Verkehrspolitik Stau auf der Schiene
Seite 4/4:

 Geld für teure Prestigeprojekte fehlt anderswo

Allerdings hat sich das Bahnmanagement gegen verkehrspolitisch und ökonomisch unsinnige Einmischungen nie gewehrt. Im Gegenteil, Hartmut Mehdorn, bis vor einem halben Jahr Vorstandsvorsitzender des Bahnkonzerns, war sogar regelrecht auf den Bau teurer und oft wirtschaftlich fragwürdiger Schnellstrecken fixiert – was den Güterverkehr nun an den Rand des Kollapses treibt.

Noch immer hat sich die Bahn nicht von dem Denken verabschiedet, neue Rennstrecken für den Personenverkehr würden irgendwie auch dem Güterverkehr nutzen, weil für ihn auf den alten Gleisen anschließend mehr Platz sei. So preisen Bahnmanager unverdrossen die sogenannte Y-Trasse als »Kernstück der Netzentwicklung des norddeutschen Raums« an – obwohl es billigere und schnellere Lösungen gäbe, das Güteraufkommen der Seehäfen Hamburg und Bremen auf der Schiene an- und abzutransportieren.

Die Y-Trasse, die laut Bahn vor allem den Seehafenhinterlandverkehr stärken soll, also den Güterverkehr, besteht nach bereits fortgeschrittener Planung aus einer in Hannover beginnenden Schnellfahrstrecke, die sich knapp 100 Kilometer nördlich in je einen Strang in Richtung Bremen und Hamburg teilt. Diese Teilung verleiht dem Vorhaben die Form eines Ypsilon. Die Strecke kostet laut Bundesverkehrswegeplan 1,3 Milliarden Euro, wird aber vermutlich deutlich teurer; von bis zu 4 Milliarden Euro ist die Rede. Dafür verkürzt sich die Reisezeit nach Hamburg um ganze 13 Minuten, die nach Bremen um 8 Minuten.

Ein »Wachstumsprogramm« soll helfen – Höhe: 1,8 Milliarden Euro

Der Güterverkehr profitiert kaum. Das Vorhaben führe »nicht zu der notwendigen Kapazitätssteigerung«, heißt es in einem Gutachten von Thomas Siefer, dem Leiter des Instituts für Verkehrswesen an der Universität Hannover. Und in einer aktuellen Stellungnahme des Verbandes der Bahnindustrie – er vereint die Konzerne Alstom, Bombardier, Siemens und ihre Zulieferer – steht, für den Güterverkehr könne die Y-Trasse »nur eine geringe Wirkung entfalten«. Es ist fast ein glücklicher Umstand, dass vorerst das Geld für das Vorhaben fehlt.

Um den GAU in den kommenden Jahren zu verhindern, werben die Bahnoberen mittlerweile um zusätzliche Mittel, um 1,8 Milliarden Euro für ein »Wachstumsprogramm«. Das Geld soll nach dem Jahr 2012 fließen, dann, wenn der Finanzsegen der beiden Konjunkturprogramme versiegt ist – und es soll helfen, die ärgsten Engpässe für den Güterverkehr zu beseitigen: durch den gezielten Bau einzelner Brücken, die gezielte Verlegung eines zweiten Gleises oder durch die gezielte Elektrifizierung einzelner Strecken. Anschließend soll es mit den Großprojekten weitergehen, unter anderem mit der Y-Trasse.

Besinnt sich die Bahn da wirklich?

In einem Gutachten für das Netzwerk Privatbahnen, eine Vereinigung europäischer Eisenbahngüterverkehrsunternehmen, hat der Verkehrswissenschaftler Gottfried Ilgmann das ganze Elend der verfehlten Bahninvestitionspolitik seziert. Nicht nur die Deutsche Bahn, sondern auch die Akteure Bund und Länder hätten sich an der Hochgeschwindigkeit geradezu berauscht, hat er geschrieben. Hartmut Gasser, Vorstand beim Netzwerk Privatbahnen, präsentierte das Gutachten mit den Worten, Deutschland könne es sich schlicht nicht leisten, in ineffiziente Hochgeschwindigkeitsstrecken zu investieren – während Lastwagen Straßen und Autobahnen verstopfen.

Wenn sich das nach der Bundestagswahl bei den rund 40 Millionen Pkw-Lenkern herumspricht, ist womöglich eine große Verkehrsdebatte fällig. Und bei der Bahn ein Befreiungsschlag. Womöglich mit dem Ergebnis, dass teure Prestigeprojekte beerdigt werden, damit endlich wichtige Vorhaben fertig gebaut werden können. Womöglich könnte die öffentliche Finanznot bei der Befreiung von Überflüssigem sogar helfen. Und bei der Konzentration auf das Vordringliche.

