Wahl König ob der EnnsSeite 2/2
Hier, an der Universität, beginnt die Geschichte des Bankers Ludwig Scharinger. Zuvor war er nicht mehr als ein junger Bursch aus der Provinz, 1942 als ältestes von sieben Kindern im 1000-Einwohner-Nest Arnreit geboren. Dort, nahe der tschechoslowakischen Grenze, bot sich die einzige Perspektive für den Bauernbuben: die Übernahme der elterlichen Landwirtschaft. Eine Aufgabe, der er sich bereitwillig unterordnete. Nur in der Tanzband »Die Arnreiter« gestattete sich der leidenschaftliche Trompeter eine Flucht aus dem Provinztrott. Noch heute liegt die Trompete im Kofferraum des schwarzen Dienst-Audi. »Die pack ich aus, wenn’s passt.« Und es passt oft, vor allem bei diversen Eröffnungen und Einweihungen, draußen im Land. Freibier für die Blasmusik, dazu einen 3000-Euro-Scheck für den Verein – ein Heimspiel für Scharinger. Das alles kann er heute nur genießen, weil ein Motorradunfall sein rechtes Bein und damit seine Bestimmung als Hoferbe zerstört hat. An schwere Landarbeit konnte der 19-Jährige nun nicht mehr denken. Es ist der Moment, der Scharinger zwingt, über die Dorfgrenze hinauszudenken. Er holt die Matura nach, gönnt sich ein wenig Revoluzzertum. Als er 1968 in Linz Betriebswirtschaft und Sozialwissenschaften studiert, lässt er sich die Haare bis über den Kragen wachsen. Und trifft auf einen, der sie noch länger trägt: den Industriellensohn Christoph Leitl. Der ist heute Präsident der Wirtschaftskammer. »Wir waren Idealisten. › Make love, not war‹ war auch unser Motto«, sagt der Studienfreund. Aus Scharinger, dem langhaarigen Idealisten, wurde ein glatt rasierter Machtmensch.
Es ist der Zeitpunkt, an dem der Student den Grundstein zu seiner Karriere legt. Er verbindet seine konservativen Wurzeln mit der Offenheit der akademischen Welt, tritt in den katholischen Cartellverband ein, besucht aber auch das sozialdemokratisch geprägte Schweden. Daraus formt Scharinger eine heimatselige Interpretation des Managementcredos » Think global, act local« .
1972 heuert er als Assistent der Geschäftsleitung bei Raiffeisen an. Beinahe wäre er in die Politik abgedriftet. Sein Mentor, der damalige Landeshauptmann Erwin Wenzl (ÖVP), rät ihm ab. »Ich wusste immer, dass ich mit der Bank mindestens genauso viel bewirken kann«, sagt Scharinger. Politische Zugehörigkeit spielt dabei für den Banker aus dem schwarzen Raiffeisen-Imperium keine Rolle: So ist er mit dem Linzer SPÖ-Bürgermeister Franz Dobusch befreundet, der Scharinger einen »Sozialdemokraten« nennt. Berührungsängste vor der politischen Rechten kennt er ebenso wenig: 2006 gewährt er Lutz Weinzinger, dem Klubchef der Landes-FPÖ, einen Millionenkredit für den Wahlkampf. Sogar Ökothemen haben in Scharingers Welt Platz: 2008 kauft sich seine Bank bei der Energie AG ein, die kurz darauf ankündigt, Österreichs größtes Solarkraftwerk zu bauen.
»Geht nicht« gibt es nicht – König Ludwig ist überall
Es ist ein dichtes Netz, das sich der Bauernsohn da gewoben hat. Wer den Fäden folgt, landet in der Beletage von Politik und Wirtschaft: bei Michail Gorbatschow etwa, dem Expräsidenten der Sowjetunion. Bei Hannes Androsch, dem Exfinanzminister und Großindustriellen. Bei Helmut Kohl. Bei Werner Faymann. Bei Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, den er, fasziniert von seinen Büchern, kurzerhand für einen Vortrag nach Linz holt. Penibel pflegt er seine Kontakte, vor allem bei den »Kundenempfängen«, jenen mondänen Sommerpartys, die er Jahr für Jahr vor der Wiener Albertina ausrichtet. Gleich ums Eck mischt er mit der RLB-Tochter Privat Bank AG in der Hauptstadt mit. Sehr zum Missfallen der Wiener Banker. Doch ausrichten können sie gegen Scharinger kaum etwas – König Ludwig ist überall.
Lange wird er seine Regentschaft nicht mehr ausüben. In drei Jahren will der dann 70-Jährige abdanken. Einen Nachfolger hat er nie neben sich hochkommen lassen. Wohl auch deshalb will sich Scharinger in der Rente weiter der Bank widmen, als Berater. Auf den feinen Wiener Frühstücksraum im Hilton wird er dennoch nicht verzichten müssen. Dort hat Scharinger gerade sein Semmerl weggeputzt. Die Audienz ist beendet. Christian Konrad, der oberste Raiffeisenbanker des Landes, wartet. Sie sollen sich nicht leiden können. Zu oft kämen sie einander mit ihrem Machtanspruch in die Quere. »Das ist ein Gerücht«, sagt Scharinger und greift sich seine Aktentasche. Dann schreitet er durch die Tür. In aller Gestaltungskraft.
- Datum 23.09.2009 - 15:21 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.09.2009 Nr. 40
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