Internationale Beziehungen Ist der große Bruder böse?Seite 3/3

Nun ahnt man, dass die Erde groß ist und andere interessante Märkte bietet

Ob die jetzige Krise das Verhältnis ändert? Im Prinzip nein, sagt Alfred Mettler; er lehrt Finanzwissenschaften an der Georgia State University, Atlanta. »Nach allem, was passiert ist, musste es ja negative Reaktionen geben. Aber da weht einfach der Zeitgeist. Amerika wird sich mit am schnellsten wieder aus der Krise erheben, und dann verschwinden auch die amerikakritischen Töne in der Schweizer Wirtschaft wieder.« Im Prinzip nein, sagt auch Thomas Borer. Er erlebte bereits einmal hautnah mit, wie die Schweiz und ihre Banken in einen harten Konflikt mit US-Interessen gerieten; als Leiter der Taskforce »Schweiz – Zweiter Weltkrieg« vertrat er dabei 1996 die hiesige Seite. »Der Streit war nicht nachhaltig«, sagt er heute, »nach einigen Jahren war die Sache vergessen.«

Anzeige

Und jetzt, in der jüngsten Krise, hätten zwar das US-Finanzsystem und die US-Aufsichtsbehörden ihren Nimbus verloren – aber eine Abkehr von Amerika? Grundsätzlich? Das sei zu bezweifeln. »Man kommt auch künftig nicht um Amerika herum, es sei denn, man ist ein kleiner Vermögensverwalter«, sagt Borer. Die Schweizer reagierten halt im Konfliktfall eher überrascht und verstimmt, »weil sie meinen, wir seien besonders gute Freunde von Amerika. Also fühlt man sich ungerecht behandelt.« Dabei, sagt der Unternehmer, wäre eine klare Haltung dieser Partnerschaft weitaus angemessener: »Es würde genügen, den Schweizer Standpunkt in Amerika offensiv zu vertreten. Denn die USA haben ein offenes und faires System.«

Und so treten in Finanzkrise und Steuerstreit doch neue Schatten hervor: In den Schweizer Betrieben ahnt man wieder mehr, wie verschieden die Kulturen sind. »Diese Diskussion wird jetzt verstärkt geführt«, sagt Ruedi Noser, Telekom-Unternehmer und FDP-Nationalrat. »Man fragt sich jetzt eher, wie man mit dem Rechtsraum Amerika umgehen soll. Oder man fragt sich, wie weit man den amerikanischen Stil im Unternehmen akzeptieren kann.« Schließlich seien sich die Unternehmer auch mehr und mehr bewusst geworden, dass die Erde groß ist und viele neue interessante Märkte zu bieten hat. Dass Schweizer Gesellschaften, die den Weltmarkt erobern wollen, so früh wie möglich nach Amerika stürmen – es ist 2009 keine Selbstverständlichkeit mehr.

Abkehr von Amerika? Oder nur ein Nachbarschaftsstreit? Vielleicht ist es auch nur die Entzauberung im Verhältnis zweier Volkswirtschaften, die ganz ähnlich ticken – und doch nicht so gleichartig sind, wie viele Wirtschaftsführer in den vergangenen Jahren gedacht haben.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service