 
Leser-Kommentare
    • Salera
    • 21.09.2009 um 13:49 Uhr

    In der Tat scheint eine Investition in den Güterverkehr sinnvoller für Wirtschaft und Umwelt. Als im Frühjahr/Sommer zwischen Frankfurt und Leipzig keine ICE, sondern nur IC´s fuhren, da betrug die Fahrreitverlängerung* lediglich 10 bis 15 Minuten. Und das bei einer Fahrzeit von 3 1/2 Stunden! Respekt! Also wenn der Bahn, dem Eigentümer Staat, als quasi uns allen, hohe Kosten für Hochgeschwindigkeitsstrecken erspart bleiben können, dann kann man solche Unannehmlichkeiten sicher verkraften!

    *internes bahnerdeutsch für Verspätung

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das Problem der Bahn ist nicht dass sie zu langsam sondern zu unzuverlässig ist.
    Was hilft es mir wenn der ICE 230 km/h fährt, dies jedoch mit 10 Minuten Verspätung - sorry - Fahrzeitverlängerung - und ich im nächsten Umsteigebahnhof in den nächsten Takt falle. Und das noch für einen exorbitanten Preis! (Mannheim-Bielefeld knappe 50 Euro mit BC50 2.kl)
    Das wird bei den Güterzügen nicht anders sein.

    Dieses Stück Infrastruktur wird so lange runtergewirtschaftet werden bis es doch wieder Beamtenbetrieb wird.
    Dann entfällt unter Umständen der preisgekrönte gastronomische Service - aber man kommt wieder pünktlich von A nach B

    Das Problem der Bahn ist nicht dass sie zu langsam sondern zu unzuverlässig ist.
    Was hilft es mir wenn der ICE 230 km/h fährt, dies jedoch mit 10 Minuten Verspätung - sorry - Fahrzeitverlängerung - und ich im nächsten Umsteigebahnhof in den nächsten Takt falle. Und das noch für einen exorbitanten Preis! (Mannheim-Bielefeld knappe 50 Euro mit BC50 2.kl)
    Das wird bei den Güterzügen nicht anders sein.

    Dieses Stück Infrastruktur wird so lange runtergewirtschaftet werden bis es doch wieder Beamtenbetrieb wird.
    Dann entfällt unter Umständen der preisgekrönte gastronomische Service - aber man kommt wieder pünktlich von A nach B

  1. "Als im Frühjahr/Sommer zwischen Frankfurt und Leipzig keine ICE, sondern nur IC´s fuhren, da betrug die Fahrreitverlängerung* lediglich 10 bis 15 Minuten."

    Das liegt daran, dass es zum momentanen Zeitpunkt zwischen Frankfurt (Main) und Leipzig noch keinen einzigen Kilometer für Hochgeschwindigkeit geeignete Strecken gibt, auf denen ein ICE seinen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber lokbespannten Zügen wie dem IC ausspielen könnte.

    Gäbe es dort eine solche Strecke, sähe die Sache ganz anders aus...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Salera
    • 21.09.2009 um 15:22 Uhr

    "...zwischen Frankfurt (Main) und Leipzig noch keinen einzigen Kilometer für Hochgeschwindigkeit geeignete Strecken gibt, auf denen ein ICE seinen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber..."

    Da ist natürlich was dran. Sicherlich auch deshalb, weil in Thüringen zwischen Eisenach und Weimar städnig gehalten werden muss.
    Bleibt die Frage, wieso unter diesen Umständen nicht einfach ein ausreichend schnell fahrender IC auf die Strecke geschickt wird? Das spart doch sicher kosten, die am Ende auch ich am Ticketpreis bemerke. Im IC war die Fahrt einfach günstiger, nur leider habe ich nun keine Wahl mehr.

    Und dass man als Bahnfahrer leidensfähig sein muss, ist wohl hinlänglich bekannt. Verspätung hin, Personalwechsel her. Böschungsbrand hin, geänderte Wagenreihung her.

    Lieber etwas langsamer und dafür verlässlicher und weniger stressig. Das wäre was.

    • Salera
    • 21.09.2009 um 15:22 Uhr

    "...zwischen Frankfurt (Main) und Leipzig noch keinen einzigen Kilometer für Hochgeschwindigkeit geeignete Strecken gibt, auf denen ein ICE seinen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber..."

