Das Ende der DDR Welche war die Heldenstadt?
Vor 20 Jahren begann im September die friedliche Revolution. Berlin und Leipzig wurden zu den Schauplätzen des Herbstes 1989
© Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V.

Riskante Fotos aus Leipzig: Am 4. September 1989 macht ein unbekannter Fotograf dieses Bild der Demonstration
Alle großen welthistorischen Ereignisse werden zweimal erzählt: einmal als Heldengeschichte, das andere Mal als Witz. Vor 20 Jahren verhöhnte ein westdeutsches Satiremagazin die ostdeutsche Revolution in Gestalt von Zonen-Gaby, die freudig eine geschälte Gurke als ihre erste Banane präsentierte. Damals schuf die Titanic eine antiheroische Ikone, obwohl noch gar keine Heroisierung stattgefunden hatte, und begründete so das Genre des Wendewitzes.
Er war eine Abwehrreaktion auf die nationale Mythisierung, die sich im Spätherbst 1989 fahnenschwenkend anzukündigen schien. Er war aber auch ein Bannfluch gegen das Unberechenbare des Umbruchs, gegen die Angst vor einer gemeinsamen Zukunft.
Heute ist er als anarchische Form des kollektiven Erinnerns Trost und Kompensation für die namenlosen Helden der Straße, die nicht einzeln gerühmt wurden. »Wann wäre die Wiedervereinigung gewesen, wenn es die Wende nicht gegeben hätte? Im Jahr 2014. Dann wäre die DDR 65 geworden und hätte rübergedurft.«
Wir leben in ironischen, in heldenskeptischen Zeiten. Denn wir haben den Heldenmut fürchten gelernt als Begleiterscheinung von Krieg und Diktatur. Unglücklich das Land, das Heldenstädte nötig hat! Bisher wurde die sogenannte Wende am liebsten als Mauerfall gefeiert, als sektseliges Mirakel, das wie ein Geschenk von oben schicksalhaft über das geteilte Berlin kam.
Günter Schabowski spielte dabei die Rolle eines tollpatschigen Deus ex Machina, doch die eigentlichen Akteure blieben im Dunkeln. Dem hauptstadtfixierten Gedenken haftete stets ein Hauch von Geschichtslüge an, denn in Wahrheit war Schabowski kein Gott aus der Maschine, und der Höhepunkt des Dramas fand nicht im Politbüro statt, sondern in Leipzig.
Dort wurde der Staat am 9. Oktober zum ersten Mal handlungsunfähig, als 70.000 Menschen durch die Stadt zogen und die schiere Masse den Repressionsapparat außer Kraft setzte. Das ermunterte Nachahmer im ganzen Land und demoralisierte die Mächtigen. Man könnte sagen, dass die Mauer eigentlich in Leipzig fiel.
Ohne 9. Oktober kein 9. November: Die Leipziger haben es schon immer gewusst. Dass wir anderen es nun endlich auch begreifen, merkt man an den öffentlichen Reden und den veröffentlichten Bildern im zwanzigsten Jubiläumsjahr.
Leipziger Legenden
Allmählich werden weniger Berliner Triumphszenen von Massenumarmungen an der Grenze gezeigt, stattdessen der endlose gespenstisch ruhig fließende Leipziger Menschenstrom. Allmählich nennen wir die Wende, diese Erfindung des vorletzten Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz, bei ihrem richtigen Namen. Er lautet nicht Mauerfall, sondern friedliche Revolution.
Die komischste Revolutionslegende, die von den Leipzigern gern als wahre Begebenheit kolportiert wird, zielt denn auch auf eine ernste Pointe – auf den Mut, den die Sachsen zeitig bewiesen, und auf die Feigheit, derentwegen die anderen Ostdeutschen sich schämen sollten, weil sie zu spät auf die Straße gingen.
Die Legende besagt: Wenn im September oder Oktober 1989 ein Auto mit einem Kennzeichen der nördlichen Landesbezirke an einer Leipziger Tankstelle auftauchte, womöglich gar mit einem »I« für Berlin, Hauptstadt der DDR, dann verweigerten die sächsischen Tankwarte den Auswärtigen das Benzin mit den Worten: Geht ihr erst mal demonstrieren, dann könnt ihr wiederkommen! Der Tankwart als Gewissen der Nation und als Richter über die Kampfmoral der Zeitgenossen. Wir wissen nicht, ob sich die Geschichte so zugetragen hat, doch der Streit schwelt seit zwanzig Jahren: Wem gebührt die Ehre? Welches ist die wahre Heldenstadt? Leipzig oder Berlin?
