Ägypten »Hosen sind doch viel bequemer«
Ihr Mann, Ägyptens Präsident Anwar al-Sadat, wurde ermordet, weil er Frieden mit Israel schloss, sie kämpft für einen aufgeklärten Islam: Ein Gespräch mit Jehan al-Sadat
© Nicholas kamm/AFP/Getty Images

Jenan al-Sadat, 76, Witwe des 1981 ermordeten ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat
DIE ZEIT: Frau Sadat, die islamische Welt feiert Ramadan, tagsüber wird weder gegessen noch getrunken. Sie bieten uns Tee an, aber trinken selbst nichts. Sind Sie gläubig?
Jehan al-Sadat: Ja, ich halte mich an die Regeln. Ich faste, und ich bete zu den vorgegebenen Zeiten. Da bin ich sehr streng. Während des Ramadan lese ich auch den Koran noch einmal im Ganzen.
ZEIT: Dabei entsprechen Sie nicht dem Klischee einer Muslimin, das viele im Westen haben. Sie tragen Hosen und bedecken Ihr Haar nicht.
Sadat: Hosen sind doch auch viel bequemer, ich mag Röcke nicht besonders. Aber im Ernst: Was sagt ein Kleidungsstück darüber aus, ob ich ein guter Muslim bin? Ich würde auch nie im Leben einen Schleier tragen. Meiner Meinung nach geht der Islam viel tiefer, als es ein Stück Stoff ausdrücken kann. Der Glaube äußert sich in meiner Einstellung, meiner Wahrheitsliebe, dem Umgang mit meinen Mitmenschen. Dass eine Frau den Schleier tragen soll, ist nur eine Interpretation des Korans.
ZEIT: Viele Ägypterinnen scheinen anderer Meinung zu sein als Sie. Wenn man heute durch Kairos Straßen geht, sieht man kaum mehr Frauen ohne Schleier.
Sadat: Das ist eine Entwicklung, die von außen in unser Land gekommen ist. Länder wie Iran und Saudi-Arabien investieren viel Geld in die Propaganda von ihrem Bild des Islams. Sie reden den Frauen ein, sie sollten sich am besten ganz verschleiern. Und wir aufgeklärten Muslime haben es versäumt, etwas dagegen zu unternehmen. Wir sind die Mehrheit, und wir müssen jetzt endlich aufstehen und unsere Religion verteidigen gegen die Fanatiker.
, 76, ist die Witwe des 1981 ermordeten ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat. Ein islamischer Extremist erschoss ihn, weil er 1978 in einem historischen Schritt als erster arabischer Staatsmann Frieden mit Israel geschlossen hatte. Jehan Sadat, die heute einen Lehrauftrag an der Universität von Maryland hat, lebt dort und in Kairo. Der ägyptische Staat überließ ihr die ehemalige Vize-Präsidenten-Villa am Nil. Dort wohnt sie mit ihrer Perser-Katze inmitten von Bildern ihres Mannes. Auch ein Foto des ehemaligen deutschen Kanzlers Helmut Schmidt, einem Freund der Familie, ziert die Anrichte im Empfangszimmer. »Er ist der einzige ausländische Staatsmann, von dem ich ein Porträt aufgestellt habe«, sagt sie. Schmidt schrieb das Vorwort zu Jehan al-Sadats neuem Buch »Meine Hoffnung auf Frieden« (Hoffmann und Campe), das in dieser Woche erscheint.
ZEIT: In Sudan hat jetzt eine einzelne Frau öffentlich Widerspruch eingelegt, als sie zu Peitschenhieben verurteilt wurde, weil sie Hosen trug.
Sadat: Ja, und ich finde, Lubna Hussein hat genau das Richtige getan. Was für eine mutige Frau! Ein Vorbild für alle Frauen. Diese Strafe hat sie wirklich nicht verdient, was soll denn an Hosen unanständig sein? Dann sollen sie uns doch alle ins Gefängnis stecken!
ZEIT: Sie leben die eine Hälfte des Jahres in den USA, die andere in Kairo. Sie haben einen ägyptischen Vater und eine britische Mutter. Welche Seite ist die stärkere in Ihnen?
