Jochen Distelmeyer Wer braucht schon Vorbilder?Seite 2/2

Den Titel Heavy kann man insofern wörtlich nehmen, als dass es auf diesem Album ein paar schwere, harte Lieder über die Liebe gibt: wie sie luftig erscheint, vollkommen, wie sich zu ihr bekannt wird, für immer, und wie sie doch bald infrage steht, vergeht, ihr schließlich nachgetrauert wird. Heavy im Genre-Sinne sind diese Lieder gerade nicht. Weich sind sie und erinnern an die sanfteren Midtempo-Momente Blumfelds von Testament der Angst vor acht Jahren. Doch der Texter Distelmeyer findet zu einer noch klareren, unverstellteren Sprache als früher, erzählt untröstlich, da ist er unerreicht, »und ich weiß, dass es passiert, dann stehst du da mit ’nem anderen, er weiß sogar schon meinen Namen…«

Die anderen neuen, die lauteren, schnelleren Lieder sind wiederum so eingespielt, als wäre eine Rückkehr zur Rockmusik im seligen Zustand der Unschuld möglich; als könnte man den Haufen ihrer Geschichte, ihrer Konventionen, Posen ignorieren, ein allererstes Riff setzen. »Rock vor Rock« nennt Distelmeyer die musikalische Idee dieser Lieder, und erklärt, dass sie sich bei ihrer Entstehung wie »etwas quasi Schamanistisches« angefühlt hätten, »etwas Verlorengegangenes, so nicht mehr gespieltes quasi Primitives«.

Es scheint, als schiebe Distelmeyer die Quasis sicherheitshalber dazwischen, er will wohl nicht wie ein Esoteriker klingen. Doch das Problem ist: In den Texten dieser Lieder tut er genau das, er klingt wie der Esoteriker eines überkommenen Künstlerselbstbilds, das die alten Grenzen noch einmal hochzieht zwischen der eigenen maßlosen Freiheit und der vermeintlichen Unfreiheit der »Leute auf den Straßen«. So als lebten wir heute ernsthaft in einer total formierten Gesellschaft, aus der es nur einen Notausgang gibt, auf dem groß KÜNSTLER steht.

Das ist entweder zu romantisch gedacht oder bloß noch weltfremd. Wohin mit dem Hass?, singt Distelmeyer und lässt seine Zitiermaschine die Sprachklischees nur so rausrotzen: Groschen fallen, dicke Luft herrscht im Schacht, es wird auf dem Zahnfleisch gegangen, auf allen vieren gekrochen, und wer nicht hören will, muss fühlen. Leben im Zitat, ruft Distelmeyer, und da Zitatpop hier keineswegs das musikalische Programm ist, begreift man es als wörtlich zu nehmenden Vorwurf an die anderen. Doch der fällt hier zurück auf die eigene Schreibe. In der Wut geht ihm die Sprache aus, wird zur Montage des alltäglichen Geseiers einer Zeit, die längst untergegangen ist, und in diesen Momenten stimmt es leider, was Distelmeyer in Hiob singt: Seine »Worte sind ungestümer Wind«. Nicht mehr.

 
Leser-Kommentare
    • jomk
    • 17.09.2009 um 17:23 Uhr

    Herr Distelmeyer wird schwer das Kunststück vollbracht zu haben 1976 geboren und trotzdem "mittlerweile ein Frühvierziger" zu sein. Korrekterweise ist das Geburtsjahr 1967.

    [Vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir haben den Fehler inzwischen korrigiert. Die Redaktion/ew]

    • editor
    • 18.09.2009 um 8:27 Uhr

    hat »Alles macht weiter« gedichtet. Darüber hinaus sind die saisonal wechselnden Selbstentwürfe nur noch lächerlich. Gestern Apfelmann, heute wieder Autos anzünden und »Wohin mit dem Hass?« Gähn...

  1. Pffft. Trotz der brisanten Interpretationstiefe und der zyklischen Wankelmütigkeit des Künstlers erfreu ich mich solcher grandioser Reime wie "Und auf einmal ruft Louise: 'Kuckt mal da, da sind Pferde auf der Wiese'" oder "Ey Schatz, du bist mit deinen Gedanken woanders - bi-ba-be-lu-bab, hier spielt die Musik".

    Weder war "Verbotene Früchte" "Apfelmann", noch ist "Heavy" "Wohin mit dem Hass?". Dafür ist letztere eine herzliche Liebesplatte mit treibend rockenden Einsprengseln, befreit aufgespielt. Freu!

  2. die Musik hingegen ist das langweiligste und weichgespülteste, was mir seit langer Zeit untergekommen ist....

    Ne gute Plattenfirma jedenfalls hat er, man ist nicht mal mehr bei ernsthaft geschmackorientierten Sendern vor dem seichten Gedudel dieses Herren sicher!

    ZDF-Fernsehgarte, Wetten dass... von mir aus auch Carmen Nebel, da passt dieser musikalische Einheitsbrei wunderbar hin - bester Songwriter hin, bester Songwriter her - diese Album hätte es nicht gebraucht....

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  • Quelle DIE ZEIT, 17.09.2009 Nr. 39
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