Jochen Distelmeyer Wer braucht schon Vorbilder?
Jochen Distelmeyer ist einer der besten deutschen Songwriter. Nach dem Ende der Gruppe Blumfeld legt er jetzt sein erstes Soloalbum "Heavy" vor.
© Nic Frechen

Jochen Distelmeyer, geboren 1967 in Bielefeld, Erfinder des Diskursrock
Man fragt sich, ob er das wirklich ernst meint. Jochen Distelmeyer sitzt im Berliner Büro seiner Plattenfirma, das Interview geht schon bald eine halbe Stunde, bis er zur Sache kommt. Man erkennt es daran, dass er seine Worte noch langsamer wählt als zuvor, er nimmt den Tonfall von jemandem an, der die Zwischenbilanz einer künstlerischen Vereinsamung regelrecht zum Mitschreiben diktiert. Deshalb fragt man sich auch: Spricht Distelmeyer diese Gedanken wirklich zum ersten Mal aus? Oder wird man nur Zeuge der Wiederaufführung einer inszenierten Grübelei? Ist er der große Vereinsamte? Oder spielt er den nur gut, der ewige Alleindarsteller Distelmeyer?
Sein künstlerisches Selbstverständnis habe sich geändert, sagt er, nachdem er vor etwas mehr als zwei Jahren seine Band aufgelöst hat und nun sein erstes Soloalbum Heavy vorlegt. Der ehemalige Texter, Komponist und Sänger von Blumfeld sagt: »Meine Haltung zum Leben, zur Musik, zum Kunstmachen fühlt sich anders an.« Er sei an eine »innere Grenze der Kunst, ihrer Legitimität, ihrer Beschaffenheit« gekommen.
Dann holt er bedächtig zum Schlag aus: Er fühle sich nun in dem, was er tue – allein. »Natürlich, es hat andere vor mir gegeben, das kann ich nach wie vor achten und toll finden, aber das sind für mich keine Maßstäbe mehr. Für das, was ich machen will, versuchen will, gibt es keine role models, keine Vorbilder mehr.« Rumms, das sitzt.
Jochen Distelmeyer, mittlerweile ein Frühvierziger, gehörte nie zu denen, die ihr Wirken kleinreden. Dass er einer der besten deutschen Songwriter ist und vermutlich der beste Poptexter seiner Generation in deutscher Sprache, hat er hinlänglich auf sechs Blumfeld-Studioalben zwischen 1992 und 2006 nachgewiesen.
Fälschlicherweise hat man die Musik seiner Band lange als sogenannten Diskurs-Rock verstanden und seine Texte als Befindlichkeitsstudien linker Dissidenz gelesen, statt das zutiefst romantische Projekt dahinter wahrzunehmen: Distelmeyer wollte eben von Anfang an ein Künstler sein, der Grenzen austestet. Sein lyrisches Programm enthielt gleich all die Liebes- und Naturmotive, die man ihm später als Flucht aus dem Diskurs auslegte; musikalisch lotete Distelmeyer die eigenen Grenzen (und die der ihm zugeneigten Hörerschaft) mal mit perfektem Oberflächenpop aus, mal mit der vermeintlichen Authentizität harmlosen Folks.
Letztlich testete Distelmeyer aber vor allem die Elastizität seines Künstlerbildes. Dornenboy, seine bekannte Selbstbezichtigung, war das quasireligiöse, fast schon dylaneske Bekenntnis eines Pop-Dichters, der stellvertretend für und gegen die anderen litt, an sich selbst und an der Diktatur der Angepassten. Feindbilder gab es genug, aber eben auch Möglichkeiten für die Zuhörer, sich eingeschlossen zu fühlen in ein Wir-gegen-die: Man konnte buchstäblich mitleiden. Das fällt nun schwerer.
Die große Überraschung von Heavy aber ist zunächst, dass es darauf keine musikalische Überraschung gibt. Distelmeyer lässt die musikalischen Möglichkeiten aus, die sich ihm als Solokünstler geboten hätten. Er setzt kein Sinfonieorchester ein, kein Computergedaddel, er experimentiert nicht mit Weltmusik. »Alles macht weiter«, hat Distelmeyer mal gedichtet, und daran hält er sich nun stilistisch. Er hat sich einfach neue Mitspieler gesucht für die gleiche klassische Bandbesetzung wie schon bei Blumfeld.
