Eidgenossen Das verlorene Paradies

Libyens Diktator Gadhafi will die Schweiz unter den Nachbarn aufteilen. Das weckt Urängste der Eidgenossen.

Zwei berühmte Schweizer Berge: Der Eiger (L)und der Mönch (R), zusammen bilden sie das Gebirgsmassiv Jungfrau

Zwei berühmte Schweizer Berge: Der Eiger (L)und der Mönch (R), zusammen bilden sie das Gebirgsmassiv Jungfrau

Auch diesen Sommer gab sich die Elite der Schweiz bei der Eröffnung des Luzerner Klassikfestivals wieder die Ehre. Doch bevor Maestro Claudio Abbado den Taktstock hob, sprang der klein gewachsene Bundespräsident und Finanzminister der Schweiz, Hans-Rudolf Merz, auf die Bühne und sprach ein Grußwort. Die Musik, hob er mit fester Stimme an, spiele heute in Washington, London und Paris. Und da würden nicht etwa Die vier Jahreszeiten und auch nicht Peter und der Wolf gegeben. Dann rief er mit Zornesstimme ins Publikum: »Nein. Heute wird den kleinen Ländern der Marsch geblasen!« Der eruptive Applaus, der diesen Worten folgte, klang, als habe hier einer den Anwesenden aus dem Herzen gesprochen.

Die Schweizer fühlen sich umzingelt von einer Welt, die ihnen nicht nur Gutes will. Aus dem Kleinod im Herzen Europas ist eine Insel der Unglückseligen geworden. Die andern da draußen rütteln an den Grundfesten ihrer Identität, sie wollen dem Finanzplatz an den Kragen. Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück und die amerikanischen Steuerbehörden sind zu Feinden der Schweiz geworden. Auch Kanada, die Türkei und Indien forderten Einzelheiten über die Vermögen, die ihre Landsleute im Alpenstaat angelegt haben. Und der französische Finanzminister behauptete frech, er habe die Daten von 3000 Franzosen, die Kunden bei Schweizer Banken seien.

Anzeige

Das Leben erscheint dem Schweizer heute wie eine Kaskade von Niederlagen.

Und jetzt auch noch Oberst Muammar al-Gadhafi, Libyens Diktator und wütender Vater. Was war geschehen? Die Genfer Kantonspolizei hatte im vergangenen Jahr Gadhafis Sohn Hannibal und dessen Frau Aline im Luxushotel Président Wilson verhaftet. Zwei seiner libyschen Bediensteten hatten den Auslandsaufenthalt genutzt, um gegen ihre Arbeitgeber Anzeige zu erstatten wegen wiederholter körperlicher Misshandlungen. Gadhafi senior reagierte auf die Verhaftung umgehend. Er setzte zwei Schweizer Geschäftsmänner in Libyen fest, drosselte die Erdöllieferungen, zog Milliarden aus der Schweiz ab und stellte den Flugverkehr zwischen den beiden Ländern ein. Dann lieferte er den finalen, den tödlichen Vorstoß.

Am Rande des vergangenen G-8-Gipfels im italienischen LAquila verlangte er, die Schweiz aufzulösen und die einzelnen Landesteile den jeweiligen Nachbarländern zuzuschlagen: die Westschweiz den Franzosen, das Tessin den Italienern und die deutsche Schweiz den Deutschen. Das hatten schon Napoleons Generäle vorgeschlagen. Am 23. September wird Gadhafi vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York sprechen. Die Schweiz zittert schon – und hat drei Bundesräte nach New York beordert, um die drohenden Angriffe zu parieren.

Aber das Land fürchtet eine neuerliche Blamage. Ähnlich jener von Bundespräsident Merz, der im August überstürzt nach Tripolis geflogen war, um die zwei Schweizer Geschäftsmänner heimzuholen, die seit über einem Jahr im Land festgehalten werden. Er wollte die Sache, an der sich das Außenministerium monatelang die Zähne ausgebissen hatte, im Handstreich zu seinem triumphalen Ende bringen. Auch wenn ihn der Diktator nicht einmal persönlich empfing, unterschrieb Merz einen Vertrag, in dem er sich für die »ungerechtfertigte und unnötige Verhaftung« von Gadhafi junior durch die Genfer Polizei »entschuldigte« und der Einsetzung eines Schiedsgerichtes zustimmte, das den Vorfall in Genf klären soll. Dafür wurde ihm versprochen, die Geiseln bis Ende August auszuliefern. Sie sind bis heute nicht zurückgekehrt.