Es ist ein Streit um Anerkennung. Er eskalierte zuletzt in der Debatte um das Einheitsdenkmal, als die Leipziger sich übergangen fühlten und mit 15 Millionen Euro für den Bau eines eigenen Gedenkzeichens beruhigt werden mussten. Damit ist der Streit allerdings nicht beigelegt, zumal er auf tief sitzenden Animositäten aus DDR-Zeiten beruht, als die Hauptstadtverachtung vom Zorn auf die Staatsmacht ebenso befeuert wurde wie vom Neid auf Privilegien der Ostberliner.
Das »Schaufenster nach Westen« wurde ja zu Propagandazwecken bevorzugt mit Mangelware bestückt. In der Provinz hielt man die Berliner wegen ihrer konkreten Nähe zur Macht für systemloyaler und fühlte sich 89 bestätigt: Die Hauptstädter hinkten hinterher bei den Demos, bei der Stasiauflösung, bei der Gründung der Runden Tische. Ihre größte Demo am 4. November war eine genehmigte.
Heute wird die Städtekonkurrenz dadurch angeheizt, dass Berlin zum Symbol der Wiedervereinigung aufgestiegen ist. Tatsächlich symbolisierte die Mauer die deutsche Teilung. Deshalb bekam die Öffnung etwas so Endgültiges und setzte einen riesigen emotionalen Überschuss frei. Die tanzenden Mauerstürmer und die lautstarken Wahnsinnsrufe dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass am eigentlichen Tag der Entscheidung eine angstvolle Stille herrschte.
Die Angst ist ein bisschen in Vergessenheit geraten, weil es von den ersten Leipziger Montagsdemos im September bis hin zum 9. Oktober so wenige Bilder gibt. Westjournalisten hatten, wenn überhaupt, nur Akkreditierungen für Berlin. Außerdem war es gefährlich, zu filmen und zu fotografieren, wie die heimlichen Aufnahmen zeigen, die oftmals von Amateuren aus dem Umkreis der Kirchen gemacht wurden. Man sieht Postenketten und Lastwagen, man sieht die Ungeschütztheit versprengter Demonstranten und die drangvolle Enge der Eingekesselten, man sieht Fluchtbewegungen und plötzliche Übergriffe.
Dabeisein oder Nichtsein
Was man nicht sieht: das halbe Dutzend Schützenpanzerwagen und die zwei MG-Nester entlang der Demostrecke, die Nervosität der Bereitschaftspolizei und die Todesdrohung, die in der Luft lag, nachdem Egon Krenz bei einem Staatsbesuch in China Ende September das Massaker von Peking gutgeheißen hatte. Es stand als Warnung im Neuen Deutschland . Dass die Menschen sich davon nicht aufhalten ließen, ist ihre bleibende Großtat – sie wird auch nicht dadurch geschmälert, dass Historiker heute mäkeln, die Kampfgruppen hätten keine scharfe Munition gehabt. Was zählte, war die gefühlte Gefahr.
Demo oder nicht Demo, Dabeisein oder Nichtsein – das war die Frage, an der sich die Geister damals schieden. Man musste ja zweierlei Mut haben: auf die Straße zu gehen, aber jede Gewalt, auch handfeste Gegenwehr zu vermeiden. Man durfte nicht zurückschlagen, wenn die Provokateure der Stasi einen am Kragen packten oder wenn die Bereitschaftspolizei dazu überging, auch Frauen und Alte auf die Ladeflächen der Lkw zu stoßen.
Ironie der Geschichte, dass im Nachhinein Leipziger SED-Funktionäre und Berliner Hierarchen das Verdienst für den friedlichen Verlauf des 9. Oktober beanspruchen – als dreistester Geschichtsfälscher darf dabei Egon Krenz gelten, der nach dem Ende der Demonstration in Leipzig anrief und die »Entscheidung« gegen einen Schusswaffengebrauch absegnete.
Tatsächlich ist eine solche Entscheidung nicht verbürgt, die entsprechenden Akten aus dem SED-Bezirksparteiarchiv sind offenbar gezielt beseitigt worden. Verbürgt sind hingegen scharfmacherische interne Anweisungen Erich Honeckers und Erich Mielkes von Ende September, die Konterrevolution im Keim zu ersticken. Vieles spricht dafür, dass nur ein Befehlsnotstand den blutigen Gegenschlag verhinderte.
