellung davon hat, was es heißt, gesehen und gefilmt zu werden, ist zutiefst bewegend. Es ist eine Würde, die darzustellen ein Künstler nur anstreben kann. Eine Würde, deren Einfachheit und Unschuld ein menschliches Wesen einfach nicht erreichen kann.
ZEIT: In Wien laufen allein drei Filme von Derek Jarman: Edward II, The Garden und Caravaggio, in dem sie 1987 Ihre erste Rolle spielten. Es waren die Jahre des künstlerischen Widerstands gegen die Politik von Margaret Thatcher. Wie sehen Sie diese Zeit heute?
Swinton: Die Zeit mit Derek Jarman war meine Geburt als Künstlerin. Es heißt ja immer: Jarman stammt aus dem Underground, ein Outsider-Artist. Aber das ist Geschichtsverfälschung. Sein Film The Last of England – Verlorene Utopien über den Niedergang der englischen Kultur wurde 1987 in London am Leicester Square gezeigt. Die Leute gingen massenweise hin, um den Film zu sehen. Derek Jarman war damals ständig im Fernsehen, er war eine öffentliche Figur und keineswegs ein Marginaler. Er war ein Widerständler, aber von innen, aus dem Herzen der Kultur heraus, hochgebildet, mit einem klassischen Referenzrahmen: Herodot, Shakespeare, Marlowe, Britten, Auden, Wittgenstein. Er hatte die Würde eines zentral positionierten Künstlers.
ZEIT: Warum ist mit Jarman auch der Jarman-Geist verschwunden?
Swinton: Es hat mit den veränderten Landschaften unseres Lebens zu tun. Mit der einen großen speziellen Aids-Krise unter den vielen Aids-Krisen. Und über die spricht niemand. Während dieser einen Aids-Krise starben einfach so viele Menschen, und wir, die zurückblieben, waren am Ende, wegen unserer Traurigkeit. Dann muss man sich einfach hinlegen und seine Toten betrauern. Danach muss man sich wieder sammeln.
ZEIT: Wie haben Sie sich gesammelt?
Swinton: Ich fing an, mit unabhängigen Filmemachern in Amerika zu sprechen, mit Lynn Hershman, mit Spike Jonze, und das fühlte sich für mich vertrauter an als alles, was zu dieser Zeit in Europa passierte. Auch bei den Dreharbeiten zu dem Independent-Film The Deep End fand ich diesen Kamikazegeist bei den Regisseuren Scott McGehee und David Siegel. Neulich fragte mich jemand, ob dieser Thriller mein erster Hollywoodfilm gewesen sei. Es war aber kein Hollywoodfilm. Es war eine kleine Produktion, die diese Typen auf dieselbe Weise produziert hatten wie Derek seine Filme. Sie hatten ihre Eltern und die Freunde ihrer Eltern und den reichen Metzger in ihrer Heimatstadt angerufen, 5000 Dollar hier und 5000 Dollar da. Es war ein unabhängig produzierter Film. Für mich mit der großartigen Rolle einer Mutter, die für ihren Sohn über Leichen geht.
ZEIT: Wovon lassen Sie sich bei Ihren Rollen – außer von Eseln – inspirieren?
Swinton: Von eigenen Erfahrungen, die ich vergrößere, verzerre, unter das Mikroskop lege. Das geht aber nicht immer. Nehmen wir Julia von Erick Zonca. Die Reise in die Welt dieser Alkoholikerin war wie ein Trip. Sie ist ziemlich weit weg von meiner persönlichen Erfahrung. Ich bin keine Alkoholikerin, aber ich war mein Leben lang mit Alkoholikern befreundet. Dieses Porträt ist also objektiv, imitativ, eher downloaded. Julia ist sich immer einen Schritt oder eine Geste voraus, es sind diese leicht eruptiven Gesten einer Alkoholikerin. Und eh sie sich versieht, hat sie zugestimmt, dieses Kind zu kidnappen. Was ist ihr Motiv? Man braucht kein Motiv. Das Motiv ist ein Mythos.
ZEIT: War auch die Härte dieser Kindesentführerin eine Herausforderung?
