Zwei berühmte Schweizer Berge: Der Eiger (L)und der Mönch (R), zusammen bilden sie das Gebirgsmassiv Jungfrau © Fabrice Coffrini/ AFP/ Getty Images

Auch diesen Sommer gab sich die Elite der Schweiz bei der Eröffnung des Luzerner Klassikfestivals wieder die Ehre. Doch bevor Maestro Claudio Abbado den Taktstock hob, sprang der klein gewachsene Bundespräsident und Finanzminister der Schweiz, Hans-Rudolf Merz, auf die Bühne und sprach ein Grußwort. Die Musik, hob er mit fester Stimme an, spiele heute in Washington, London und Paris. Und da würden nicht etwa Die vier Jahreszeiten und auch nicht Peter und der Wolf gegeben. Dann rief er mit Zornesstimme ins Publikum: »Nein. Heute wird den kleinen Ländern der Marsch geblasen!« Der eruptive Applaus, der diesen Worten folgte, klang, als habe hier einer den Anwesenden aus dem Herzen gesprochen.

Die Schweizer fühlen sich umzingelt von einer Welt, die ihnen nicht nur Gutes will. Aus dem Kleinod im Herzen Europas ist eine Insel der Unglückseligen geworden. Die andern da draußen rütteln an den Grundfesten ihrer Identität, sie wollen dem Finanzplatz an den Kragen. Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück und die amerikanischen Steuerbehörden sind zu Feinden der Schweiz geworden. Auch Kanada, die Türkei und Indien forderten Einzelheiten über die Vermögen, die ihre Landsleute im Alpenstaat angelegt haben. Und der französische Finanzminister behauptete frech, er habe die Daten von 3000 Franzosen, die Kunden bei Schweizer Banken seien.

Das Leben erscheint dem Schweizer heute wie eine Kaskade von Niederlagen.

Und jetzt auch noch Oberst Muammar al-Gadhafi, Libyens Diktator und wütender Vater. Was war geschehen? Die Genfer Kantonspolizei hatte im vergangenen Jahr Gadhafis Sohn Hannibal und dessen Frau Aline im Luxushotel Président Wilson verhaftet. Zwei seiner libyschen Bediensteten hatten den Auslandsaufenthalt genutzt, um gegen ihre Arbeitgeber Anzeige zu erstatten wegen wiederholter körperlicher Misshandlungen. Gadhafi senior reagierte auf die Verhaftung umgehend. Er setzte zwei Schweizer Geschäftsmänner in Libyen fest, drosselte die Erdöllieferungen, zog Milliarden aus der Schweiz ab und stellte den Flugverkehr zwischen den beiden Ländern ein. Dann lieferte er den finalen, den tödlichen Vorstoß.

Am Rande des vergangenen G-8-Gipfels im italienischen LAquila verlangte er, die Schweiz aufzulösen und die einzelnen Landesteile den jeweiligen Nachbarländern zuzuschlagen: die Westschweiz den Franzosen, das Tessin den Italienern und die deutsche Schweiz den Deutschen. Das hatten schon Napoleons Generäle vorgeschlagen. Am 23. September wird Gadhafi vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York sprechen. Die Schweiz zittert schon – und hat drei Bundesräte nach New York beordert, um die drohenden Angriffe zu parieren.

Aber das Land fürchtet eine neuerliche Blamage. Ähnlich jener von Bundespräsident Merz, der im August überstürzt nach Tripolis geflogen war, um die zwei Schweizer Geschäftsmänner heimzuholen, die seit über einem Jahr im Land festgehalten werden. Er wollte die Sache, an der sich das Außenministerium monatelang die Zähne ausgebissen hatte, im Handstreich zu seinem triumphalen Ende bringen. Auch wenn ihn der Diktator nicht einmal persönlich empfing, unterschrieb Merz einen Vertrag, in dem er sich für die »ungerechtfertigte und unnötige Verhaftung« von Gadhafi junior durch die Genfer Polizei »entschuldigte« und der Einsetzung eines Schiedsgerichtes zustimmte, das den Vorfall in Genf klären soll. Dafür wurde ihm versprochen, die Geiseln bis Ende August auszuliefern. Sie sind bis heute nicht zurückgekehrt.

So überzogen sie sein mögen, die Angriffe Gadhafis auf die Schweiz, sie wecken die Urängste der Schweizer. Denn der Zweifel an der Zukunft der eigenen Nation ist ihnen in die Gene eingeschrieben. Dieses Land, das seine Existenz den Fügungen der Geschichte verdankt, diese Willensnation, die es immer verstanden hat, die sehr verschiedenen Landesteile und Mentalitäten durch ein ausgeklügeltes politisches System der direkten Demokratie zusammenhalten, ist zutiefst verunsichert. Die Welt scheint sie nicht mehr zu mögen. Und das wiederum mögen die konsens- und harmoniewilligen Schweizer gar nicht.