An einem Spätsommertag des Jahres 2009 sitzen zwei ältere Herren an einem Tisch und sprechen über das Fernsehprogramm. In dem spärlich möblierten Zimmer, durch dessen Fenster die Sonne hell hereinfällt, ist niemand anders als die beiden Männer, die in ihren Kaffeetassen rühren und manchmal zum Gebäck auf dem Tisch greifen. Hennes Jöris und Otto Debisch* scheinen einander lange zu kennen. Sie könnten früher Nachbarskinder gewesen sein oder Schulfreunde. Denn dass der eine zehn Jahre jünger ist als der andere, müsste man wissen – sehen kann man es nicht. Sie reden, was man so redet, über Leute, die draußen am Fenster vorbeigehen, aber was sie wirklich verbindet, erwähnen sie nicht.

Als Hennes Jöris das erste Mal mit Otto Debisch zu tun bekam, war das an einem Herbsttag des Jahres 1978. Damals betrat Hans-Josef Jöris, den zu dieser Zeit schon alle Hennes nannten – frisch von der Polizeihochschule und jetzt Praktikant bei der Mordkommission Mönchengladbach – ein stillgelegtes Bahnhofsgebäude in der rheinischen Kleinstadt Willich. Hier ist die verstümmelte Leiche des kurz zuvor vermisst gemeldeten 12-jährigen Sohnes eines britischen Besatzungssoldaten entdeckt worden. Jöris, 28 Jahre, erster Mordfall, muss sich zusammenreißen, als die älteren Beamten den Tapetenfetzen anheben, mit dem der Mörder sein Opfer abgedeckt hat. Sein Blick fällt auf die geöffnete Bauchhöhle des Jungen. Jemand hat ihn mit Messerstichen durchbohrt und ihn danach erwürgt, dem Toten die Bauchdecke wie einen Deckel herausgeschnitten, die Beine aufgesäbelt, die Geschlechtsorgane abgetrennt und mitgenommen. Der ganze Raum steht unter Blut. So gewütet hat der Mörder, dass darüber sein Messer kaputtgegangen ist. Das verbogene Tatwerkzeug hat er zurückgelassen. "Dieses Schwein kriegen wir", hört Jöris die Kollegen sagen. Da ahnen die Männer noch nicht, dass ihnen genau dieses nie gelingen wird. Und der Praktikant ahnt nicht, dass er es sein wird, der den Mörder fängt.

Erst fast sechs Jahre später, im Februar 1984, begegnen sich Hennes Jöris, nun schon KOK, Kriminaloberkommissar, und Otto Debisch das erste Mal. Ein Jäger hat kurz zuvor im Wald bei Mönchengladbach die vergrabenen Überreste eines Mannes entdeckt, der Willi F. hieß und im Sommer des Vorjahres aus einem psychiatrischen Krankenhaus – in dem Suizidanten und andere Problembeladene untergebracht sind – verschwunden war. In der Klinik hatte man Willi nicht weiter vermisst, er war ein unsteter Geselle, außerdem freiwillig da gewesen. So einer kann gehen, wenn er will. Einer Schwester fällt nun aber, da man ihn skelettiert aufgefunden hat, wieder ein, dass der Mitpatient Otto Debisch kurz nach Willis Abgang behauptet habe, der Willi sei "tot" – obwohl das doch zu jenem Zeitpunkt noch niemand hatte wissen können. Der Patient Otto Debisch ist inzwischen entlassen worden und lebt nun im Heim "Schöne Aussicht", einer Unterkunft für gestrandete junge Leute, irgendwo in der Eifel.

Also reist Kommissar Jöris dorthin und nimmt Otto Debisch – Heimkind, Schulabbrecher, berufslos, arbeitslos – in dessen Zimmer fest. Die Polizei kommt zu dritt, einer stellt sich vors Fenster, einer vor die Tür, Jöris setzt sich dem Verdächtigen gegenüber und bringt ihm in sanften Worten bei, dass er sie nun begleiten müsse. Da tut Debisch etwas Seltsames: Er zieht seine Kamera heraus und macht ein Foto. Klick. Hennes Jöris, wie er Otto Debisch lächelnd verhaftet. Es ist das letzte Bild auf dem Film. Dann ist er voll.

Als Otto Debisch 25 Jahre später diese Fotografie vor Hennes Jöris auf den Kaffeetisch legt, ist der perplex: "Mensch, hast du mich damals fotografiert? Das hab ich ganz vergessen." – "Da haste noch jung ausgesehen", antwortet Debisch. Er hat noch mehr dabei: Aufnahmen vom Heim "Schöne Aussicht", das abgeschieden an einem Abhang steht. Auch Debisch selbst ist irgendwo auf dem Film, ein athletischer, etwas gebeugter Mann, mit halblangem Haar und einem von Bitterkeit gezeichneten Gesicht.

Otto Debisch wundert sich, wie der Polizist Hennes die Bilder vergessen konnte. Er ruft: "Du hast sie doch damals selber zum Entwickeln gebracht – in den Supermarkt, in dem du mir auch die Zündhölzer gekauft hast!" Richtig, die Zündhölzer! Drei herrliche Segelschiffe hat Otto aus Tausenden Streichhölzern gebaut in jenen drei Monaten, die sie zusammen verbracht haben. Februar, März, April 1984. Über 90 Tage Aug in Auge, Hand in Hand, man könnte sagen: in enger Umschlingung. Otto Debisch hat keinen Tag vergessen, Otto Debisch vergisst nie etwas. Die Schiffe hat er seinem Freund Hennes im Mai 1984 als Andenken dagelassen, die Fotos mitgenommen. Seit 25 Jahren liegt der lächelnde Hennes in Ottos Nachttischschublade.