Swinton: Wenn Julia den Jungen entführt und in den Kofferraum stopft, dann ist er für sie wie ein Koffer oder eine Ware. Sie weiß nicht, was ein Kind ist. An Tag zwei fällt ihr ein, dass sie ihn füttern muss. Also kauft sie fünf Hamburger und ein paar Biere für sich selbst. Frauen müssen nicht automatisch einen Mutterinstinkt haben. Viele Frauen, die Kinder haben, haben auch keinen. Es ist aber normal, keinen Mutterinstinkt zu haben. Julia hat diesen Instinkt nicht. Sie geht ja genauso hart mit sich selbst um.
ZEIT: Hollywood scheint Ihre Fähigkeit zur Härte zu schätzen. In dem Thriller Michael Clayton spielten Sie eine skrupellose Konzernangestellte. In dem Disney-Film Die Chroniken von Narnia waren Sie die weiße Hexe, bei den Coen-Brüdern eine eiskalte Ehebrecherin.
Swinton: Es war interessant, für Hollywood eine Weile die böse Frau aus Europa zu sein.
ZEIT: Sie haben diese Zeit einmal als Industriespionage und Agentenmission bezeichnet.
Swinton: Mission accomplished!
ZEIT: Gehörte die Ehebrecherin in Burn after reading von den Coen-Brüdern auch zur Mission?
Swinton: Da würde ich eher von einem Auswärtsspiel sprechen. Oder von einer touristischen Exkursion. Natürlich war es schön, mit den Coen-Brüdern zusammenzuarbeiten. Ihr Arbeitsstil war mir vertrauter als das, was ich bei anderen amerikanischen Produktionen erlebt habe. Die beiden haben dieses kollektive Feeling des Filmemachens.
ZEIT: Können Stars wie Brad Pitt und George Clooney wirklich in einem Kollektivgefühl aufgehen?
Swinton: Es gibt in Amerika etwas, was ich wohl nie verstehen werde und was für Europäer vielleicht auch gar nicht zu verstehen ist: die Tatsache, dass einige Menschen Lichtjahre entfernt von jeder Vorstellung eines normalen Lebens leben. Eine europäische Starexistenz ist leicht mit unserer Vorstellung eines normalen Daseins zu vereinbaren. Auch für mich ist das Leben dieser Leute ziemlich exotisch. Und zwei meiner Freunde gehören zufälligerweise dazu. George und Brad arbeiten sich an dieser Art von Leben ab. Aber sie kommen schon klar, denn beide haben genug Geistesgröße dafür.
ZEIT: Hat Ihr Oscar-Gewinn Ihr Leben nicht auch in diese Richtung verschoben?
Swinton: Alles, was ich seitdem gemacht habe, hätte ich auch getan, wenn ich ihn nicht gewonnen hätte. Wenn es bedeutet, dass eine Veranstaltung, bei der ein Kinolastwagen durch Schottland tourt, eine größere Chance hat, in den Nachrichten zu landen, und so mehr Leute erreicht, dann ist das toll. Dann wurde der Oscar gut angelegt.
ZEIT: Es hat Sie kein bisschen beeindruckt, den bekanntesten Kinopreis der Welt zu gewinnen?
Swinton: Es gibt eine ehrenwerte Tradition von Menschen, die auf den Oscargewinn zielen. Sie gehen auf Kurs und halten drauf – und dann gewinnen sie ihn halt und die anderen, die das Gleiche tun, halt nicht. Und wenn den Oscar jemand gewinnt, der nicht darauf abgezielt hat, dann ist das auch in Ordnung. Aber es fühlt sich für mich trotzdem willkürlich an. Jetzt bin ich eine Oscarpreisträgerin, das ist wie ein Vorname oder ein Titel.
ZEIT: Wie haben Sie die Preisverleihung erlebt?
Swinton: Die Oscarnacht war toll, es war lustig, dann ging ich ins Hotel und war zu aufgedreht, um zu schlafen. Also las ich meine Mails. Am Morgen hatte ich alle eingegangenen Mails gelöscht. Und als ich reinschaute, waren seit der Oscarzeremonie, die erst sieben Stunden zurücklag, 364 Mails eingegangen. Da dachte ich: "Das ist es! Es ist einfach ein berühmter Preis. Das ist alles. Die Leute kennen ihn. Sie wissen vielleicht vieles andere nicht, was sie wissen sollten. Aber sie wissen, wer die Oscars gewonnen hat. Punkt."