So überzogen sie sein mögen, die Angriffe Gadhafis auf die Schweiz, sie wecken die Urängste der Schweizer. Denn der Zweifel an der Zukunft der eigenen Nation ist ihnen in die Gene eingeschrieben. Dieses Land, das seine Existenz den Fügungen der Geschichte verdankt, diese Willensnation, die es immer verstanden hat, die sehr verschiedenen Landesteile und Mentalitäten durch ein ausgeklügeltes politisches System der direkten Demokratie zusammenhalten, ist zutiefst verunsichert. Die Welt scheint sie nicht mehr zu mögen. Und das wiederum mögen die konsens- und harmoniewilligen Schweizer gar nicht.

Leser-Kommentare
  1. Vor Gaddafi schützt auch die EU nicht. Die EU ist außenpolitisch impotent und wie Dänemark lernen hat müssen, kriecht sie bei jeder kleinen Drohung auf allen Vieren.

    Dafür haben wir eine pseudodemokratische Behörde die uns systematisch entmündigt.

    Schweiz, bleib so wie du bist...

  2. 2.

    Zum Jungfraumassiv gehört übrigens auch noch die Jungfrau selbst, der höchste Berg des Massivs.

  3. 3. EU...

    Die EU reguluiert auch munter lauter Unsinn...
    Siehe Obst...

    Insofern ist es für die Schweiz - solange es ihr gut geht - sich aus der EU herauszuhalten.

    Die EU hat sicherlich positive aspekte - aber der versuch Europa in die "Vereinigeten Staaten von Europa" zu verwandeln behagt nicht jedem.
    (Mir z.B. nicht).

    Andere "Details" wie offene Grenzen sind durch das Schengener Abkommen ohne EU geregelt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Puzi
    • 19.09.2009 um 14:51 Uhr

    Jetzt sind Sie mir doch zuvor gekommen.
    Freilich ist das, was Gadhafi fordert, Unfug.

    Aber es waere doch eine Ironie des Schicksals, wenn die Verschmelzung der EU zu den USE (United States of Europe) den Anfang nehmen wuerde in der Annektierung der Schweiz durch die angrenzenden Nationalstaaten.

    Ich bin ein grosser Fan dieses Projektes - allerdings glaube ich nicht, dass der Weg ueber die EU fuehrt. Auch hier wuerde ich mich von den USA inspirieren lassen (den Voelkermord an den Eingeborenen einmal weg gelassen): Fuer den Anfang verschmelzen D und FRA, als Neustart. Alle anderen Laender werden dann als Bundesstaaten hinzugefuegt, sobald sie ihre Souveraenitaet aufgeben. Dieser Unfug selbsstaendiger Staaten erzeug lediglich einen gigantischen Verwaltungsapparat.

    • Puzi
    • 19.09.2009 um 14:51 Uhr

    Jetzt sind Sie mir doch zuvor gekommen.
    Freilich ist das, was Gadhafi fordert, Unfug.

    Aber es waere doch eine Ironie des Schicksals, wenn die Verschmelzung der EU zu den USE (United States of Europe) den Anfang nehmen wuerde in der Annektierung der Schweiz durch die angrenzenden Nationalstaaten.

    Ich bin ein grosser Fan dieses Projektes - allerdings glaube ich nicht, dass der Weg ueber die EU fuehrt. Auch hier wuerde ich mich von den USA inspirieren lassen (den Voelkermord an den Eingeborenen einmal weg gelassen): Fuer den Anfang verschmelzen D und FRA, als Neustart. Alle anderen Laender werden dann als Bundesstaaten hinzugefuegt, sobald sie ihre Souveraenitaet aufgeben. Dieser Unfug selbsstaendiger Staaten erzeug lediglich einen gigantischen Verwaltungsapparat.

