Frankfurter Buchmesse Buchmord
Josef Joffe über moralische Trugschlüsse im Diskurs mit China und Islamisten
© Torben Christensen/AFP/Getty Images

Yale University Press zensiert Mohammed-Karrikaturen. Im Bild der eine Ausgabe der Jyllands-Posten vom Januar 2006 mit der Headline "Boykotte dänischer Produkte weitet sich aus".
Warum verraten die Wächter des Wortes die Freiheit des Wortes, also den Sinn ihres Daseins? Das Problem ist älter als die Ausladung zweier chinesischer Dissidenten von einem Voraus-Symposion der Frankfurter Buchmesse, auch nicht ein rein deutsches, wie die Zensur eines Buches über die dänischen Mohammed-Karikaturen durch die Yale University Press zeigt. Schon Julien Benda beklagte in La trahison des clercs (1927) die Bereitschaft der clercs (Intelligentsia), ihre Berufung zu verraten. Diese sei »nicht auf praktische Ziele ausgerichtet«, sondern auf »Kunst, Wissenschaft oder metaphysische Spekulation – auf immaterielle Güter«.
Die »praktischen Ziele« waren in beiden Fällen die mächtigeren. Die Argumente sind vertraut. Ein »größeres Debakel« wollte der Organisator, Peter Rinken, verhindern. Über »Kompromiss« dozierte Buchmessenchef Jürgen Boos, weil man doch »mit den Chinesen reden« wolle, «nicht über sie«. Also: » The games must go on « ; außerdem und ungesagt: das Riesenreich, der Markt… Und der Knüppel der Postmoderne: Wir können denen doch nicht unsere Werte aufzwingen, lautet ein Klassiker der Beschwichtigung .

ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier
Yale University Press (YUP) trieb diesen Reflex auf die Spitze, als der Verlag zwölf Mohammed-Abbildungen, darunter eine von Gustave Doré, aus dem Buch The Cartoons That Shook the World herausschnitt, weil sie Muslime zur Gewalt »anstiften« (instigate) könnten. Anstiftung ist bekanntlich ein Verbrechen - ist also der Cartoon der Kriminelle? Wollen wir auch Bilder von Botticelli, Dali und Rodin, die Mohammed in Dantes Inferno zeigen, aus den Museen verbannen? Wie wär’s mit antisemitischen Karikaturen aus einer Abhandlung über den Stürmer?
Oder mit diesem Argument für »Verständnis & Toleranz«: »Muslimas, die sich nicht züchtig verhüllen, provozieren Verstümmelung und Vergewaltigung«? Falsch im Quadrat, denn nicht die Frau erzeugt die Gewalt, sondern der Täter. Nicht die Karikaturen der Jyllands-Posten haben weltweit Boykott und Mord produziert, sondern, erst nach Monaten, eine sorgfältig eingefädelte Kampagne. Den Islamisten ging es um die Machtprobe im Gewande des Glaubens – wie den Chinesen, die gar nicht erst die Erpressung zu verklären versuchten.
Nicht der Westen drückt dem »Anderen« seine Werte auf, sondern umgekehrt – als Einschüchterung und Machtbeweis. Schändlicher als die Buchmesse hat sich YUP verhalten. Die Frankfurter haben wenigstens verhandelt; YUP signalisierte: Wir gehen vorauseilend in die Knie. Unsere Werte sind uns heilig, aber wir opfern sie vorbeugend auf dem Altar eurer Gewaltbereitschaft. Unbewusst schwingt da ein fürchterlicher moralischer Trugschluss mit: Wir wären die Schuldigen, wenn ihr Tod und Terror gegen uns entfesselt.
Die Buchmesse hat Glück gehabt: Die beiden chinesischen Regimekritiker sind dennoch nach Frankfurt gekommen, und die Offiziellen haben bloß unter Protest den Saal verlassen. »Keine große Sache«, wiegelte Peking ab. Ist sie doch. Denn groß war der Mut zweier Einzelner, die sich gegen den »rückgratfreien Diskurs« (NZZ) aufgelehnt haben. »Ich betreibe keine Selbstzensur«, sagte Bei Ling. Auf Englisch, damit es auch Yale versteht. »Was ist Meinungsfreiheit?«, fragt Salman Rushdie. »Ohne Freiheit zur Kränkung existiert sie nicht.«
- Datum 21.09.2009 - 09:27 Uhr
- Serie Zeitgeist
- Quelle DIE ZEIT, 17.09.2009 Nr. 39
- Kommentare 10
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Herr Joffe, ich musss mich wirklich wundern, mit welcher Selbstverständlichkeit und Unausgewogenheit sie Ihre Meinungen abfassen. Publizisten niedermachen (ohne selbst am Rande des Ruins zu stehen), nach einer Verlängerung des Kriegs in Afghanistan rufen (ohne selber eine Uniform anzuziehen). Versuchen auch andere Standpunkte zu verstehen. Das heißt nicht, dass Sie eine andere Meinung haben müssen, aber Sie sollten doch eher erörtern als opinionieren (ist das ein deutsches Wort?).
