Kabarett Der WitzreflexSeite 4/4
Die Typologie der deutschen Spitzenpolitik, wie Kröhnert sie sieht, ist schnell umrissen: Diese Wesen finden Erfüllung nur in der Intrige, Genuss nur im Verrat. Aber der Altkanzler, Gerhard Schröder, ist ein Fall für sich. Er ist bei Kröhnert, und nicht nur bei ihm, der Einzige, der zu sich gefunden hat: ein entspannter, von allem Schuldgefühl erlöster deutscher Bösewicht, kein Mann im Schatten, sondern substanzieller Teil des großen Schattens selbst.
Wenn Schröder auftritt, riecht es schweflig im Kabarett, und wenn er seinen »Freund Wladimir« erwähnt, dann ist der Mafia-Zementschuh nicht fern. Durch Schröder (und also Putin) zieht das Diabolische ins Drama ein und nicht nur das Verspannte und Verkrampfte. Das deutsche Kabarett vermisst ihn schmerzlich.
Der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt hat geschrieben, die Botschaft von Shakespeares Königsdramen ans Volk laute: Seid froh, dass ihr nicht dort oben steht. Ihr haltet euch zu Füßen eines Schafotts auf. Die dort oben werden fallen, und zwar bald. Es ergeht euch besser hier drunten. Auch das Kabarettpublikum würde allzu gern diesen Hauch der Gefahr noch spüren. Doch der alte Gegensatz zwischen »uns hier unten« und »denen da oben« ist ins Horizontale gekippt. »Die« sind nicht mehr »da oben«, sondern »da drinnen«, im Schlamm der Korruption, im Irrsinn der Politik, auf der anderen Seite des Fernsehschirmes: höhere Dschungelcamp-Insassen.
Aus dem Verhältnis zwischen Beherrschten und Herrschenden ist eines zwischen Kunden (beziehungsweise Zuschauern) und Dienstleistern (beziehungsweise Darstellern) geworden. Was zwischen diesen Gruppen stattfindet, ist nicht mehr Kritik, Diskurs, Unterwanderung, Subversion, sondern: Evaluation. Und der Ton, in dem das Kabarett über die Politiker spricht, ähnelt dem, in dem auf Uni-Internetseiten unbeliebte Dozenten bewertet werden. Auf diesem Umstand basiert auch der Erfolg der satirischen Wahlkämpfer Martin Sonneborn und Hape Kerkeling, welche mit ihren Filmen Die Partei und Horst Schlämmer – isch kandidiere jegliches »Oben« entzaubern: Es sitzen ja offensichtlich nur Knallchargen dort.
Kürzlich hat im Standard , der Wiener Qualitätszeitung, gestanden, das österreichische Boulevardblatt Kronen Zeitung zeichne sich dadurch aus, dass die Redakteure der Krone von ihren Leserbriefschreibern stilistisch nicht mehr zu unterscheiden seien. Das war hämisch gemeint und ziemlich treffend. Man könnte Ähnliches von vielen deutschen Kabarettisten sagen; sie sind dem Stammtisch, den sie parodieren müssten, zum Verwechseln ähnlich geworden.
Es gab Zeiten, da ließen die Deutschen sich vom frechen Herrn Hildebrandt und von seinen Leuten im Fernsehen in die Zukunft begleiten: Schimpf vor zwölf hieß die Sendung, sie lief in den letzten Stunden des 31. Dezember, und sie zeigte die Lach- und Schießgesellschaft auf dem Gipfel ihrer Popularität. Sie war das wache Schattenkabarett der Republik, welches uns im alten Jahr verabschiedete und im neuen Jahr empfing.
Später bot uns das Fernsehen an dieser Stelle die Neujahrskanzlerrede aus dem Vorjahr. Beinahe hätte es keiner gemerkt. Vielleicht war da schon alles vorbei. Vielleicht hatte dieses Land politisches Kabarett da schon nicht mehr nötig.
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- Datum 22.09.2009 - 14:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.09.2009 Nr. 39
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