    • TDU
    • 19.09.2009 um 14:49 Uhr

    So die Antwort eines deutschen Poltikers mit gelichzeitigem Eingständnis, dass ihm die Reaktion der Bevölkerung auf einen sicher nicht unmomplizierten Tatbestnd egal war. Das scheint in der Schweiz ja noch ein bißchen anders zu sein.

    Ich erinnere mich nicht, dass Deutschland nach dem Krieg Sanktionen gegen ein Land unternommen hätte, welches seine Staatsbürger strafrechtlich verfolgt. Im Gegenteil, je nach Delikt dürfen die hierzulande auch noch einmal verurteilt werden. Aber das ist natürlich kein Grund, dem Herrn Gaddafi mal ein paar diplomatische Worte zu sagen. Irgendeine Mitschuld werden wir sicher haben und sicher auch Kommentare finden, die Gaddafis Tun rechtfertigen.

    • Puzi
    • 19.09.2009 um 14:51 Uhr

    Jetzt sind Sie mir doch zuvor gekommen.
    Freilich ist das, was Gadhafi fordert, Unfug.

    Aber es waere doch eine Ironie des Schicksals, wenn die Verschmelzung der EU zu den USE (United States of Europe) den Anfang nehmen wuerde in der Annektierung der Schweiz durch die angrenzenden Nationalstaaten.

    Ich bin ein grosser Fan dieses Projektes - allerdings glaube ich nicht, dass der Weg ueber die EU fuehrt. Auch hier wuerde ich mich von den USA inspirieren lassen (den Voelkermord an den Eingeborenen einmal weg gelassen): Fuer den Anfang verschmelzen D und FRA, als Neustart. Alle anderen Laender werden dann als Bundesstaaten hinzugefuegt, sobald sie ihre Souveraenitaet aufgeben. Dieser Unfug selbsstaendiger Staaten erzeug lediglich einen gigantischen Verwaltungsapparat.

    Antwort auf "EU..."
  4. Die EU ist überflüssig wie ein Kropf - abschaffen. Der Bevölkerung ging es hier davor über 200% besser. Löhne wurden halbiert - Ausgaben wuchsen um das doppelte. Profitiert haben nur Konzerne.

    Die Schweiz und GB machen's richtig - einfach raushalten aus dem Kuddelmuddel.
    Die anderen, kleineren Länder im Osten EU wurden doch nur aufgenommen, wegen der vielen billigen Arbeitskräfte für die Konzerne & Co.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ich glaube Sie sehen hier Kausalitäten, wo keine sind. Die EU ist mitnichten für die von Ihnen angesprochenen Probleme verantwortlich zu machen. Im Gegenteil - nur eine starke übernationale Institution wie die EU ist mächtig genug um Konzernen wie z.B. Microsoft (siehe Kartellverfahren) die Stirn zu bieten. Wenn ein einzelnes Land das probieren würde, könnte ein Konzern damit drohen, sich ganz aus dem Land zurück zu ziehen und die Arbeitsplätze mitzunehmen. An einer starken EU führt in Zeiten von aufstrebenden China und Indiens kein Weg vorbei, wenn wir für unsere Interessen eintreten wollen.

    ich glaube Sie sehen hier Kausalitäten, wo keine sind. Die EU ist mitnichten für die von Ihnen angesprochenen Probleme verantwortlich zu machen. Im Gegenteil - nur eine starke übernationale Institution wie die EU ist mächtig genug um Konzernen wie z.B. Microsoft (siehe Kartellverfahren) die Stirn zu bieten. Wenn ein einzelnes Land das probieren würde, könnte ein Konzern damit drohen, sich ganz aus dem Land zurück zu ziehen und die Arbeitsplätze mitzunehmen. An einer starken EU führt in Zeiten von aufstrebenden China und Indiens kein Weg vorbei, wenn wir für unsere Interessen eintreten wollen.

