Kino Mutter Erde
Die Filme "The Age of Stupid" und "Tortuga" wollen den Planeten retten.
© Spanner Films

Age of Stupid: Pete Postlethwaite zeigt die Welt im Jahr 2055
Der Mensch ist eine seltene Spezies und im Universum recht einmalig. Von anderen Tieren unterscheidet ihn die Hingabe, mit der er den Ast absägt, auf dem er sitzt. Gemessen an der Lebenszeit des Planeten, gelingt ihm das verblüffend schnell. Einige Millisekunden auf der Weltzeituhr – schon hat das animal rationale die Sonne verdunkelt und die Luft verpestet. Das blaue Meer ist nicht mehr blau, und das ewige Eis schmilzt dahin.
Aber immerhin, eines hat das Menschenwesen dem Affen voraus: Es kann über seine Selbstabschaffung herzzerreißende Filme drehen. Solche ökologisch bewegten Werke kommen derzeit in großer Zahl ins Kino, es sind eigentümliche Mischungen aus Doku-Drama und Spielfilm, aus schwarzer Apokalypse und grüner Hoffnung. Vor Kurzem wären sie von den Freunden der enthemmten Marktwirtschaft und ihren journalistischen Wasserträgern als Gutmenschenfilme verspottet worden, aber das ist vorbei.
The Age of Stupid zum Beispiel ist so beklemmend, dass man anschließend nur noch Tretroller fahren möchte. Die Retro-Fiction der englischen Regisseurin Franny Armstrong bearbeitet den Zuschauer mit einem simplen psychologischen Kniff, und der geht so: Im Jahre 2055 ist die Zivilisation im Meer versunken, nur das Menschheitsmuseum und sein Archivar (Pete Postlethwaite) haben den Weltuntergang heil überstanden. Der Mann im Turm erzählt, wie es so weit kommen konnte, und präsentiert Filme aus den »Nullerjahren«, also aus der Gegenwart des Kinopublikums. Er zeigt die Verwüstungen, die der Shell-Konzern im Niger-Delta angerichtet hat, er zeigt den Irrsinn, auf Teufel komm raus Billigfluglinien aus dem Boden zu stampfen oder erntefrische Kartoffeln per Lkw über die Alpen nach Italien zu kutschieren, um sie dort billig waschen zu lassen.
Kurzum, The Age of Stupid zeigt den Kapitalismus als System, das ständig neue Begehrlichkeiten wecken muss, um nicht zusammenzubrechen. Ein kleiner Teil der Menschheit kann davon wunderbar leben, doch die Rechnung zahlt »Mutter Erde«. Ihr hättet es wissen können, sagt der Film. Warum habt ihr euch von der großen Industrie und ihren »Zukunftsforschern« den Verstand verhexen lassen?
Ganz anders und doch ganz ähnlich argumentiert Nick Stringers Tortuga . Auf den ersten Blick handelt es sich bloß um eine wunderbare Dokumentation über die Unechte Karettschildkröte, die sich seit 200 Millionen Jahren durch die Weltmeere kämpft. Nur eines von 10000 Tieren überlebt seine Odyssee, und dann kehrt es nach 25 Jahren an seinen Ursprungsort zurück. Die Filmaufnahmen sind schlichtweg spektakulär, nur der honigsüße Kommentar (Sprecherin: Hannelore Elsner) menschelt gewaltig.
Aber das gehört zur Botschaft: Die Zivilisation mit ihren Containerschiff-Monstern ist der animalische Feind, gegen die die natürlichen Feinde der Schildkröte fast wie Freunde wirken. In solchen Szenen dümpelt viel Schwermut. Die Schöpfung, so lehrt Tortuga, ist ein Wunder an Schönheit und Klugheit. Die Meeresschildkröte hat sogar die Dinosaurier überlebt, und es wird sie auch dann noch geben, wenn die Menschen verschwunden sind wie eine Spur im Sand. Das ist schade für die Menschen, es wäre nämlich gar nicht nötig gewesen.
- Datum 25.09.2009 - 13:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.09.2009 Nr. 40
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Es sind beklemmende Szenarien in den neuen Kinofilmen. Doch nirgends ein Aufschrei der eine Milliarde an Hunger leidenden Menschen, ein Aufschrei der jährlich elf Millionen daran sterbenden Kinder. Ein Aufschrei gegen künstliche Zeugung von Menschen. Nirgends eine laufende Bevölkerungsuhr in den Nachrichten: 4,4 mal pro Sekunde im Takt. Das sind die Geburten. Kein Aufruf zu einem weltweiten Geburtenstopp. Kein Buch über die Überbevölkerung. Von 1999 bis heute hat sich die Menschheit um 800 Millionen vermehrt. Das ist die gesamte europäische Bevölkerung samt der Ukraine, der Türkei und Russland. Die Überbevölkerung ist die größte Krankheit der Menschheit. Und keiner scheint´s zu merken. Bis zum Jahr 2100 kann es zum Menschheitskollaps kommen.
Schön geschrieben, absolut zitatwürdig - Danke!
@wahain: Es kann natürlich nicht jeder Film, der an den verantwortungvollen Umgang mit unserer Umwelt appelieren will, alles abdecken. Ich beispielsweise würde mir etwas mehr zum Thema Artensterben wünschen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Zum Thema Überbevölkerung gibt es einen tollen Film aus den 70ern: Soylent Green. Hab ich mir von ein paar Tagen noch angeschaut.
Dass eben das unser Hauptproblem ist, sehe ich aus so. Dadurch wird vieles, was der Mensch so treibt, erst zu großen Katastrophen - einfach wegen der unverdaulichen Dimensionen, in denen der Schaden angerichtet wird.
Wenn Tiere in einem Wald sich zu sehr ausbreiten und deutliche Flurschäden anrichten, will der Mensch den Bestand regulieren. Mit sich selbst so zu verfahren, EGAL wie schwerwiegend und endgültig die Konsequenzen seiner unbändigen Ausbreitung auch sein mögen, kommt dem Menschen aber nicht in den Sinn. (Bevor das jetzt jemand in den falschen Hals bekommt: Ich denke dabei NICHT an Jäger, die auf Menschen schiessen sollen.)
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