Die Frage, "obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden, oder sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden?", trieb Hamlet an den Rand des Wahnsinns und darüber hinaus.

Weit entfernt von solch seelischer Zerrissenheit bewegen sich die 25 prominenten Künstler und Medienschaffenden, die vergangene Woche im Freitag die Bundesregierung aufgefordert haben, Deutschlands militärische Präsenz in Afghanistan innerhalb von zwei Jahren zu beenden. Hamlet war weise genug zu sehen, dass es bei der Frage "wütendes Geschick erdulden" oder "durch Widerstand sie enden" ums Ganze geht – ums sprichwörtlich gewordene "Sein oder Nichtsein". Schaut man sich in der Geschichte des ernst gemeinten Pazifismus um, stellt man fest, dass all seine Gallionsfiguren bereit waren, das "Nichtsein" als Konsequenz ihres Pazifismus in Kauf zu nehmen. Sokrates weigerte sich, aus dem Gefängnis zu fliehen, und trank den tödlichen Becher, zu dem ihn die Athener verurteilt hatten: tiefster und letzter Ausdruck seiner Überzeugung, dass es allemal richtiger ist, Unrecht zu erleiden, als selbst Unrecht zu tun. Jesus starb gemäß seinem Credo, dass die einzig richtige Reaktion auf einen Schlag ins Gesicht darin besteht, dem Schlagenden die andere Gesichtshälfte hinzuhalten.

Die Unterzeichner des aktuellen Pazifismusaufrufs von Elfriede Jelinek bis Charlotte Roche, von Jürgen Flimm bis Katharina Thalbach hingegen scheinen zu glauben, man könne sein Gewissen lämmchenweiß halten und dennoch in den Genuss des "Seins" kommen. Sie erklären, dass Deutschland der Verantwortung, die es in Afghanistan übernommen hat, nicht ausweichen soll. Mit der Gummiformel "langfristiges entwicklungspolitisches Engagement" hoffen Schriftsteller und andere Wortarbeiter, die sonst keine Gelegenheit auslassen, die Bundesregierung für deren Gummiformel vom "Stabilisierungseinsatz" zu kritisieren, den gordischen Gewissensknoten zu durchschlagen. Ob die versammelten Unterzeichner jemals mit Menschen geredet haben, die sich in Afghanistan tatsächlich "entwicklungspolitisch engagieren"? Die Antwort, die ich von allen gehört habe, die dort für Bildung und Zivilgesellschaft kämpfen, lautet: Ohne massiven militärischen Schutz – der zum Beispiel auch beinhaltet, dass man es nicht einfach geschehen lässt, wenn Taliban zwei Tanklastzüge entführen – brauchen wir hier keinen Tag länger zu arbeiten.

Da ist Richard David Precht in seiner Ablehnung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan schon konsequenter. Vorigen Monat machte der Philosoph, der mit der Frage "Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?" berühmt wurde, im Spiegel seinem Zorn gegen den "verlogenen Menschenrechts-Bellizismus" Luft. Zwischen den Zeilen gibt er deutlich zu verstehen, dass es ihm egal ist, was in Afghanistan mit der emanzipationswilligen Bevölkerung geschieht. Die Verdienste der Bundeswehr schrumpfen bei ihm darauf zusammen, dass diese "am Hindukusch einigen Menschen das Leben gerettet, ein paar Straßen friedlich gemacht und ein paar Frauen und Schulkindern das Leben erleichtert hat".

Es sind Fragen von Leben und Tod, die hier verhandelt werden. Der Philosoph, der nicht genau weiß, ob – und wenn ja, wie viele – er ist, spricht lieber von "feinen Dingen". Allerdings vergeht ihm der Distanzjargon, wenn er daran denkt, dass die Bundesregierung "durch ihre Afghanistan-Abenteuer" die Bundesrepublik "fahrlässig zur Zielscheibe von Terroristen" macht.

Derselbe Gedanke ("Wir sind, wenn wir uns nirgends militärisch engagieren, kein Ziel mehr für den Terrorismus") findet sich in dem offenen Brief, den Martin Walser bereits im Juli an die Bundeskanzlerin geschrieben hat (ZEIT Nr. 29/09). Nun kann man Walser wahrlich nicht vorwerfen, dass er es sich im Allgemeinen zu leicht machte – um so unbegreiflicher ist mir, wie dieses sonst tief in sich selbst bohrende Urgestein der naiven Hoffnung verfallen kann, der zuverlässigste Weg, sich aus der Schusslinie zu bringen, liege darin, die Waffen zu strecken. Natürlich ist es höchst respektabel, wenn Walser glaubt, dass "Kriege unter gar keinen Umständen zu rechtfertigen" seien. Aber dann muss er so wie Sokrates, Jesus, Hamlet auch das "Nichtsein" als Preis für diese höchst respektable Haltung in Kauf nehmen. Pazifismus, der darauf schielt, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen, ist ein moralischer Taschenspielertrick.

Ebendiese Inkonsequenz ist es, die mir den aktuellen Pazifismus so schwer erträglich macht: Zwar hält man den Westen en gros für eine so fragwürdige Kultur, dass man ihm pauschal das Recht abspricht, sich auch mit Gewalt gegen die zu verteidigen, die ihn ihrerseits mit äußerster Skrupellosigkeit attackieren. En détail möchte man in Berlin, Köln oder am Bodensee seinen Rotwein aber auch weiterhin in Ruhe genießen können.