Auf Wiedersehen, goodbye. Der Bankier Konrad Hummler fiel aus dem Rahmen, als er jüngst verkündete, dass das Bankhaus Wegelin & Co., gegründet 1741, aus dem amerikanischen Kapitalmarkt aussteigen will. Gewiss, der »geschäftsführende und unbeschränkt haftende Teilhaber« der Bank Wegelin – so lautet Hummlers Titel – ist bekannt für quere Gedanken und klare Haltungen. Doch dass er, der in Rochester studiert hat und die vereinigten Privatbankiers präsidiert, gleich einen derart radikalen Schnitt machen will und ihn auch noch mit hart formulierter USA-Kritik untermalte: Das ließ doch an einen Kirchenbesucher denken, der eines Sonntags plötzlich lauthals den Gottesdienst mit Blasphemien stört.

Denn immerhin geht es da nicht nur um einen Markt, sondern um eine Verheißung, nicht um einen Staat, sondern um das Vorbild. Schweizer Wirtschaftsführer mochten bislang alles Mögliche sein, kostenbewusst oder risikofreudig, bieder oder mondän, Aufsteiger oder Quereinsteiger – eines waren sie fast durchwegs: amerikaorientiert, US-freundlich, Western-minded.

Nicht im Film, nicht einmal im Pop konnten die Vereinigten Staaten eine Ausstrahlung entfalten wie im sogenannten Management. Gerade in der Schweiz war die Zuneigung heftig. Während der deutsche Vorstandsvorsitzende und der französische »PDG« (Président-directeur général) noch in Amt und Würden sind, wurde der helvetische Generaldirektor fast durchwegs durch den »CEO« ersetzt, bis hinunter zum regional verankerten Mittelbetrieb. Drei der größten Unternehmen im Land werden von US-Bürgern geleitet – Credit Suisse, Zurich, ABB –, was erst richtig auffällt, wenn man bedenkt, dass kein einziger Amerikaner einen deutschen Dax-Konzern und kein einziger ein französisches Großunternehmen führt. Leicht ließen sich drei Dutzend Schweizer Wirtschaftsführer auflisten, die eines verbindet: der amerikanische MBA. Oder die Mitgliedschaft im Rotary Club. Und schließlich sind die sechs größten Management-Consulting-Firmen im Land amerikanisch – ein feiner Hinweis darauf, dass jenseits des Atlantiks ausgedacht wird, wie man hier Geschäfte zu betreiben hat.

Doch wie lange noch? Die Finanzkrise brachte Mängel ans Licht, die nun plötzlich als »typisch amerikanisch« verurteilt werden – Bonustreiberei, Spekulationsfreude, Unterregulierung, Quartalsdenken. Zugleich musste sich die Schweiz von US-Politikern als dubiose Steueroase abkanzeln lassen; im Steuerstreit bekam sie zu spüren, wie sehr sie notfalls ihre Rechtsideen der schieren Wirtschaftsmacht unterzuordnen hat. Konrad Hummler begründete seine Abkehr von Amerika denn auch weitgehend damit, dass die US-Regierung ihre Steuerwünsche schleichend exportiert, dass der große Bruder selbstverständlich Einsicht in unsere Daten haben will und uns angelsächsische Rechtsvorstellungen aufzwinge. Derweil das Land, hoch verschuldet, wie es ist, als Markt mehr und mehr an Reiz verliere.

Helmut Maucher weigerte sich, an die Wall Street zu reisen

Natürlich gab es stets Skeptiker, auch in der Wirtschaftselite. Konservative von eigenem Schrot und Korn, welche die Chancen des amerikanischen Marktes zwar schätzten, aber Moden im Management verachteten. Männer wie Robert Holzach, einst Präsident der Bankgesellschaft, Nicolas Hayek, der Swatch-Gründer, oder Helmut Maucher, der legendäre Nestlé-Präsident: Sie schüttelten den Kopf über den festen Glauben an amerikanische Businessmethoden oder an die angelsächsische Finanzmentalität; und sie bauten lieber auf die hergebrachte Kultur ihres Hauses (respektive der Schweiz). Maucher weigerte sich bis zu seinem Rücktritt im Jahre 2000, an die Wall Street zu reisen. Christoph Blocher, der Unternehmer, warnte ebenfalls öfter vor den wilden Hoffnungen, die Schweizer Firmen in den US-Markt setzten. Und Genfer Privatbankiers wandten selbst in der größten Wall-Street-Euphorie der vergangenen Jahre manchmal ein, dass sie eigentlich wenig Interesse am amerikanischen Markt, kein Zutrauen in die amerikanische Rechtswelt und kein Verständnis für amerikanische Finanzprodukte hätten. Vereinzelt wurden solche Stimmen untermalt von Beratern. Fredmund Malik zum Beispiel wandte mehrfach ein, dass die US-Wirtschaft nicht als Vorbild für hiesige Unternehmen tauge. »Amerika wird wirtschaftlich und punkto Management massiv überschätzt«, schrieb er 2005 im Standardwerk Management: »Größe ist nicht Stärke. Und durch die ständige Medienwiederholung von Irrtümern werden diese nicht wahr.«