Sadat: Natürlich die ägyptische, weil ich hier geboren und aufgewachsen bin. Erst nach dem Tod meines Mannes Anwar al-Sadat nahm ich in Washington und South Carolina Lehraufträge an. Das war 1985, ich war bereits 52. Hier, in Ägypten, sind meine Wurzeln. Aber natürlich kenne ich den westlichen Lebensstil und die Bräuche sehr gut. Als meine Mutter noch lebte, haben wir auch jedes Jahr Weihnachten gefeiert, mit Tannenbaum und Geschenken.
ZEIT: In Ihrem neuen Buch geht es um den Graben zwischen Westen und islamischer Welt. Für viele ist der Mord an der Ägypterin Marwa al-Scherbini in Dresden ein weiterer Beleg dafür. Der Täter hatte die Frau, die ein Kopftuch trug, zuvor als »Islamistin« beschimpft.
Sadat: Der Mörder war ein Fanatiker, solche Leute gibt es leider überall auf der Welt. Natürlich ist das ein grauenhaftes, rassistisches Verbrechen. Es zeigt auch, wie falsch das Verständnis ist, das viele vom Islam haben. Wenn eine Frau ein Kopftuch trägt, heißt das noch lange nicht, dass sie eine Fanatikerin ist. Auch wenn ich es nie tragen würde, weiß ich doch, dass viele Frauen mit Kopftuch sehr aufgeklärt und offen sind.
ZEIT: Herrscht im Westen Islamophobie?
Sadat: In westlichen Medien dominiert noch immer das Bild vom Iran Chomeinis und von Diktatoren wie Saddam Hussein. Das ist falsch. Auch mein Mann war ein echter Muslim, und der Westen liebte ihn.
ZEIT: Anwar al-Sadat wurde 1981 von militanten Islamisten ermordet. Im Irak und in Afghanistan führen westliche Truppen Krieg – gegen Terrorismus. Kann man den Terror so eindämmen?
Sadat: Nein, das bringt nur noch mehr Terroristen hervor. Es muss eine globale Zusammenarbeit aller Länder geben, aber nicht, indem man den Irak oder Afghanistan besetzt. Der Krieg im Irak hat sich viel zu lange hingezogen. Die Amerikaner hätten Saddam stürzen und dann wieder gehen sollen.
ZEIT: Also war es richtig einzumarschieren?
Sadat: Um Saddam zu stürzen, ja, weil er ein Diktator war, den niemand sonst hätte stürzen können. Alle waren froh, als er weg war.
ZEIT: Ägypten geht seinen eigenen Weg im Antiterrorkampf. Islamisten werden reihenweise ins Gefängnis geworfen.
Sadat: Wenn sie gegen das Gesetz verstoßen, dann werden sie eingesperrt. Sie müssen die Gesetze respektieren. Sonst enden wir im Chaos.
ZEIT: Aber warum werden sie hier gefoltert und ohne ordentlichen Prozess eingesperrt?
Sadat: Es ist natürlich falsch zu foltern. So wie in Abu Ghraib, das war eine Katastrophe.
ZEIT: Und wie in Ägypten…
Sadat: Unsere Regierung sagt, dass in unseren Gefängnissen nicht gefoltert wird. Manchmal behaupten einige Inhaftierte auch nur, dass sie gefoltert wurden, und es stimmt gar nicht. Aber ihr Europäer glaubt das immer sofort.
ZEIT: Es steht nicht gut um die Demokratie in Ägypten. Bei den letzten Wahlen wurde sogar der Gegenkandidat von Präsident Mubarak ins Gefängnis gesteckt. Liegt hier eine Ursache von politischem Extremismus?
Sadat: Die Regierung verspricht uns, dass die nächsten Wahlen 2011 fair und gleich und von unabhängigen Richtern überwacht sein werden. Der Präsident hat sein Wort gegeben. Demokratie kommt aber nicht in einem Tag oder einem Monat, sie braucht Zeit zur Entwicklung. So war es auch in England oder Deutschland.
ZEIT: Sollte dann auch die wohl populärste Bewegung, die Muslimbrüder, an Wahlen teilnehmen dürfen?
Sadat: Ich habe davor ein wenig Angst. Wenn alles offen und fair ist und sie an die Regierung kommen, dann würde uns das um Hunderte Jahre zurückwerfen. Das ist unser großes Dilemma. Ich bin für Freiheit und Demokratie, aber gegen die Herrschaft der Muslimbrüder.
