Wahl König ob der Enns

Am Sonntag wählt Oberösterreich. Gleich, wer gewinnt: Mächtigster Mann bleibt Raiffeisen-Boss Ludwig Scharinger

Mächtig? Nein, mächtig sei er nicht. Genüsslich bricht Ludwig Scharinger sein Semmerl auf, schneidet fein säuberlich die beiden Scheiben Extrawurst mit Messer und Gabel. Im gedeckten Anzug, das goldene Raiffeisen-Giebelkreuz am Revers, sitzt er an einem ovalen Besprechungstisch und macht sich über sein Frühstück her.

Gutmütig sieht er aus, wie der nette Opa von nebenan. Nur dass er nicht in der Konditorei sitzt, sondern im eigens angemieteten Schönberg-Raum im Wiener Nobelhotel Hilton: graue Ledersessel, helle Holzvertäfelung, Espressomaschine. Der oberösterreichische Spitzenbanker mag es nüchtern, sachlich. Macht ist für den 67-Jährigen bestenfalls etwas, womit er kokettiert. Er spricht lieber von »Gestaltungskraft«: »Bei manchen Dingen habe ich davon sogar mehr als der oberösterreichische Landeshauptmann.«

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Wenn er Gestaltungskraft sagt, meint Ludwig Scharinger die Potenz des Machers, dank der er seiner Heimat bald ein Vierteljahrhundert lang seinen Stempel aufgedrückt hat. Seit 1985 steht er an der Spitze der Raiffeisenlandesbank. Die kam zuletzt auf eine Bilanzsumme von 34,2 Milliarden Euro, immerhin ein Drittel der jährlichen österreichischen Staatseinnahmen. Scharinger hat aus einem biederen Provinzinstitut die sechstgrößte Bank des Landes und die mit Abstand größte Regionalbank mit 917.000 Kunden geformt. Filetstücke sind die 526 Firmenbeteiligungen: Vom Stromversorger Energie AG über Leitbetriebe wie die Voest oder Zeitungsverlage wie die Oberösterreichische Rundschau bis zur Therme Geinberg – ohne Scharingers Plazet geht nichts. Wenn die Kommunen Geld brauchen, sind die Giebelkreuzler ebenfalls zur Stelle. Im Zuge von 435 Public-Private-Partnership-Projekten wurden neue Straßen oder Verwaltungsgebäude gebaut. Egal ob Wirtschaft, Politik, Kultur, ob als Trikotsponsor für den Dorf-Fußballklub oder wenn es gilt, einen Betrieb vor dem Zugriff eines nicht genehmen Investors zu bewahren: Kein Konzern, keine Partei kommt im Land ob der Enns nur annähernd an jenen Einfluss heran, den Ludwig Scharinger ausübt. »Luigi Moneti« wird der Banker in der Branche genannt. Ein anderer Spitzname charakterisiert das, was Scharinger in seinem Bundesland tatsächlich ist, jedoch treffender: König Ludwig.

Die Landtagswahl in Oberösterreich am Sonntag verblasst angesichts seiner Machtfülle zu einer Pflichtübung in Demokratie. Nicht nur, weil so gut wie sicher ist, dass Landeshauptmann Josef Pühringer und seine ÖVP wieder den Sieg davontragen werden. Der wahre Herrscher, raunen viele, residiere ohnehin am Europaplatz in Linz in der RLB-Zentrale. Selbst ÖVP-Schwergewicht Pühringer kann diesen Eindruck nicht entkräften. »Ich werde mich nicht auf so einen dummen Wettstreit einlassen«, weicht der Landeschef der Frage aus, wer im Land das Sagen habe. Auch er will nicht in Ungnade fallen. Schließlich macht der Banker das, was der Politiker auf Wahlplakaten nur versprechen kann: Arbeitsplätze retten. Jetzt, in Zeiten der Krise. »Da tut sich der Landeshauptmann schwerer als wir«, erklärt Scharinger. Er könnte auch sagen: Er bemüht sich, ich packe an.