Damals empfand man das Glück, davongekommen zu sein, noch stark. Es war ein Berliner in Berlin, der den Titel Heldenstadt für Leipzig reklamierte. Am 4. November auf dem Alexanderplatz forderte Christoph Hein seine Landsleute auf, die selbst ernannten Väter des Leipziger Erfolges (»merkwürdige Väter bis hoch in die Spitze des Staates!«) nicht zu akzeptieren, sondern im Gedächtnis zu behalten, wer den Schlaf der Vernunft beendete. Es war die friedfertige Vernunft der Straße.
Wir haben, sagte Hein, uns an das Ortsschild »Berlin – Hauptstadt der DDR« gewöhnt. Um wie viel leichter werden wir uns an das Schild »Leipzig – Heldenstadt« gewöhnen. Dass es bis heute noch keines gibt, liegt vielleicht an unserem veralteten Heldenbegriff, der nicht auf die 89er-Ereignisse passt. Wir müssen uns erst noch zur Anerkennung jener antiautoritären Art Held durchringen, der damals auf den Plan trat. Er trug zwar immer noch Züge des alten Selbsthelfers, aber hatte nichts Selbstgefälliges, war kein einsamer Kämpfer auf weiter Flur.
Was ist eine Revolution? Was ist ein Held? Ein totalitärer Staat wird abgeschafft und ein endgültiges Geschichtsmodell widerlegt. Ein unbewaffneter Mensch stellt sich einem bewaffneten entgegen und zwingt ihn zum Rückzug. So gesehen war natürlich auch Berlin eine Heldenstadt. Seit den siebziger Jahren hatte sich dort aus Friedens- und Umweltbewegung heraus eine verlässliche Opposition gebildet.
Filmaufnahmen bremsten den Furor der Staatsmacht
Sie war weniger stark als in Polen oder in der Tschechoslowakei, aber stark genug, um den Impuls der 89er-Massenflucht aufzunehmen und zum Motor der Revolution zu werden. Der Freundeskreis der Wehrdienstverweigerer, die Weißenseer und Pankower Friedenskreise, die Kirche von unten und vor allem die Umweltbibliothek waren Berliner Phänomene, die nicht auf Berlin beschränkt blieben.
In der Wirklichkeit anders als in den Geschichtserzählungen gab es keine Trennung zwischen Berlin und Leipzig, das Netz der Dissidenten erstreckte sich über die gesamte Republik. Im September fuhren Berliner nach Leipzig zu den ersten Demos, Anfang Oktober fuhren Leipziger nach Berlin, um gegen die Staatsfeiern am 7. Oktober zu protestieren.
Sie trafen zusammen in der Gethsemanekirche, sie standen gemeinsam vorm Palast der Republik, wo Staatschef Erich Honecker mit hohen Gästen, darunter Michail Gorbatschow, ein letztes Mal feierte. Noch während Gorbatschow auf dem Rückweg zum Flughafen war, begann die Polizei brutal gegen die Demonstranten vorzugehen. Es wurde eine der schlimmsten Eskalationen des Herbstes.
Dass die Gewalt nicht weiter eskalierte, verdanken wir auch zwei Berliner Oppositionellen, die am 9. Oktober in Leipzig waren. Die Amateurfilmer Aram Radomski und Siegbert Schefke machten von einem Kirchturm herab spektakuläre Filmaufnahmen, die von der ARD gesendet wurden. Sie bremsten den Furor der Staatsmacht.
Es gibt nicht von allen Demonstrationen des Herbstes Bilder, aber es gab damals zahllose Heldenstädte und -dörfer. Wenn manche heute nicht so groß geehrt werden, wie es ihnen gebührte, dann liegt das auch im Wesen der friedlichen Revolutionäre begründet.
Die haben aus ihrem umstürzlerischen Tun keinen Herrschaftsanspruch abgeleitet. Sie griffen nicht zum Schwert, sondern hielten selbst gemalte Transparente hoch, auf denen stand: Keine Gewalt! Ihre Waffe war Tapferkeit. Ihre Taktik war Deeskalation, ihre Strategie Demut. Man erkennt die 89er-Helden daran, dass sie nicht für sich beanspruchten, Helden zu sein.
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- Datum 23.09.2009 - 14:30 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.09.2009 Nr. 39
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Hat die ZEIT keinen Quotenossi mehr, der wüßte, was vor 20 Jahren passierte?
Träumer. Entschieden wurde in Moskau, hätte man sich dagegen entschieden, hätte man die Demonstranten niedergeknüppelt.
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