Den Titel Heavy kann man insofern wörtlich nehmen, als dass es auf diesem Album ein paar schwere, harte Lieder über die Liebe gibt: wie sie luftig erscheint, vollkommen, wie sich zu ihr bekannt wird, für immer, und wie sie doch bald infrage steht, vergeht, ihr schließlich nachgetrauert wird. Heavy im Genre-Sinne sind diese Lieder gerade nicht. Weich sind sie und erinnern an die sanfteren Midtempo-Momente Blumfelds von Testament der Angst vor acht Jahren. Doch der Texter Distelmeyer findet zu einer noch klareren, unverstellteren Sprache als früher, erzählt untröstlich, da ist er unerreicht, »und ich weiß, dass es passiert, dann stehst du da mit ’nem anderen, er weiß sogar schon meinen Namen…«
Die anderen neuen, die lauteren, schnelleren Lieder sind wiederum so eingespielt, als wäre eine Rückkehr zur Rockmusik im seligen Zustand der Unschuld möglich; als könnte man den Haufen ihrer Geschichte, ihrer Konventionen, Posen ignorieren, ein allererstes Riff setzen. »Rock vor Rock« nennt Distelmeyer die musikalische Idee dieser Lieder, und erklärt, dass sie sich bei ihrer Entstehung wie »etwas quasi Schamanistisches« angefühlt hätten, »etwas Verlorengegangenes, so nicht mehr gespieltes quasi Primitives«.
Es scheint, als schiebe Distelmeyer die Quasis sicherheitshalber dazwischen, er will wohl nicht wie ein Esoteriker klingen. Doch das Problem ist: In den Texten dieser Lieder tut er genau das, er klingt wie der Esoteriker eines überkommenen Künstlerselbstbilds, das die alten Grenzen noch einmal hochzieht zwischen der eigenen maßlosen Freiheit und der vermeintlichen Unfreiheit der »Leute auf den Straßen«. So als lebten wir heute ernsthaft in einer total formierten Gesellschaft, aus der es nur einen Notausgang gibt, auf dem groß KÜNSTLER steht.
Das ist entweder zu romantisch gedacht oder bloß noch weltfremd. Wohin mit dem Hass?, singt Distelmeyer und lässt seine Zitiermaschine die Sprachklischees nur so rausrotzen: Groschen fallen, dicke Luft herrscht im Schacht, es wird auf dem Zahnfleisch gegangen, auf allen vieren gekrochen, und wer nicht hören will, muss fühlen. Leben im Zitat, ruft Distelmeyer, und da Zitatpop hier keineswegs das musikalische Programm ist, begreift man es als wörtlich zu nehmenden Vorwurf an die anderen. Doch der fällt hier zurück auf die eigene Schreibe. In der Wut geht ihm die Sprache aus, wird zur Montage des alltäglichen Geseiers einer Zeit, die längst untergegangen ist, und in diesen Momenten stimmt es leider, was Distelmeyer in Hiob singt: Seine »Worte sind ungestümer Wind«. Nicht mehr.
- Datum 18.09.2009 - 00:39 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.09.2009 Nr. 39
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Herr Distelmeyer wird schwer das Kunststück vollbracht zu haben 1976 geboren und trotzdem "mittlerweile ein Frühvierziger" zu sein. Korrekterweise ist das Geburtsjahr 1967.
[Vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir haben den Fehler inzwischen korrigiert. Die Redaktion/ew]
hat »Alles macht weiter« gedichtet. Darüber hinaus sind die saisonal wechselnden Selbstentwürfe nur noch lächerlich. Gestern Apfelmann, heute wieder Autos anzünden und »Wohin mit dem Hass?« Gähn...
Pffft. Trotz der brisanten Interpretationstiefe und der zyklischen Wankelmütigkeit des Künstlers erfreu ich mich solcher grandioser Reime wie "Und auf einmal ruft Louise: 'Kuckt mal da, da sind Pferde auf der Wiese'" oder "Ey Schatz, du bist mit deinen Gedanken woanders - bi-ba-be-lu-bab, hier spielt die Musik".
Weder war "Verbotene Früchte" "Apfelmann", noch ist "Heavy" "Wohin mit dem Hass?". Dafür ist letztere eine herzliche Liebesplatte mit treibend rockenden Einsprengseln, befreit aufgespielt. Freu!
die Musik hingegen ist das langweiligste und weichgespülteste, was mir seit langer Zeit untergekommen ist....
Ne gute Plattenfirma jedenfalls hat er, man ist nicht mal mehr bei ernsthaft geschmackorientierten Sendern vor dem seichten Gedudel dieses Herren sicher!
ZDF-Fernsehgarte, Wetten dass... von mir aus auch Carmen Nebel, da passt dieser musikalische Einheitsbrei wunderbar hin - bester Songwriter hin, bester Songwriter her - diese Album hätte es nicht gebraucht....
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