Debischs erste Vernehmung am 4. Februar 1984 läuft zäh. Jöris hat ihn mit aufs Polizeirevier nach Mönchengladbach gebracht. Man duzt sich, was in Verhören nicht ungewöhnlich ist, weil die Lage dann weniger brenzlig erscheint. Es geht um den skelettierten Willi. Das Protokoll hält fest, dass Debisch viel redet und nichts sagt. Schließlich fragt Jöris ihn: "Hattest du Streit mit dem Willi?"

"Mit dem hab ich noch nie Streit gehabt."

"Otto, stimmt es, dass ihr beide zusammen rausgegangen seid, als der Willi verschwand?"

"Ja, aber wir sind getrennte Wege gegangen."

"Wann ist dir dann aufgefallen, dass der Willi nicht mehr da ist?"

"Am nächsten Morgen."

"Otto, hast du was mit dem Tod vom Willi zu tun?"

"Ich schwöre, dass ich damit nichts zu tun habe. Wenn ich von jemandem wüsste, der damit zu tun haben könnte, dann würd’ ich es sofort sagen."

"Otto, du sollst am 11. Juli 1983 abends gegen 19 Uhr von einem Ausgang sturzbetrunken auf die Station zurückgekommen sein. Du sollst dich vier Mal übergeben und außerdem geweint haben. Der Pflegerin gegenüber sollst du dann gesagt haben: Maria, hilf mir, hilf mir! Der Willi ist tot, der Willi ist tot! Was sagst du dazu?"

"Ich weiß nur noch, dass ich an diesem Tag zwei Flaschen Whiskey getrunken hab’. Kann sein, dass ich was gesagt hab’, aber ich weiß von nichts!"

Viel haben sie nicht gegen Debisch in der Hand, als sie ihn schließlich in eine Gefängniszelle stecken. Wenn Debisch nicht auspackt, müssen sie ihn bald wieder laufen lassen. Es ist am selben Abend, als Kommissar Jöris, der schon auf dem Weg nach Hause ist, einem unbestimmten Gefühl gehorchend beschließt, noch einmal nach dem Verhafteten zu schauen. Er hatte es ihm am Nachmittag versprochen, und obwohl er jetzt eigentlich keine Lust mehr hat, fährt er doch noch aufs Polizeirevier, um seine Zusage einzuhalten. "Gut, dass de kommst", sagt der wachhabende Beamte, als er die grün gestrichene Stahltür aufschließt, "der da drin is’ am Heulen." In Zelle 4 ist es finster. Durch die Glasbausteine, die das Fenster ersetzen, fällt kein Licht mehr. Otto Debisch ist nicht zu sehen. Auf der Pritsche hockt ein schluchzender Haufen Mensch, der die Decke über sich gezogen hat. Vorsichtig streift Hennes Jöris die Umhüllung zurück und legt den Arm um den Nassgeweinten. "Was is’ los?"

"Ich will meine Sachen haben."

"Die sind noch in der Eifel, die könn’ wir jetzt nich’ holen, es is’ Nacht."

"Ich will sofort meine Sachen, sonst klaut mir die einer", erwidert Debisch zitternd.

"Ich schwör dir, morgen früh fahren wir als Erstes los und holen deine Sachen", verspricht Jöris sanft. Und weil ihm ein so gewaltiger Kummer wegen ein paar Klamotten und einem alten Kofferradio merkwürdig vorkommt, fragt er: "Haste was mit dem Willi zu tun?" Nicken. Und dann sagt der in seinem Arm noch etwas – es rieselt Jöris bis heute kalt über den Rücken, wenn er daran denkt: "Morgen erzähl ich dir noch mehr – auch das von dem englischen Jungen. Und dann wirste berühmt."

Es wurde der Fall seines Lebens, und er hat Jöris bei der Polizei den Ruf eines Menschenflüsterers eingebracht: Denn der Mann, den Jöris an jenem Abend tröstend im Arm hielt, war – obwohl kaum älter als zwanzig Jahre – ein Serienmörder. Sechs Tötungsdelikte, die ihm niemand hätte nachweisen können, hat er dem Kriminalbeamten am nächsten Tag gestanden. Das erste – an einem alten Mann – hatte Debisch schon als 13-Jähriger begangen, das letzte im Sommer zuvor – an Willi. Manche waren zu regelrechten Blutbädern ausgeartet, wie das an dem kleinen Engländer, das Otto Debisch mit 17 beging. Drei der Taten waren ungeklärt geblieben, eine vierte war nicht einmal bekannt geworden und als Vermisstensache verstaubt. Für weitere zwei waren Unschuldige verurteilt worden. Und nun klärte Hennes Jöris sechs Morde auf einmal, weil Otto Debisch in jener Nacht endlich eine Seele gefunden hatte, die er für würdig hielt, sein entsetzliches Wissen mit ihm zu teilen.