Luchs Nr. 272 Glück im Strudel der Zeiten

Chen Jianghong erzählt von seiner Kindheit in der Kulturrevolution. Er mixt den Comic mit Holzstichen der Ming-Zeit und Pop-Art mit der Lithografie der zwanziger Jahre. Damit kann er die ganze Familie unterhalten

Ein chinesisches Kind, das um 1960 auf die Welt kam, erlebte schon in der Schule, dass diese Welt auf den Kopf gestellt werden kann. Die Übung hieß »Große Proletarische Kulturrevolution«, begann 1966 und wurde 1976 für »siegreich beendet« erklärt. Das Land lag damals in Ruinen.

Der 1963 in Tianjin geborene, heute in Paris lebende Künstler Chen Jianghong hat seine Kindheit in einer knapp, fast lakonisch erzählten, dafür umso reicher bebilderten Autobiografie festgehalten. Schon der kleine Chen war durch seine künstlerische Begabung aufgefallen, das sicherte ihm Anerkennung beim Entwerfen von Wandzeitungen und anderem Propagandamaterial. Den Eltern dürfte das Talent unheimlich gewesen sein.

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Die Veranstalter der chinesischen Kulturrevolution setzten auf Kinder und Jugendliche, wie es in Europa, Ende des 15. Jahrhunderts, auch der Dominikaner Savonarola mit seinen fanciulli gemacht hatte. Der offizielle Feind, in China wie in Italien, das war die Verkommenheit des »alten« Menschen, erkennbar, weil »das Alte« an Traditionen hing. So galten die Attacken der jungen Rotgardisten der Kultur, dem akademischen Denken, den moralischen Regeln einer Gesellschaft, die sich dem revolutionären Elan, der »Reinheit« nicht beugen wollte.

Mehr über den LUCHS Kinder- und Jugendbuchpreis

Der LUCHS Kinder- und Jugendbuchpreis wird seit 1986 jeden Monat von der Wochenzeitung DIE ZEIT und Radio Bremen vergeben. Der LUCHS prämiert ein besonderes Kinder- und Jugendbuch, das als "Anstiftung zum Denken und zur Kreativität" taugt. Aus 12 Monatsluchsen wird ein Jahresluchs gekürt.

Der LUCHS Jury gehören an: die Schriftstellerin Julia Franck, die Journalistin Marion Gerhard, Franz, Lettner vom Wiener Institut für Jugendliteratur, die Kritikerin Hilde Elisabeth Menzel,  sowie als Vorsitzende die Kinder-und Jugendbuchredakteurin der ZEIT, Dr. Susanne Mayer.

Das Gespräch zum aktuellen Buch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de/podcast/luchs.

Der kleine Chen erlebt, wie seine Eltern die Wohnung nach den neuen Vorbildern umstaffieren, ein Bild von Mao auf den Hausaltar stellen, wie die freundliche Nachbarin, die ihm Mozart vorspielte und aus Bonbonpapier Tänzerinnen faltete, misshandelt wird, wie der Vater der Mutter von seiner bevorstehenden Deportation berichten muss, damit er »umerzogen« werden kann. Der Junge sieht Bekannte, die mit spitzen Hüten aus Papier und Pappschildern um den Hals durch die Straßen getrieben werden, Schildern, auf denen wunderliche Begriffe stehen wie »Großgrundbesitzer«, »Kettenhund des Imperialismus« oder »Erzkapitalist«.

Versteht das der kleine Rotgardist, der stolz auf seine leuchtende Armbinde mit den gelben Schriftzeichen ist? Vermutlich nicht, und die Erwachsenen, insbesondere der kluge Großvater, sind zu vorsichtig, um sich mit Kommentaren vorzuwagen. So bleibt diese Zeit, in der Ordnung und Sicherheit nur in Bruchstücken existieren, wie ein in zu schnellem Tempo abgespielter Film in der Erinnerung.

Fragmente aber haben sich eingeprägt. Chen erinnert sich an Massenszenen und Alltagsleben, an grobschlächtige Verlautbarungen und kleine Szenen des Glücks, wie an jenen Moment daheim, als der Strom ausfällt und die Schwestern sich Geschichten erzählen, er selbst im Licht einer Petroleumlampe mit einem Stück Kreide auf dem Boden zeichnet.

Der Autor und Maler lebt seit 1987 in Paris, sein Bildband ist ein Glanzstück künstlerischen Zusammenspiels. Chen demonstriert, wie sich verschiedene Stile heraufbeschwören und fruchtbar miteinander verbinden lassen, der Comic mit den Holzstichen der Ming-Zeit, die Pop-Art mit der Lithografie der zwanziger Jahre, in der sich Europa und China künstlerisch so nahe waren – und alles, um noch einmal das Beispiel zu erwähnen, im Namen der Liebe zu den Details einer aus Bonbonpapier gefalteten Ballerina.

Ein Kinderbuch? Gewiss, doch am schönsten in jenem Verständnis von Kinderbuch, wo sich die ganze Familie über Bilder und Schrift beugt. Wo das Kind fragt: Wer war eigentlich dieser Mao, warum verbrennen die falsches Geld, was ist Umerziehung? Und ein Vater, vielleicht auch der Großvater, antwortet: »Nun, äh, das ist Geschichte, verstehst du, China, also, damals war das ein anderes Land.«

Chen Jianghong: An Großvaters Hand. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel; Moritz Verlag, 2009; 80 S., 24,80 €

 
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