Erst seit Kurzem rückt die Klimafrage in die Mitte der Gesellschaft © Christopher Furlong/Getty Images

In britischen Haushalten stehen 3,8 Millionen Fonduetöpfe, die kein Mensch je benutzt hat. Sie stehen nur da, man könnte sagen, sie stören keinen, der Kapitalismus hat immer sein Wachstum gewollt wie der Kunde seinen Fonduetopf. Und dafür geht viel CO₂ in die Luft. Jetzt ist die CO₂-Deponie des Planeten fast voll. Doch den meisten Menschen in Asien und Afrika fehlt noch das meiste.

Die Frage der Verteilungsgerechtigkeit ist in der Weltbürgergesellschaft unabweisbar geworden. Um die verbliebenen Spielräume auf der CO₂-Deponie balgen sich bald neun Milliarden Menschen, und die große Mehrheit von ihnen meint, Emissionen, die der Grundversorgung dienen, seien legitimer als Emissionen des Luxus. Die Zeit verstreicht, die Nachrichten der Klimaforscher werden genauer, das heißt schwärzer, und das Land exportiert übergewichtige Autos in alle Welt. Der Wolf kommt, ruft inzwischen jeder Experte, doch auch daran kann man sich offensichtlich gewöhnen. Wie also ruft man so, dass es Folgen hat?

Erst seit Kurzem rückt die Klimafrage von den Rändern in die Mitte der Gesellschaft. Da haben die Naturwissenschaftler aus den Weltklimaräten mit ihren Zahlen und Kurven die Debatte vorangetrieben, und der Superstar-Faktor eines Al Gore hat das Massenpublikum mächtig bewegt. Ende 2006 stellte der frühere Chefökonom der Weltbank, Nicholas Stern, mit dem Klimawandel ein erschreckend kostspieliges Marktversagen fest. Naturwissenschaftliche Empirie, mediale Superstar-Macht, ökonomische Kostenanalyse: Das waren die vernehmbarsten Stimmen. Nur wenige Politiker arbeiteten wie Hermann Scheer an einer emissionslosen Wirtschaft, nur wenige Sozialwissenschaftler wie der Theologe Wolfgang Sachs zeichneten am Bild einer Wohlstandsgesellschaft, die weniger verbraucht und besser lebt als Wachstumsökonomien bisher.

Die Autoren der jüngsten wissenschaftlichen Bücher zum Klimawandel kommen nun selbst aus der Mitte der Gesellschaft und aus dem Establishment ihrer Zunft, aber sie argumentieren so radikal wie ihre minoritären Vorgänger es taten. Nicholas Stern hat in seiner jüngsten Programmschrift Global Deal das CO₂-Dilemma neu formuliert: politisch. Das "Haupthindernis", schreibt er, sei der fehlende politische Wille. Mitten in der Finanzkrise kann jetzt ein Ökonom die Gerechtigkeitsfrage als zentralen Antrieb zur ökologischen Steuerung der Märkte bezeichnen und der eigenen Wissenschaft vorhalten, dass sie sich zu lange mit der Gefahr nicht befasst habe. Sterns Buch ist als Vorlage für die Konferenz von Kopenhagen zu lesen: "Wir brauchen ein Abkommen bis Ende Dezember 2009."

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Politics of Climate Change unsere westlichen Gesellschaften "überentwickelt" und betonen die Eile eines Politik- und Zivilisationswandels, obwohl sie nie in Verdacht waren, Grüne zu sein. Wenn Giddens das schreibt, wird es wahrgenommen. Und auch in Deutschland ist der Klimawandel in den oberen Etagen der Sozialforschung angekommen, wie das Buch vom Ende der Welt, wie wir sie kannten zeigt, verfasst vom Politologen Claus Leggewie und dem Sozialpsychologen Harald Welzer aus Essen. Sie erörtern den demokratischen Weg in den Mainstream: wie Demokratien den kommenden Umbrüchen gewachsen sein können.

Jetzt nennen selbst regierungsberatende Starsoziologen wie der Brite Anthony Giddens in seinem jüngsten Buch

Diese Stimmen verstärken einander, trotz aller Differenzen. Wie macht man mit der Illusionspolitik des "Weiter so" Schluss?, fragen alle, wie gewinnt man Menschen in aller Welt für radikale Emissionsarmut, wie vor allem gelingt es den Industrieländern, schnell von Kohle und Öl wegzukommen, damit sie für andere glaubhafter werden?

Die Autoren sind sich einig: Das Problem kann nur politisch gelöst werden, aber wer es zu lösen versucht, verändert Gewohnheiten, Gesetze, Märkte, also ganze Gesellschaften und braucht deren Zustimmung, zumal in den wohlhabenden Demokratien. Mobilität, Ernährung, Bauen, Bekleidung, Heizen, nichts bliebe unberührt, nichts geschähe ohne Konflikte, ohne Interessenskollisionen, ohne Basteln und Fremdeln.

Wie alle Politiker wissen auch diese Wissenschaftler, dass man selbst die ungemütlichste Nachricht heutzutage am besten motivierend als Chance anpreisen sollte, wenn sie Wirkung entfalten soll. Die Nachrichten zum Klimawandel aber korrigieren derzeit die Zahlen ständig ins Schlechtere, noch höhere zu erwartende Kosten, noch höhere Zahlen zu erwartender Flutopfer und Flüchtlinge, noch höhere Temperaturen, noch schneller schmelzendes Eis. Das bringt inzwischen der Ikea-Family-Katalog unters Volk, der von Ikeas Unterstützung pestizidfreier und wassersparender Baumwollproduktion in Indien erzählt, der auflistet, wie viel Tonnen CO₂ schlecht gepackte Möbellaster unnötig emittieren, und der das Billy natürlich trotzdem bewirbt. In Indien fehlt es noch an Billy-Regalen.