Sachbuch Metaphysik des TumorsSeite 3/3
Solche literarische Sterbebegleitung ist ungewohnt, auch befremdlich, aber wir können diese Bücher gut gebrauchen. Sie erzählen trotz ihrer nur allzu menschlichen Verharmlosungsmanöver und Wichtigtuereien von der Zerbrechlichkeit des Daseins, von der man so lange nichts wissen wollte. Deswegen liest man sie mit Anteilnahme. Und sie erscheinen nicht zufällig so zahlreich in einer Zeit, in der die Airbags des Erfolgs und der materiellen Rundumversorgtheit nicht mehr alles abpuffern, versichern, dämmen, dämpfen und schallisolieren. In einer Zeit, in der uns manches um die Ohren fliegt, was vielleicht nicht mehr zu reparieren ist. Wie der Tod, der das ganz und gar Irreparable ist.
Auch die Autoren, die den Tod dekorieren oder von den Erfahrungen einer tödlichen Erkrankung profitieren möchten, können ihm seinen Schrecken nicht austreiben. Die Sterbe-Showmaster und die Todes-Eventmanager, die mit ihrer Ware keine neuen Horizonte, sondern nur neue Geschäftsfelder öffnen wollen, können nicht verheimlichen, dass der Tod wie nichts sonst die Frage nach dem Sinn unseres Lebens stellt. Und dass man mit dieser Frage sehr allein ist.
In dem Erscheinen der vielen neuen Sterbebücher drückt sich ein neuer Existenzialismus aus. Dieser Existenzialismus ist wie der Tod – zu nichts weiter nutze. Außer vielleicht dazu, uns demütig zu machen. Und uns zu heilen von dem Wahn, Herr im eigenen Haus zu sein.
- Datum 19.09.2009 - 12:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.09.2009 Nr. 39
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Wer wenig zu erzählen hat, schreibt ein Buch über den Tod eines Verwandten. Diese alte Kuh, der Tod, verzuckert die paar Gedanken, die so jemand in sich zusammensucht, zu einer persönlichen Offenbarung.
Was ist schon gegen den fremden Vater einzuwenden, oder gegen den Verlust eines und-so-weiter? Herein fallen darauf anscheinend vor allem mittelschichtige öffentliche Akteure, die von der Bühne treten, oder junge Gänse mit dem geistigen Spektrum eines Fernsehers. Man denke beispielsweise an die großen Enthüllungsstories eines dahinwelkenden Großjournalisten, oder eines Theatermachers, der nicht gerade durch Scharfsinn besticht, sondern gewalttätigen Stumpfsinn.
Im übrigen gilt das Gleiche für Journalisten, die aus beliebigen Meldungen gleich ein gesellschaftliches Phänomen stanzen. Es ist überhaupt keine Leistung irgendetwas zu einem Symptome der Gesellschaft aufzublähen: das tut jeder Bauarbeiter, den ich nach den Ursachen von Überstunden befrage.
gut beobachtet und hilfreich analysiert - ohne dabei ins Metaphyische oder Mathematische überzugehen - Hilfeich: lesen (oder auch nicht) und die "Beurteilungmaschine" mal abstellen
Die relationsreiche und abgewogene Auseinandersetzung unterscheidet den Artikel positiv von Texten anderer Autoren zu diesem Thema.
Wieso aber sollte der "neue Existenzialismus" - so es einer ist - zu nichts weiter nutze sein - außer für Demut und Selbstbegrenzung? Die Konfrontation mit der "Zerbrechlichkeit des Daseins" kann uns dazu bringen, neben der Erweiterung praktischer Fertigkeiten im Umgang mit diffizilen Situationen und dem differenzierteren Kennenlernen der eigenen Persönlichkeitsstruktur Konsequenzen für das Leben zu ziehen. Das kann auch zu Veränderungen in der eigenen Wertehierarchie führen. Insofern ist das eventuell durchaus zu etwas nutze.
Aber ist "Demut" eine adäquate Forderung? Wem oder was gegenüber? Göttern, Fatum, Supraindividuellem? Und warum? Warum sollte in einem "neuen Existenzialismus" der Mensch sich demütig statt frei von Instanzen und realitätsgerecht in seinem Blick machen? Auch wenn uns der realistische Blick konstatieren lässt, dass nicht alles in unserer Macht liegt, muss sich daraus nicht ergeben, dass es in der einer anderen Instanz liegt.
Heilung von dem "Wahn, Herr im eigenen Haus zu sein"? Wer dann? Wodurch sollte, so ist hier ohne Selbstüberschätzung oder Omnipotenzphantasien die Frage, dieser vermeintliche "Wahn" ersetzt werden oder rational ersetzbar sein?
Danke für das Panorama! Die Reportage von Bartholomäus Grill könnte eine weitere Antwort auf obige Frage geben: Literarische Sterbebegleitungen zeigen manchmal eindringlicher
(s.a. Youtube: Schlemm der Film), wie man heute stirbt (sterben darf).
Selbst wenn schriftstellerisch, oder auch künstlerisch, die allgemein verlangte Schöpfungshöhe vom Einzelnen erlangt wird, kann einem Tumor auf diese Weise realiter nicht gegenüber getreten werden. Notwendig ermöglicht jede Erkrankung es jedem allein, sie wissenschaftlich zu gewärtigen. Sich mithin darüber hinaus auch noch dazu zu versteigen, ausschließlich auf schriftstellerischen oder künstlerischen Pfaden sich einer Erkrankung zu nähern, muss somit darin münden, sich ungeduldig den Tod selbst zu holen.
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