Vom langhaarigen Idealisten zum glatt rasierten Machtmenschen

Scharingers Bank trägt 14 Unternehmen durch die Absatzkrise, unter der das exportorientierte Bundesland schwer leidet. So ist die RLB kurzerhand mit 31 Millionen Euro beim Autozulieferer Polytec eingesprungen. Hunderte Jobs wurden gerettet. Dass seine Bank sich das leisten kann, 3,6 Milliarden Euro für Investitionen übrig hat, ist das Ergebnis einer Geschäftspolitik, die so gar nichts mit der Gier nach schneller Rendite gemein hat. »Vom amerikanischen Abcashen war ich nie überzeugt«, sagt Scharinger. Schon in den Neunzigern kauft sich die Bank in Betriebe ein, die andere aufgegeben hatten, und hilft den Firmen bei ihrem Sprung nach Bayern und Tschechien. Scharingers Leitmotiv ist stets die »oberösterreichische Lösung«. Das bekam 2003 auch der Auto-Magnat Frank Stronach zu spüren. Gegen den Einstieg des Wahlkanadiers bei der Voest brachte Scharinger prompt ein oberösterreichisches Konsortium in Stellung. Stronach verlor die Übernahme-Schlacht. Ob der Enns feierte man den Raiffeisen-Boss als Retter der Heimat. Unumstritten ist er dennoch nicht.

Es gebe kaum einen im Bundesland, der sich nicht seine Meinung über den Strippenzieher gebildet habe, meint Rudolf Cuturi, Herausgeber der Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN). Ihm geht es wie vielen: Mal ist der König mit ihm, mal gegen ihn. Unlängst war Scharinger gegen ihn. »Und er kann doch nicht übers Wasser gehen« nannten die OÖN eine Story über den RLB-Chef, an dessen Bank die Krise auch nicht spurlos vorüberging. Ein seltenes Ausscheren aus der Hofberichterstattung. Dass Scharinger gar nicht amüsiert war, weiß Cuturi, möchte sich aber »mit Kritik zurückhalten«. Wie auch Franz Gasselsberger, der Generaldirektor der Oberbank. Oder Scharingers Vorgänger Winfried Kern, den er 1985 mit 55 kurzerhand in die Pension geschickt hat. »Wenn Sie mich fragen, wer meine Feinde sind, dann fällt mir keiner ein«, sagt der Banker. Wohl auch deswegen, weil niemand die Deckung verlässt. »Es ist schon was dran, dass kein größeres Projekt im Land ohne ihn passiert«, sagt Friedrich Schneider, Leiter des Instituts für Finanzen und Bankwesen an der Linzer Kepler-Universität. Konkreter will auch der Professor nicht werden, zumal der lange Arm des Bankers bis in die Hörsäle reicht: Scharinger sitzt im Universitätsrat, über dem größten Vorlesungssaal prangt ein Raiffeisen-Schriftzug.

Hier, an der Universität, beginnt die Geschichte des Bankers Ludwig Scharinger. Zuvor war er nicht mehr als ein junger Bursch aus der Provinz, 1942 als ältestes von sieben Kindern im 1000-Einwohner-Nest Arnreit geboren. Dort, nahe der tschechoslowakischen Grenze, bot sich die einzige Perspektive für den Bauernbuben: die Übernahme der elterlichen Landwirtschaft. Eine Aufgabe, der er sich bereitwillig unterordnete. Nur in der Tanzband »Die Arnreiter« gestattete sich der leidenschaftliche Trompeter eine Flucht aus dem Provinztrott. Noch heute liegt die Trompete im Kofferraum des schwarzen Dienst-Audi. »Die pack ich aus, wenn’s passt.« Und es passt oft, vor allem bei diversen Eröffnungen und Einweihungen, draußen im Land. Freibier für die Blasmusik, dazu einen 3000-Euro-Scheck für den Verein – ein Heimspiel für Scharinger. Das alles kann er heute nur genießen, weil ein Motorradunfall sein rechtes Bein und damit seine Bestimmung als Hoferbe zerstört hat. An schwere Landarbeit konnte der 19-Jährige nun nicht mehr denken. Es ist der Moment, der Scharinger zwingt, über die Dorfgrenze hinauszudenken. Er holt die Matura nach, gönnt sich ein wenig Revoluzzertum. Als er 1968 in Linz Betriebswirtschaft und Sozialwissenschaften studiert, lässt er sich die Haare bis über den Kragen wachsen. Und trifft auf einen, der sie noch länger trägt: den Industriellensohn Christoph Leitl. Der ist heute Präsident der Wirtschaftskammer. »Wir waren Idealisten. › Make love, not war‹ war auch unser Motto«, sagt der Studienfreund. Aus Scharinger, dem langhaarigen Idealisten, wurde ein glatt rasierter Machtmensch.