ZEIT: In den Palästinensergebieten siegten bei den Parlamentswahlen 2006 Islamisten. Sollte der Westen aufhören, Hamas zu boykottieren?
Sadat: Hamas wurde gewählt, das ist eine Tatsache. Daher muss man mit ihr verhandeln. Und vielleicht wird Hamas dann ihre radikalen Positionen ändern.
ZEIT: Palästinensische Islamisten können sich also ändern, aber Islamisten in Ägypten nicht?
Sadat: Ich sehe, Sie wollen mich in die Ecke treiben! (lacht) Ich glaube nicht, dass Hamas sich komplett ändert, aber die Zeit läuft gegen sie und gegen die Palästinenser. Jetzt haben sie eine historische Chance mit Präsident Obamas Friedensinitiative. Und es ist ihre letzte Gelegenheit, mit den Israelis zu einem Frieden zu kommen.
ZEIT: Israels Premier Netanjahu hat Siedlern den Neubau von Häusern im Westjordanland erlaubt. Woher nehmen Sie Ihre Hoffnung auf Frieden?
Sadat: Ich wünsche mir, dass Netanjahu sich ein Beispiel an Menachem Begin nimmt, der mit meinem Mann Frieden geschlossen hat. Er war in derselben Partei, im Likud. Netanjahu könnte auch in die Geschichte eingehen als ein Mann des Friedens.
ZEIT: Ihr Mann bezahlte dafür mit seinem Leben. In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie danach lernen mussten, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie waren über 50, als Sie Ihr erstes eigenes Geld verdienten.
Sadat: Es war ein riesiger Schritt für mich, als ich meine Lehrtätigkeit als Gastdozentin in den USA begann. Ich war so stolz, als ich mit meinem Gehaltsscheck zur Bank ging und mein erstes eigenes Konto eröffnete! Nach dem Tod meines Mannes bezog ich nur eine kleine Rente, ich musste arbeiten, anstatt über mein Schicksal zu jammern.
ZEIT: Sie – als ehemalige Präsidentengattin?
Sadat: Ja natürlich! Wir hatten keinen Besitz. Das Haus, in dem ich hier in Kairo wohne, gehört dem Staat. Mein einziges Eigentum ist mein Haus in den USA, das ich von meinem dort verdienten Geld gekauft habe. Es erfüllt mich mit Glück, nicht einfach nur die ehemalige Präsidentengattin zu sein, die bedient wird. Es macht mir Spaß, in den USA arbeiten zu gehen, im Supermarkt einzukaufen und selber zu kochen. Vorher musste ich das ja alles nicht machen, jetzt liebe ich es.
ZEIT: Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Herausforderung für Frauen im Nahen Osten?
Sadat: Bildung. In Ägypten können laut einem Bericht der Vereinten Nationen 41 Prozent der Frauen nicht lesen und schreiben. Ihre Ausbildung ist unsere wichtigste Aufgabe, nur so können sie ihre Rechte verteidigen. Man versteht seine Rechte nicht als Analphabetin.
ZEIT: Sie selbst haben die Schule abgebrochen, um mit 15 zu heiraten. Waren Sie zu jung?
Sadat: Ja, eigentlich schon. Heute würde das niemand mehr machen. Man sollte erst mal einen eigenen Beruf erlernen. Aber es war eben eine Liebesgeschichte, und ich war sehr erwachsen für mein Alter. Meine Mutter war zwar auch erst dagegen, aber als sie Sadat kennenlernte, war sie überzeugt, dass ich die richtige Wahl getroffen hatte. Und so sehe ich das bis heute.
Das Gespräch führten Michael Thumann und Annabel Wahba
- Datum 23.09.2009 - 10:14 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.09.2009 Nr. 39
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vornehmlich Frauen , die auch problemlos im Westen leben könnten als das Vorbild für die Moslems? Die gesellschaftliche Realität sieht doch ganz anders aus.Vor ein paar Wochen war es die Frau vom Syriens Staatschef die ihrer Biographie nach soviel noch mit ihrer Heimat zu tun hatte wie ein Neuseeländer mit Botswana.Trotzdem wird immer wieder betont,wie sie mit jeder einzelnen Pore und jedem Pigment der (reichlich aufgetragenen) Schminke Moderne atmen,Moderne aussenden,Moderne,Moderne überall und jederzeit.
Sagt mal,liebe Zeit-Redaktion,für wie blöd halten sie uns eigentlich?
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