In der Boxabteilung des Telekom-Post SV im Norden von Münster geschehen ungewöhnliche Dinge. Da sitzen ein Dutzend Jugendliche in einem kleinen Büro an einem länglichen Tisch, machen Hausaufgaben und lernen, wie man eine Bewerbung schreibt. Fünf Tage die Woche geht das so, immer zwei Stunden lang, danach springen sie auf, rennen rüber in die Boxhalle und machen das, was man normalerweise als Mitglied in einem Boxverein macht: Sie schlagen auf Sandsäcke ein, trainieren im Ring und feuern sich gegenseitig an.

Verantwortlich für die eigenartige Verbindung von Nachhilfe und Boxen ist ein umtriebiger Mann namens Farid Vatanparast. Der 29jährige Deutschiraner ist ein ehemaliger Boxprofi, der einmal als Mitglied der Nationalmannschaft auf eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Athen hoffen durfte, außerdem ist er diplomierter Betriebswirt und Restaurantbetreiber, und wenn alles so läuft, wie er sich das vorstellt, hat er bald einen Doktor in Erziehungswissenschaften.

Ein Autounfall hatte abrupt seine Sportkarriere beendet. Er ist seitdem auf dem linken Auge blind. Sein Augenarzt schlug ihm vor, eine Boxabteilung aufzubauen. Das sagte ihm zu, aber Vatanparast wollte noch mehr. Er wollte auch Jugendlichen helfen, die mit der Schule nicht klarkommen, ihr Leben nicht geregelt kriegen, die drogenabhängig sind, die eigentlich keine Chance mehr haben. Er gründete eine Boxabteilung, die gleichzeitig eine Nachhilfe- und Lebenshilfe-Einrichtung sein soll. 78 Jungen und Mädchen hat er schon betreut, seit er vor drei Jahren mit seinem Projekt begann.

Da ist zum Beispiel Friedrich, den alle Pinto rufen. Er begann mit 13 zu kiffen, mit 16 kokste er, mit 19 spritzte der Sonderschüler Heroin. Weil er das Geld dafür nicht hatte, musste er es sich beschaffen und bekam dafür drei Jahre auf Bewährung. Heute ist Friedrich zurück im Leben. Innerhalb von zwei Jahren holte er seinen Hauptschulabschluss nach und macht jetzt eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann.

»Wir sind eine große Familie«, sagt Vatanparast. Für die Hausaufgabenbetreuung hat er 18 Helfer engagiert. Die meisten arbeiten ehrenamtlich, wie er selbst. Studenten oder arbeitslose Väter, die eine Aufgabe suchen. Die Stadt unterstützt Vatanparast mit 20000 Euro im Jahr, damit er die zusätzlichen Honorarkräfte für die Betreuung der Schüler bezahlen kann.

Für Münster ist der Boxer ein Glücksfall. »Einen wie ihn bekommt man nicht einfach so von der Stange«, sagt Bernhard Paschert, der für die Jugendsozialarbeit in der Stadt zuständig ist. Dass man die schwierigen Jugendlichen über Sportarten wie Boxen oder Skateboarden gut erreichen kann, weiß auch er. Um sie jedoch langfristig von der Straße zu holen, braucht es authentische Vorbilder wie Vatanparast. »Die Jugendlichen beeindruckt, wie zielorientiert und kämpferisch dieser Mensch mit seinem Leben umgeht – gerade nach seinem Unfall.«

Der Exboxer lässt die Jugendlichen Selbstbewertungen verfassen, sie sollen ihre Wunschvorstellungen von beruflichem und sportlichem Erfolg formulieren. Gemeinsam erstellen sie einen realistischen Zukunftsplan. Er hilft ihnen bei der Suche nach einer Praktikumsstelle oder einem Ausbildungsplatz. »Sie müssen bereit sein, im Sport alles zu geben, und sich hohe Ziele auch außerhalb des Sports setzen«, verlangt Vatanparast. Er ist nicht ihr Freund, eher ihr strenger Lehrmeister. Wer die Englischvokabeln nicht kann, macht Liegestützen. Es gab einige Jugendliche, die damit nicht klarkamen, sie haben den Boxverein wieder verlassen.

Vatanparasts Methoden sind so ungewöhnlich wie sein Lebenslauf. Der ehemalige Boxprofi hat sich jetzt am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Uni Münster eingeschrieben und möchte promovieren – über das biografische Lernen der Jugendlichen. »Die Kids lernen im Sport das, was sie für ihr Leben und ihren Beruf brauchen«, sagt er. Er scheint mit seinen Methoden Erfolg zu haben: Die Zeugnisse seiner Schützlinge wurden besser, 33 Jugendliche haben in den vergangenen zweieinhalb Jahren einen Ausbildungsplatz gefunden, und was das Boxen anbelangt, schlagen sie sich sowieso beachtlich – sie sammelten 18 Westfalenmeistertitel, fünf nahmen an deutschen Meisterschaften teil, einer holte sogar Gold.