"Dann erzähl uns doch mal was über dich", fordert die kühle Blonde mich auf. Nach vier Sätzen unterbricht mich ihr Sitznachbar, ein junger Mann mit Sonnenbrille im Haar: "Kann auch ruhig was Intimes sein." Und weil Privates nicht ad hoc aus mir heraussprudeln will, werden mir Fragen gestellt – zu meinen Gepflogenheiten im Bad, meinen Macken, meiner letzten zerbrochenen Mädchenfreundschaft. Die ersten Fragen beantworte ich, die letzte nicht, das geht die nichts an, finde ich – und damit ganz klar ist: Ich will kein Kind adoptieren, ich will bloß ein Zimmer mieten.

Die Zeiten, in denen man mit potenziellen Mitbewohnern ein nettes Gespräch führte, ein, zwei Bier trank und darüber vergaß, warum man eigentlich da war, sind längst vorbei. Hier im Glockenbachviertel in München sitzen alle Entscheider am großen Esstisch, vor sich Papier, Stifte in den Händen. Immerhin machen sie keine Fotos, denke ich noch, bevor sie mich aus der Wohnküche verabschieden. Ich könne gleich den Nächsten reinschicken, sagt die kühle Blonde noch. Jawoll!

Im Flur warten noch fünf andere. Eine Bewerberin in Blumenkleid und Stiefeln fragt: "Was wollten sie denn wissen?" Der Konkurrenz preisgeben, worauf die Jury achtet? "Ach, das Übliche", sage ich. Das kann alles heißen, denn üblich ist inzwischen so einiges.

Ein Bekannter wurde zwei Tage nach einer WG-Besichtigung in Hamburg zu einem "Recall" geladen – genau wie drei andere Bewerber, zwischen denen sich die WG nicht entscheiden konnte. Die ganz Schmerzfreien lassen ihre Suche vom Fernsehsender Vox dokumentieren und blühen vor laufender Kamera erst richtig auf: Bei Mitbewohner gesucht bekommen Bewerber Nummern an die Brust gepappt und werden auf ihr Spültempo getestet. Als ich meine Münchner Juroren fragte, warum sie nicht einfach den einziehen ließen, der ihnen spontan sympathisch sei, guckten sie entgeistert – und zitierten den Zeitgeist: "Jeder will das Beste für sich, wir auch."

Getestet, bewertet zu werden – das kennen wir. Auf Abruf lospowern zu müssen ist ein Dauergefühl meiner Generation. Ständig wandeln wir auf der Casting-Allee, hängen uns rein und preisen uns an. Vor allem wenn es um Bildung und Karriere geht. All die wunderbaren Dinge, die früher im Überfluss da waren, gibt es nur noch in begrenzter Stückzahl: das Praktikum, das Hauptstudium, die Festanstellung. Die Anforderungen steigen stetig. Wer heute zwanzig ist, hat sich schon um den Platz auf dem Gymnasium bewerben müssen. Und danach geht’s weiter.

Viele Universitäten geben sich nicht mehr mit dem Abiturdurchschnitt zufrieden; sie verlangen Praktikumszeugnisse und Sprachzertifikate, wollen ellenlange Motivationsschreiben oder laden zu mehrstündigen Klausuren und Gruppengesprächen. Und wer gar einen richtigen Job sucht, kann sich auf ein paar Tage Arbeitssimulation unter Bewachung einstellen. Aber persönliche Sorgen sind noch lange kein Grund für Kritik am System. Aufgewachsen in den Neunzigern, empfinden wir Wettbewerb als einzig denkbare gestaltende Kraft. Der Beste gewinnt. Wonach sollte denn sonst entschieden werden?

Da ist es nur konsequent, dass auch wir selber eifrig testen, wenn wir etwas Exklusives zu vergeben haben, etwa unsere Aufmerksamkeit in einer Bar voller Alternativen. Meine Freundin Beata testet jeden männlichen Gesprächspartner, bevor sie sich auf ihn einlässt. Drei Dinge bringt die 26-Jährige in Erfahrung: das Alter (er darf nicht jünger, aber auch nicht über fünf Jahre älter sein als sie), den Beruf (er muss Akademiker sein oder werden) und den vollen Namen (um die Angaben im Internet zu verifizieren). Garantiert doch eine Onlinerecherche weitere Informationen – ein Rundum-Casting. Den versprochenen Anruf kriegt der junge Mann erst, wenn alles passt, wenn er potenziell der Richtige sein könnte.