Ägypten »Hosen sind doch viel bequemer«

Ihr Mann, Ägyptens Präsident Anwar al-Sadat, wurde ermordet, weil er Frieden mit Israel schloss, sie kämpft für einen aufgeklärten Islam: Ein Gespräch mit Jehan al-Sadat

Jenan al-Sadat, 76, Witwe des 1981 ermordeten ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat

Jenan al-Sadat, 76, Witwe des 1981 ermordeten ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat

DIE ZEIT: Frau Sadat, die islamische Welt feiert Ramadan, tagsüber wird weder gegessen noch getrunken. Sie bieten uns Tee an, aber trinken selbst nichts. Sind Sie gläubig?

Jehan al-Sadat: Ja, ich halte mich an die Regeln. Ich faste, und ich bete zu den vorgegebenen Zeiten. Da bin ich sehr streng. Während des Ramadan lese ich auch den Koran noch einmal im Ganzen.

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ZEIT: Dabei entsprechen Sie nicht dem Klischee einer Muslimin, das viele im Westen haben. Sie tragen Hosen und bedecken Ihr Haar nicht.

Sadat: Hosen sind doch auch viel bequemer, ich mag Röcke nicht besonders. Aber im Ernst: Was sagt ein Kleidungsstück darüber aus, ob ich ein guter Muslim bin? Ich würde auch nie im Leben einen Schleier tragen. Meiner Meinung nach geht der Islam viel tiefer, als es ein Stück Stoff ausdrücken kann. Der Glaube äußert sich in meiner Einstellung, meiner Wahrheitsliebe, dem Umgang mit meinen Mitmenschen. Dass eine Frau den Schleier tragen soll, ist nur eine Interpretation des Korans.

ZEIT: Viele Ägypterinnen scheinen anderer Meinung zu sein als Sie. Wenn man heute durch Kairos Straßen geht, sieht man kaum mehr Frauen ohne Schleier.

Sadat: Das ist eine Entwicklung, die von außen in unser Land gekommen ist. Länder wie Iran und Saudi-Arabien investieren viel Geld in die Propaganda von ihrem Bild des Islams. Sie reden den Frauen ein, sie sollten sich am besten ganz verschleiern. Und wir aufgeklärten Muslime haben es versäumt, etwas dagegen zu unternehmen. Wir sind die Mehrheit, und wir müssen jetzt endlich aufstehen und unsere Religion verteidigen gegen die Fanatiker.

Jehan al-Sadat

, 76, ist die Witwe des 1981 ermordeten ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat. Ein islamischer Extremist erschoss ihn, weil er 1978 in einem historischen Schritt als erster arabischer Staatsmann Frieden mit Israel geschlossen hatte. Jehan Sadat, die heute einen Lehrauftrag an der Universität von Maryland hat, lebt dort und in Kairo. Der ägyptische Staat überließ ihr die ehemalige Vize-Präsidenten-Villa am Nil. Dort wohnt sie mit ihrer Perser-Katze inmitten von Bildern ihres Mannes. Auch ein Foto des ehemaligen deutschen Kanzlers Helmut Schmidt, einem Freund der Familie, ziert die Anrichte im Empfangszimmer. »Er ist der einzige ausländische Staatsmann, von dem ich ein Porträt aufgestellt habe«, sagt sie. Schmidt schrieb das Vorwort zu Jehan al-Sadats neuem Buch »Meine Hoffnung auf Frieden« (Hoffmann und Campe), das in dieser Woche erscheint.

ZEIT: In Sudan hat jetzt eine einzelne Frau öffentlich Widerspruch eingelegt, als sie zu Peitschenhieben verurteilt wurde, weil sie Hosen trug.

Sadat: Ja, und ich finde, Lubna Hussein hat genau das Richtige getan. Was für eine mutige Frau! Ein Vorbild für alle Frauen. Diese Strafe hat sie wirklich nicht verdient, was soll denn an Hosen unanständig sein? Dann sollen sie uns doch alle ins Gefängnis stecken!

ZEIT: Sie leben die eine Hälfte des Jahres in den USA, die andere in Kairo. Sie haben einen ägyptischen Vater und eine britische Mutter. Welche Seite ist die stärkere in Ihnen?

Sadat: Natürlich die ägyptische, weil ich hier geboren und aufgewachsen bin. Erst nach dem Tod meines Mannes Anwar al-Sadat nahm ich in Washington und South Carolina Lehraufträge an. Das war 1985, ich war bereits 52. Hier, in Ägypten, sind meine Wurzeln. Aber natürlich kenne ich den westlichen Lebensstil und die Bräuche sehr gut. Als meine Mutter noch lebte, haben wir auch jedes Jahr Weihnachten gefeiert, mit Tannenbaum und Geschenken.

Leser-Kommentare
  1. vornehmlich Frauen , die auch problemlos im Westen leben könnten als das Vorbild für die Moslems? Die gesellschaftliche Realität sieht doch ganz anders aus.Vor ein paar Wochen war es die Frau vom Syriens Staatschef die ihrer Biographie nach soviel noch mit ihrer Heimat zu tun hatte wie ein Neuseeländer mit Botswana.Trotzdem wird immer wieder betont,wie sie mit jeder einzelnen Pore und jedem Pigment der (reichlich aufgetragenen) Schminke Moderne atmen,Moderne aussenden,Moderne,Moderne überall und jederzeit.
    Sagt mal,liebe Zeit-Redaktion,für wie blöd halten sie uns eigentlich?

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