Sind wir im Westen schon wirklich so weit, dass der ökonomische Druck zum Kotau zwingt? Was haben dann Publizisten, deren Handeln mit Gefängnis oder Tod bedroht ist, für Möglichkeiten?
Was ist an Herrn Joffes Kritik an der Ausladung der von der chin. Regierung nicht eben wohlgelittenen Schriftsteller unausgewogen? Auch sie sind China.
Wir sind eine offene, demokratische Gesellschaft, in der nicht sakrosankt ist und auch nicht den Anspruch zu erheben hat, allein die Gesellschaft zu repräsentieren. Wenn wir finden, dass dies richtig ist, müssen wir dazu stehen, ohne Wenn und Aber, auch wenn's zuweilen weh tut. Ein Kotau, vor wem auch immer (insbesondere vor diktatorischen Alleinvertretungesansprüchen), ist nicht etwa Bescheidenheit und Respekt vor einer anderen Kultur, sondern ein Zeichen FEHLENDEN Respekts vor den Menschen, die dieser anderen Kultur ebenfalls angehören, mit ihrer Regierung aber im Streit liegen. Wenn wir sie nämlich respektieren und für einen Teil der chinesischen Kultur und Gesellschaft halten, müssen wir auch danach handeln.
Wenn wir aber uns gleichsam auf Kommando und gegen unsere eigenen Überzeugungen die Sicht der chinesischen Regierung zu eigen machen, verlieren wir unser Gesicht - ein Argument, dass einem Chinesen eigentlich einleuchten soltle wie kein anderes.
Sind wir im Westen schon wirklich so weit, dass der ökonomische Druck zum Kotau zwingt? Was haben dann Publizisten, deren Handeln mit Gefängnis oder Tod bedroht ist, für Möglichkeiten?
Was ist an Herrn Joffes Kritik an der Ausladung der von der chin. Regierung nicht eben wohlgelittenen Schriftsteller unausgewogen? Auch sie sind China.
Wir sind eine offene, demokratische Gesellschaft, in der nicht sakrosankt ist und auch nicht den Anspruch zu erheben hat, allein die Gesellschaft zu repräsentieren. Wenn wir finden, dass dies richtig ist, müssen wir dazu stehen, ohne Wenn und Aber, auch wenn's zuweilen weh tut. Ein Kotau, vor wem auch immer (insbesondere vor diktatorischen Alleinvertretungesansprüchen), ist nicht etwa Bescheidenheit und Respekt vor einer anderen Kultur, sondern ein Zeichen FEHLENDEN Respekts vor den Menschen, die dieser anderen Kultur ebenfalls angehören, mit ihrer Regierung aber im Streit liegen. Wenn wir sie nämlich respektieren und für einen Teil der chinesischen Kultur und Gesellschaft halten, müssen wir auch danach handeln.
Wenn wir aber uns gleichsam auf Kommando und gegen unsere eigenen Überzeugungen die Sicht der chinesischen Regierung zu eigen machen, verlieren wir unser Gesicht - ein Argument, dass einem Chinesen eigentlich einleuchten soltle wie kein anderes.
Herr Joffe vertritt öfters Meinungen, die ich nicht teilen kann. Diesmal muss ich ihm zu 100% Recht geben. Selbstzensur ist der Anfang vom Ende einer freiheitlichen Kultur.
Das ist das Dilemma das die westliche Wirtschaft für sich noch klären muss. Ob die Demokratie und die damit verbundenen Freiheiten oder ob das Geld am wichtigsten ist.
Es passiert mir sonst nur selten, dass ich ihm einfach zustimme.
Ausnahmesweise kann ich ihm hier zustimmen.
Meine Hochachtung haben Sie für Ihre klaren und richtigen Worte, um so mehr, dass Sie dieses Milieu aushalten.
Meine eigene Meinung dazu, die Sie ja nicht teilen müssen: Irgendwann haben diese "Intellektuellen" mangels Gegnerschaft wieder ausgedient (und nicht wegen des grundätzlichen Dilemmas zwischen Kopf und Bauch), denn es nimmt sie keiner mehr ernst. Dann beklagen sie wiederum ihre eigene Bedeutungslosigkeit, an der alle anderen schuld sind, insbesondere der dumme Pöbel, nur nicht sie selbst.
Sind wir im Westen schon wirklich so weit, dass der ökonomische Druck zum Kotau zwingt? Was haben dann Publizisten, deren Handeln mit Gefängnis oder Tod bedroht ist, für Möglichkeiten?
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