Michael Hartmann , Professor für Soziologie an der TU Darmstadt, stellt das System der Begabtenförderung in seiner jetzigen Form grundsätzlich infrage: »Es ist eine Illusion, dass es bei der Vergabe von Stipendien in erster Linie um Leistung geht.« Die meisten Stipendiaten der Begabtenförderungswerke hätten die Unterstützung für ihr Fortkommen gar nicht nötig, »wer wirklich Hilfe braucht, steht dagegen hintenan«.

Letzteres widerspricht nicht einmal den Richtlinien zur Vergabe der Stipendien. Denn das Bildungsministerium schreibt Begabung und Persönlichkeit als Kriterien vor, soziale Kategorien werden nicht erwähnt. Nur bei der Berechnung des monatlichen Stipendiums spielen die Einkommensverhältnisse der Eltern eine Rolle. Und da sich die Höhe der Fördersumme am Bafög orientiert, erhält rund die Hälfte der Stipendiaten lediglich ein elternunabhängiges »Büchergeld« von 80 Euro pro Monat.

Dass die Ergebnisse der HIS-Studie in einer öffentlichen Diskussion brisant sein könnten, ist den Stiftungen bewusst: Auf der Klausurtagung der Arbeitsgemeinschaft der Begabtenförderungswerke in der Bundesrepublik Deutschland vereinbarte man im Juni, über die bereits im Mai veröffentlichten Durchschnittsdaten zum sozialen Profil hinaus keine weiteren Informationen an die Öffentlichkeit zu geben. Selbst untereinander ließen sich die Förderungswerke nicht in die Studienergebnisse schauen. Auf Anfrage der ZEIT waren zehn der elf Stiftungen schließlich zur Herausgabe entsprechender Zahlen bereit. Lediglich die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung verweist auf ausstehende »interne Auswertungen«.

Die Unsicherheit ist nachvollziehbar, denn auch vier Monate nach Veröffentlichung der ersten HIS-Zahlen haben noch nicht alle Stiftungen Antworten auf bestimmte Grundsatzfragen gefunden: Wie viel Verantwortung tragen sie dafür, dass ihre Förderung vor allem einer gesellschaftlichen Gruppe zugutekommt? Bevorzugen die Auswahlverfahren die Kinder der Gebildeten und Besserverdienenden? Und falls nicht: Gehört es zur Aufgabe der Stiftungen, Ungleichheiten abzumildern?

»In den Bewerbungsgesprächen geht es um Kunst und Literatur«

Eine Signalwirkung könnte das Vorgehen der Studienstiftung des deutschen Volkes haben. Das mit rund 10.000 Stipendiaten mit Abstand größte der elf Förderungswerke gilt als besonders anspruchsvoll, was die Leistung der Bewerber angeht. Im Gegensatz zu den übrigen Werken ist es keiner weltanschaulichen oder politischen Richtung zuzuordnen. Um dem »Verdacht« zu begegnen, »unter den Hochbegabten vornehmlich die sozioökonomisch Privilegierten zu fördern«, wie es im aktuellen Jahresbericht heißt, hatte die Studienstiftung noch vor Beginn der HIS-Studie eine eigene Sozialerhebung durchgeführt. Der Verdacht bestätigte sich: Fast zwei Drittel der Stipendiaten haben eine »hohe«, nur sechs Prozent eine »niedrige« soziale Herkunft. Damit hat die Studienstiftung eine deutlich stärkere soziale Schieflage als andere Begabtenförderungswerke.

Die erkläre sich aber durch die Zusammensetzung der Bewerber, heißt es bei der Studienstiftung. Schließlich haben es die Kinder bildungsbürgerlicher Eltern auf jeder Stufe von der Kita bis zur Uni leichter. Für den Neurobiologen Gerhard Roth , Präsident der Studienstiftung, spiegelt sich die Situation bei den Stipendiaten lediglich wider. »Auf diese Verhältnisse kann und will die Studienstiftung keinen Einfluss nehmen – wie sollte sie auch!«, schreibt Roth im Jahresbericht der Studienstiftung. Mit anderen Worten: Wer nach Leistung auswählt, trägt keine Verantwortung für die Herkunft der Erfolgreichen.

Zwei Stichproben aus den Jahren 1998 und 2006 hatten die soziale Zusammensetzung der Bewerber für die Studienstiftung mit denen der aufgenommenen Stipendiaten verglichen und keine Unterschiede festgestellt – weshalb man nun eine Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft ausschließt.