Einen Satz wollen wir von Sonntag an bitte nicht mehr hören: dass der Wahlkampf so langweilig gewesen sei! Spätestens mit den ersten Hochrechnungen am Wahlabend wird ein neues Kapitel deutscher Innenpolitik aufgeschlagen, das ebenso spektakulär wie in den Folgen dramatisch sein wird. Das betrifft keineswegs nur Gewinne und Verluste der sechs Parteien, die mittlerweile im Bundestag vertreten sind. Es geht um den Fortbestand der Volksparteien, vor allem aber um eine für die Zukunft unserer Demokratie entscheidende Frage: Spiegelt das deutsche Parlament, obwohl ihm mehr Parteien angehören als in früheren Jahrzehnten, noch die Interessen eines Großteils der Bevölkerung wider? Oder entfernt es sich weiter von jenen Bürgern, die der Parteipolitik inzwischen so wenig abgewinnen können, dass sie sich allenfalls bei einer Bundestagswahl noch zur Stimmabgabe aufraffen – sich sonst aber verweigern? Bei den Landtagswahlen in Thüringen und im Saarland sowie den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen vor dreieinhalb Wochen waren es fast die Hälfte aller Wahlberechtigten.

Es wird über die Regierung genörgelt und auf die Politik geschimpft. Die Ansicht, man könne mit seiner Stimme ohnehin nichts verändern, ist weitverbreitet – sei es, weil inhaltliche Differenzen zwischen den meisten Parteien nur noch in Details sichtbar werden, sei es, weil lange der Eindruck vorherrschte, nach der Wahl werde fast jeder mit fast jedem können. Richtig daran ist, dass uns allzu Konkretes etwa über den noch nicht bewältigten Teil der Wirtschaftskrise mit Bedacht vorenthalten worden ist. Aber die Aussicht, dass so viel Beliebigkeit auch nach der Wahl anhalten könnte, weil es fast schon so viele Koalitionsmöglichkeiten gibt wie Kombinationen beim Zauberwürfel – diese Vorstellung ist seit dem Parteitag der FDP am vorigen Wochenende dahin. Wenn nicht noch ein kleines Wunder geschieht, dann wird es nach dem 27. September entweder eine schwarz-gelbe oder eine schwarz-rote Koalition geben. Sage dann keiner, er habe nicht gewusst, wofür er gestimmt habe.

Nun haben wir Journalisten uns schon bei den vergangenen beiden Bundestagswahlen grandios verschätzt, als Gerhard Schröder gegen alle Umfragen und Leitartikel reüssierte. Daher verbieten sich jetzt allzu forsche Prognosen. Schwarz-Gelb könnte jedoch mit knapper Mehrheit und mithilfe der umstrittenen Überhangmandate vorn liegen. Dafür sprechen gleich mehrere Gründe: Es gibt keine nennenswerte Stimmung im Lande, dass die Kanzlerin abgewählt gehöre. Eine Mehrheit der Deutschen mag den unaufgeregten und effizienten Regierungsstil, sieht den Umstand, dass eine Frau und Ostdeutsche mit großer Selbstverständlichkeit die Geschäfte führt, zumindest kulturell als Gewinn an. Zweitens traut man Angela Merkel laut Umfragen eher zu, in der Krise neue Arbeitsplätze zu schaffen, als dem Herausforderer Steinmeier, obwohl der ein Programm zur Schaffung von vier Millionen neuen Jobs vorgelegt hat. Drittens werden die Liberalen enttäuschte konservative Wähler jetzt überzeugender für sich gewinnen können, als wenn sie sich andere Koalitionsoptionen offengehalten hätten. Zudem mag bei der Wahlentscheidung, die auch immer eine Kosten-Nutzen-Rechnung ist, das von CSU und FDP gegebene Versprechen auf rasche Steuererleichterungen verfangen, auch wenn nicht klar ist, wie es eingelöst werden soll.

Nicht auszudenken, was der Kanzlerin blühte, wenn sie dieses Ziel einer schwarz-gelben Koalition verfehlte. Sie hätte zum zweiten Mal nach 2005 einen möglichen Wahlsieg von Union und Liberalen verspielt, sie allein haftete dann für den auf Konsens zielenden, präsidialen Wahlkampfstil der CDU. Man würde ihr dann vielleicht Unannehmbares abverlangen; schon jetzt lästern ganz liebe Parteifreunde über Angela Merkel, was das Zeug hält. Guido Westerwelle riskiert durch die Absage an eine Ampelkoalition mit SPD und Grünen weitere Jahre in der Opposition – die Gefahr aber, mit offener Koalitionsaussage im Endspurt des Wahlkampfs wieder Stimmen zu verlieren, wäre größer gewesen. Westerwelle hat in den vergangenen vier Jahren Kurs gehalten und damit Erfolg gehabt.

Die Schwächung der SPD gefährdet die Stabilität unserer Demokratie

Und doch sind selbst diese Gefahren für Merkel und Westerwelle relativ harmlos, gemessen an den Konsequenzen, die der SPD nach der Wahl drohen. Im besten Falle wird sie wieder Juniorpartner in einer Großen Koalition, und selbst dann wird es einen Aufstand gegen die Parteiführung, gegen Steinmeier, Müntefering und Steinbrück geben, gegen den bisherigen Reformkurs, gegen die Vorbehalte, mit der Linken gemeinsame Sache zu machen – kurz: gegen alles, was bis heute die ehrwürdige Helmut-Schmidt-SPD ausgemacht hat. Von der Höhe der Verluste wird es indes abhängen, ob Steinmeier und die anderen Altgenossen wenigstens die Chance bekommen, den Prozess der Neuausrichtung mitzugestalten. Die in den nächsten Jahren unausweichliche Öffnung zur Linken ist ohne den gemäßigten Flügel der Partei wahrscheinlich gar nicht zu vermitteln.