Jazz-Legende Wayne ShorterBotschaften von oben

Der Saxofonist Wayne Shorter ist mit 76 Jahren immer noch ein Utopist des Jazz von Christian Broecking

Wayne Shorter: Wer nur spielt, als plage ihn Angst um seine Rente, hat ein Problem

Wayne Shorter: Wer nur spielt, als plage ihn Angst um seine Rente, hat ein Problem  |  © Lionel Bonaventure/AFP/Getty Images

Von seinem Apartment im 27. Stock könnte man mit dem Fernrohr Kuba erkennen. Doch immer, wenn man Wayne Shorter zu Hause in Miami besucht, läuft der Fernseher. Den Ton hat er leise gestellt, er erzählt von der Schauspielerin Bette Davis: Wie sie sich einmal über die Enge in ihrer Garderobe beschwert habe, in der nicht einmal genügend Platz sei, um ein Schwein darin zu halten. Wie sie Hollywood noch kurz vor ihrem Tod von der Anwaltsmafia befreien wollte. Das ist die Art von Mut, die Shorter bewundert, und das ist der Grund, weshalb er die Musik so liebt: Wer aus den Konventionen ausbricht, hat den Funken des Jazz.

Er selbst trägt den Funken seit Jahrzehnten in sich. Wayne Shorter hat in den besten Bands gespielt, wirkte jahrelang an der Seite von Miles Davis und hat einige der schönsten Kompositionen des modernen Jazz geschrieben. Nefertiti, Footprints und das seiner Tochter Myako gewidmete Infant Eyes sind Klassiker – unerreicht in ihrer melodischen Feinheit, zeitlos in den harmonischen Verläufen. Improvisation sei durch das Wissen von Ursache und Wirkung festgelegt, sagt er. »Wenn ich komponiere, kommt es mir vor, als würde ich das Wachsen einer Pflanze durch ein Zeitlupenraster beobachten.« Alle Entscheidungen, die den Wachstumsprozess bewirken, erschienen dann so, als wären sie bereits zuvor getroffen worden. »Tatsächlich werden sie im Moment des Entstehens erfunden.«

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Shorter ist Utopist, ein permanenter Revolutionär des Saxofons, gesegnet mit dem besonderen Gespür für klangräumliche, ja außerirdische Details. Schon in seiner Jugend nannte man ihn Mr Gone. Eine Szene zu Beginn dieses Jahrzehnts hat sich eingeprägt: Wayne Shorter mit seinem Freund Herbie Hancock auf der Bühne der Carnegie Hall. Zu spät sind sie gekommen und offenbar auch nicht mehr ganz nüchtern, Shorter entlockt dem Sopransaxofon sperrig spröde Klänge, Hancock scheint mit zögernden Einwürfen am Klavier dem Eindösen nahe. Dann Stille, und Shorter, der Schweigsame, spricht und zeigt in das Bühnendunkel über ihm. Er gestikuliert, scheint sich zu freuen. Als hätte er sie gesehen, die Boten von anderen Planeten, als hätte er sie mit seinem Spiel bewusst gelockt, damit sich die Spannung in genau diesem Moment entladen kann.

Shorter ist aber auch ein Vertreter jener schwarzen Jazz-Traditionen, die mit seiner Generation zu verschwinden droht. Denkt er heute an seine Kindheit in Newark, New Jersey, zurück, spricht er von einem kulturellen DNA-Code, der bewirke, dass man immer wieder aufsteht und sich neu orientiert, wie widrig die Umstände auch sein mögen. Bei der von ihm zusammen mit Joe Zawinul geleiteten Jazzrock-Band Weather Report hieß es in den Siebzigern: »Our music is the folk music of the future.« Neu orientierte er sich auch im Privaten, als man bei seiner Tochter eine Gehirnverletzung feststellte und er sich der Religionsgemeinschaft Soka Gakkai anschloss: »Unsere Tochter hat unser Leben bereichert, und sie war der Auslöser, dass wir uns zusammen mit vielen Freunden dem Buddhismus zugewandt haben. Sie war ein Baby-Buddha, sie erfüllte ihre Mission in 14 Jahren.«

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    • Schlagworte Miles Davis | Herbie Hancock | Folk | Hollywood | Jazz | Kuba
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