    Da ist natürlich was dran. Sicherlich auch deshalb, weil in Thüringen zwischen Eisenach und Weimar städnig gehalten werden muss.
    Bleibt die Frage, wieso unter diesen Umständen nicht einfach ein ausreichend schnell fahrender IC auf die Strecke geschickt wird? Das spart doch sicher kosten, die am Ende auch ich am Ticketpreis bemerke. Im IC war die Fahrt einfach günstiger, nur leider habe ich nun keine Wahl mehr.

    Und dass man als Bahnfahrer leidensfähig sein muss, ist wohl hinlänglich bekannt. Verspätung hin, Personalwechsel her. Böschungsbrand hin, geänderte Wagenreihung her.

    Lieber etwas langsamer und dafür verlässlicher und weniger stressig. Das wäre was.

  2. 3.

    Das Problem der Bahn ist nicht dass sie zu langsam sondern zu unzuverlässig ist.
    Was hilft es mir wenn der ICE 230 km/h fährt, dies jedoch mit 10 Minuten Verspätung - sorry - Fahrzeitverlängerung - und ich im nächsten Umsteigebahnhof in den nächsten Takt falle. Und das noch für einen exorbitanten Preis! (Mannheim-Bielefeld knappe 50 Euro mit BC50 2.kl)
    Das wird bei den Güterzügen nicht anders sein.

    Dieses Stück Infrastruktur wird so lange runtergewirtschaftet werden bis es doch wieder Beamtenbetrieb wird.
    Dann entfällt unter Umständen der preisgekrönte gastronomische Service - aber man kommt wieder pünktlich von A nach B

    • Salera
    • 21.09.2009 um 15:22 Uhr

    "...zwischen Frankfurt (Main) und Leipzig noch keinen einzigen Kilometer für Hochgeschwindigkeit geeignete Strecken gibt, auf denen ein ICE seinen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber..."

    Da ist natürlich was dran. Sicherlich auch deshalb, weil in Thüringen zwischen Eisenach und Weimar städnig gehalten werden muss.
    Bleibt die Frage, wieso unter diesen Umständen nicht einfach ein ausreichend schnell fahrender IC auf die Strecke geschickt wird? Das spart doch sicher kosten, die am Ende auch ich am Ticketpreis bemerke. Im IC war die Fahrt einfach günstiger, nur leider habe ich nun keine Wahl mehr.

    Und dass man als Bahnfahrer leidensfähig sein muss, ist wohl hinlänglich bekannt. Verspätung hin, Personalwechsel her. Böschungsbrand hin, geänderte Wagenreihung her.

    Lieber etwas langsamer und dafür verlässlicher und weniger stressig. Das wäre was.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zu den ICE-Trassen:

    Auf der Strecke Basel-Kiel beweist die DB selbst, dass auch IC´s in der Lage sind, trotz "nur" 200 km/h Höchstgeschwindigkeit auf theoretisch für 280 km/h ausgebauter Trasse die Fahrzeiten der ICE zu halten! Neuerdings wird der tägliche Kurs - mangeld Verfügbarkeit ausreichender Garnituren, mit dem auch im Fahrpreis billigeren IC gefahren - und der Zug ist meist sogar pünklicher und zuverlässiger als der ICE!
    Insofern wäre es vielleicht wirklich besser statt überall auf komfortable aber teure Prestigezüge mit billigeren Angeboten die Menschen zum Umstieg vom Auto auf die Bahn zu bewegen. Manchmal wäre dann auch eine leistungsstarke Ausbautrasse für Tempo 200km/h eine ernstznehmende Alternative für eine teure Hochgeschwindigkeitsstrecke...

    Zu den ICE-Trassen:

    Auf der Strecke Basel-Kiel beweist die DB selbst, dass auch IC´s in der Lage sind, trotz "nur" 200 km/h Höchstgeschwindigkeit auf theoretisch für 280 km/h ausgebauter Trasse die Fahrzeiten der ICE zu halten! Neuerdings wird der tägliche Kurs - mangeld Verfügbarkeit ausreichender Garnituren, mit dem auch im Fahrpreis billigeren IC gefahren - und der Zug ist meist sogar pünklicher und zuverlässiger als der ICE!
    Insofern wäre es vielleicht wirklich besser statt überall auf komfortable aber teure Prestigezüge mit billigeren Angeboten die Menschen zum Umstieg vom Auto auf die Bahn zu bewegen. Manchmal wäre dann auch eine leistungsstarke Ausbautrasse für Tempo 200km/h eine ernstznehmende Alternative für eine teure Hochgeschwindigkeitsstrecke...