ZEIT: Jetzt sind Sie zu einer anderen Art von Kino zurückgekehrt. Kürzlich haben Sie in Berlin einen Film mit der Regisseurin Cynthia Beat gedreht. Darin wiederholen Sie eine Fahrradfahrt, die Sie vor 21 Jahren in einem anderen Film dieser Regisseurin entlang der Mauer führte. War das ein Déjà-vu?
Swinton: Ich empfehle jedem, eine Reise, die so lange zurückliegt, noch einmal zu machen. Es ist, als ob die eigene Uhr neu gestellt würde. Man fragt sich: Was ist seither geschehen, was bin ich jetzt? Was hat sich verändert, was ist gleich geblieben?
ZEIT: Und?
Swinton: Nach 1988 bin ich lange Jahre nicht nach Berlin gekommen. Ich kannte das neue Berlin also nicht. Als ich es dann sah, war es ein Schock, sich in Erinnerung zu rufen, dass diese ganz normalen Straßen und Plätze und Orte unwiederbringlich durch eine Mauer durchschnitten worden waren. Die Präsenz der Mauer, das Gefühl der Trennung und Teilung, erschien mir jetzt, da sie nicht mehr da ist, viel stärker, viel plastischer und spürbarer. Es war eine Art Geschichtsmeditation, ein Abgleich mit einer anderen Zeit.
ZEIT: Hat man als Schauspielerin ein anderes Zeitempfinden? Man sieht sich selbst auf der Leinwand altern und zugleich immer jung bleiben.
Swinton: Ich habe kein besonderes Verhältnis zu meiner Jugend. Ich ziehe mein derzeitiges Leben jeder früheren Phase vor. Wenn ich ältere Aufnahmen von mir sehe, habe ich Mitgefühl mit dieser Person. Ich habe eine gewisse Zuneigung zu dem Ich, das ich damals war, vor allem zu dem sehr jungen Ich, aber ich beneide es keinen Deut. Armes kleines 25-jähriges Tildachen.
ZEIT: Ist das nicht kokett?
Swinton: Nein! Es mag damit zusammenhängen, dass das große Vorbild meiner Jugend, meine Großmutter, erst mit 97 Jahren starb. Erst als ich 13 Jahre alt war, entwickelte sich eine wirkliche Beziehung zu ihr, und da war sie schon 64. Damals wurde sie Witwe und beschloss, ihr Leben endlich anzufangen. Die nächsten 33 Jahre waren die besten ihres Lebens. Das Beste kommt zum Schluss! In diesem Gefühl habe ich immer gelebt.
ZEIT: Dann sollten wir uns vielleicht in 50 Jahren noch mal zum Interview treffen.
Swinton: Ja, Sie werden auf Krücken hierher nach Schottland kommen, und ich werde Sie im Rollstuhl empfangen. Ich verspreche, ich werde ehrlich sein und die Beschwernisse des Alters nicht verschweigen. Noch habe ich nicht angefangen auseinanderzufallen.
Das Gespräch führte Katja Nicodemus
Das Wiener Filmfestival Viennale findet vom 22. Oktober bis 4. November statt
- Datum 23.10.2009 - 12:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.09.2009 Nr. 39
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Die Frau gehörte doch zu denjenigen, die sofort eine Petition zur Befreiung von Polanski initiierten, oder nicht? Hätte mich drum brennend interessiert, wie sie dazu kommt, einen Mann zu verteidigen, der nachweislich ein Mädchen vergewaltigt hat, dafür aber nie auch nur eine Spur von Reue gezeigt hat. Diese Frage hat im Interview definitiv gefehlt.
[Entfernt. Bitte bemuehen Sie sich, Ihre Meinung sachlich zum Ausdruck zu bringen. Persoenliche Anwuerfe, sowie Unterstellungen dieser Art sind hier nicht erwuenscht. Danke. /Die Redaktion pt.]
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