Es ist der Zeitpunkt, an dem der Student den Grundstein zu seiner Karriere legt. Er verbindet seine konservativen Wurzeln mit der Offenheit der akademischen Welt, tritt in den katholischen Cartellverband ein, besucht aber auch das sozialdemokratisch geprägte Schweden. Daraus formt Scharinger eine heimatselige Interpretation des Managementcredos » Think global, act local« .

1972 heuert er als Assistent der Geschäftsleitung bei Raiffeisen an. Beinahe wäre er in die Politik abgedriftet. Sein Mentor, der damalige Landeshauptmann Erwin Wenzl (ÖVP), rät ihm ab. »Ich wusste immer, dass ich mit der Bank mindestens genauso viel bewirken kann«, sagt Scharinger. Politische Zugehörigkeit spielt dabei für den Banker aus dem schwarzen Raiffeisen-Imperium keine Rolle: So ist er mit dem Linzer SPÖ-Bürgermeister Franz Dobusch befreundet, der Scharinger einen »Sozialdemokraten« nennt. Berührungsängste vor der politischen Rechten kennt er ebenso wenig: 2006 gewährt er Lutz Weinzinger, dem Klubchef der Landes-FPÖ, einen Millionenkredit für den Wahlkampf. Sogar Ökothemen haben in Scharingers Welt Platz: 2008 kauft sich seine Bank bei der Energie AG ein, die kurz darauf ankündigt, Österreichs größtes Solarkraftwerk zu bauen.

»Geht nicht« gibt es nicht – König Ludwig ist überall

Es ist ein dichtes Netz, das sich der Bauernsohn da gewoben hat. Wer den Fäden folgt, landet in der Beletage von Politik und Wirtschaft: bei Michail Gorbatschow etwa, dem Expräsidenten der Sowjetunion. Bei Hannes Androsch, dem Exfinanzminister und Großindustriellen. Bei Helmut Kohl. Bei Werner Faymann. Bei Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, den er, fasziniert von seinen Büchern, kurzerhand für einen Vortrag nach Linz holt. Penibel pflegt er seine Kontakte, vor allem bei den »Kundenempfängen«, jenen mondänen Sommerpartys, die er Jahr für Jahr vor der Wiener Albertina ausrichtet. Gleich ums Eck mischt er mit der RLB-Tochter Privat Bank AG in der Hauptstadt mit. Sehr zum Missfallen der Wiener Banker. Doch ausrichten können sie gegen Scharinger kaum etwas – König Ludwig ist überall.

Lange wird er seine Regentschaft nicht mehr ausüben. In drei Jahren will der dann 70-Jährige abdanken. Einen Nachfolger hat er nie neben sich hochkommen lassen. Wohl auch deshalb will sich Scharinger in der Rente weiter der Bank widmen, als Berater. Auf den feinen Wiener Frühstücksraum im Hilton wird er dennoch nicht verzichten müssen. Dort hat Scharinger gerade sein Semmerl weggeputzt. Die Audienz ist beendet. Christian Konrad, der oberste Raiffeisenbanker des Landes, wartet. Sie sollen sich nicht leiden können. Zu oft kämen sie einander mit ihrem Machtanspruch in die Quere. »Das ist ein Gerücht«, sagt Scharinger und greift sich seine Aktentasche. Dann schreitet er durch die Tür. In aller Gestaltungskraft.

 
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