  3. Da kann ich Ihnen zustimmen, Leser Salera.

  4. ... das ist seit vielen Jahren der Slogan der Bahn. Jetzt merkt man, dass die Kapazitäten unzureichend sind? Da klaffen Werbung und Wirklichkeit aber meilenweit auseinander. Schon immer hatte man den Eindruck, dass die Bahn Güterkunden abschrecken will. So richtig geklappt hat da noch nie was. Waggons, die tagelang unterwegs waren und zu geringe Ladekapazitäten habe viele Kunden vergrault.
    Wenn die Bahn den Güterverkehr optimieren will - fragt mich mal! Vor Jahren habe ich eine Untersuchung zum Transport von Reisegepäck für die Bahn durchgeführt. Das Ergebnis (mit konkreten Maßnahmen zur Situationsverbesserung) ist in irgendeiner Schublade verschwunden ...
    Anscheinend gaht man bei der Bahn nach dem Motto vor: Jeder Kunde kostet Geld. Weniger Kunden, weniger Kosten. Keine Kunden, keine Kosten ...

  5. Die grundlegende Frage wird leider ausgeklammert: Warum muss immer mehr Wachstum sein? Wo soll das hinführen? Brauchen wir all die Waren? Welche anderen Lösungen gibt es?

  6. Als seinerzeit Herr Dürr noch Vorstand der "Deutschen Bundesbahn" war, habe ich einen Vorschlag gemacht, um Güterstraßenverkehr und Güterschienenverkehr besser miteinander zu verzahnen:
    Zu den Autobahnraststätten in der Nähe von Großstädten oder von Autobahnkreuzen wird ein zweigleisiger Bahnanschluss gelegt, das kostet nicht viel ( Natur ). Die Raststätte hat naturgemäß eine Verbindung zur Straße und liegt meistens außerhalb der Besiedlung. Von diesen Raststätten kann sich der Verkehr schnell in die Fläche verbreiten, was die Bahn nicht kann. Wenn man nun einen Bahnhof baut, bei dem die Lkw mittels Pallette oder Gabelstapler quer auf die Tieflader gesetzt werden ( was sind schon 40 / 44 t Gesamtgewicht für einen vollen Sattelzug ), kann man selektiv einzelne Fahrzeuge ent- oder beladen. Wenn nun die Bahn zwischen den Rasthöfen mit vielleicht 160 km/h fährt, wenn die Züge im Stundentakt fahren, wenn der Fahrer die Fahrt im Zug ( natürlich ) als Ruhezeit angerechnet bekommt und wenn das Sonntagsfahrverbot für die Fahrt zum Rasthof aufgehoben würde - welcher Fuhrunternehmer wäre denn noch so blöd, seinen Lkw auf langen Strecken auf Gummireifen fahren zu lassen? Aber das geht nicht, hat man mir geantwortet, das Lichtraumprofil sein zu klein für solche Transporte ....

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Salera
    • 22.09.2009 um 9:55 Uhr

    @ IckBinBerliner:
    Diese Frage ist sehr klug. Nur leider mit dem Modell unserer Gesellschaft biser wenig kompatibel.

    @ NicolaiP:
    Wenn die Bahn das Voranschreiten des Güterverkehrs ebenso hartnäckig betreiben würde wie den des Schnellpersonenverkehrs, dann sähe es wohl anders aus. Wo ein Wille ist... aber natürlich kann man immer Gründe finden (Lichtraumprofil), wieso es doch nicht geht.
    Allerdings kann ich mir auch nicht vorstellen, dass Ihr Modell derart "einfach" umzusetzen wäre. Aber klingt erstmal gut.

    • Salera
    • 22.09.2009 um 9:55 Uhr

    @ IckBinBerliner:
    Diese Frage ist sehr klug. Nur leider mit dem Modell unserer Gesellschaft biser wenig kompatibel.

    @ NicolaiP:
    Wenn die Bahn das Voranschreiten des Güterverkehrs ebenso hartnäckig betreiben würde wie den des Schnellpersonenverkehrs, dann sähe es wohl anders aus. Wo ein Wille ist... aber natürlich kann man immer Gründe finden (Lichtraumprofil), wieso es doch nicht geht.
    Allerdings kann ich mir auch nicht vorstellen, dass Ihr Modell derart "einfach" umzusetzen wäre. Aber klingt erstmal gut.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service