  5. ich glaube Sie sehen hier Kausalitäten, wo keine sind. Die EU ist mitnichten für die von Ihnen angesprochenen Probleme verantwortlich zu machen. Im Gegenteil - nur eine starke übernationale Institution wie die EU ist mächtig genug um Konzernen wie z.B. Microsoft (siehe Kartellverfahren) die Stirn zu bieten. Wenn ein einzelnes Land das probieren würde, könnte ein Konzern damit drohen, sich ganz aus dem Land zurück zu ziehen und die Arbeitsplätze mitzunehmen. An einer starken EU führt in Zeiten von aufstrebenden China und Indiens kein Weg vorbei, wenn wir für unsere Interessen eintreten wollen.

    Antwort auf "Weg mit der EU"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "sich ganz aus dem Land zurück zu ziehen und die Arbeitsplätze mitzunehmen"

    NUR die Nationalstaaten können was ändern und zwar sollten sie zuerst den Freihandel und Kapitalverkehr auf ein erträgliches und kontrollierbares Maß zurückstufen. Wenn wir eine starke EU haben, haben wir zwar defakto keine Demokratie mehr, aber die Konzerne sind noch genauso mächtig, die drohen dann einfach nach China auszuwandern. Was nie passieren wird, denn vorher kaufen die sich das Europa-Parlament und die Komission.

    Den EINZIGEN Hebel den wir haben ist unser Markt, denn Geld wollen alle Konzerne hier verdienen, nur bitte nichts versteuern oder hohen Lohn zahlen. DAS ist das Problem. Es ist halt ein Irrtum, dass Freihandel die Welt besser macht, jeder kann sehen, dass das Gegenteil der Fall ist.

    "sich ganz aus dem Land zurück zu ziehen und die Arbeitsplätze mitzunehmen"

    NUR die Nationalstaaten können was ändern und zwar sollten sie zuerst den Freihandel und Kapitalverkehr auf ein erträgliches und kontrollierbares Maß zurückstufen. Wenn wir eine starke EU haben, haben wir zwar defakto keine Demokratie mehr, aber die Konzerne sind noch genauso mächtig, die drohen dann einfach nach China auszuwandern. Was nie passieren wird, denn vorher kaufen die sich das Europa-Parlament und die Komission.

    Den EINZIGEN Hebel den wir haben ist unser Markt, denn Geld wollen alle Konzerne hier verdienen, nur bitte nichts versteuern oder hohen Lohn zahlen. DAS ist das Problem. Es ist halt ein Irrtum, dass Freihandel die Welt besser macht, jeder kann sehen, dass das Gegenteil der Fall ist.

  6. ... den Sohn von G. zu verhaften. Sowas würde man sich im gerechten und freien Westen öfters wünschen. Da können selbst Kriegsverbrecher munter durchreisen.

    Nicht richtig dagegen und ein böses Eigentor ist die Tatsache, dass die Schweiz auch mit G. Geschäfte macht. Wer mit Dreckskindern spielt, korrumpiert sich automatisch selbst. Wie man ja jetzt auch an Bundespräsident Merz sieht. Auch wäre die Schweiz kaum solchen Anfeindungen ausgesetzt, wenn sie nach außen hin mehr Verantwortung zeigen würde, etwa beim Bankgeheimnis. Ich bin zwar nach wie vor der Meinung, dass dies in erster Linie ein Problem unseres löchrigen und schlechten Steuersystems ist und keines der Schweiz, aber unsere Politiker mögen das anders sehen. Ist schliesslich bequemer auf jemandem rumzuhacken.

    Die sonstigen albernen Aktionen dieses Diktator-Irren G. kann die Schweiz lächelnd ignorieren. Diesen Paria nimmt doch niemand ernst und selbst wenn, die Vereinten Nationen haben letztlich keinerlei Macht. Solange nicht plötzlich Öl in der Schweiz entdeckt wird, solange wird sich auch die USA raushalten. Und die Schweizer sind alles andere als wehrlos.

    Im Extremfall würde ich sogar für die einzige Demokratie auf der Welt kämpfen, eher noch als für mein Heimatland, in dem ich nur der Untergebene bin. Das Kapital hat mittlerweile fast überall die Kontrolle über seine Marionetten-Systeme, es ist wichtig, dass wenigstens hier und da ein Fleckchen Eigenständigkeit bleibt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service