ZEIT-Essaywettbewerb Leider fehlt der Beipackzettel
2. Preis - Brief an einen zornigen jungen Mann: Mit 87 Jahren ein Rückblick auf die Welt. Von Otto Ruths
© Philippe Lopez/AFP/Getty Images

"Welche Wahl läßt uns die Krise?": Das Thema des ZEIT-Essaywettbewerbes (Foto: Börse in Shanghai/China)
Mein lieber junger Freund,
ich schreibe Dir heute, um mich für unseren Streit zu entschuldigen. Wir konnten uns nicht verständigen über Art und Weise unseres heutigen Lebens, Du warst traurig gegangen. Ich hatte Dir zu wenig deutlich machen können, welche Erfahrungen man während eines fast 87-jährigen Lebens macht.
Deine jugendliche Begeisterung für all unsere Möglichkeiten kann ich verstehen – ich bin kein Feind der Technik, habe aber gelernt, sie nach ihrem Nutzen und möglichen Schaden zu hinterfragen. Mit dem Rückblick in meine Vergangenheit, einem kritischen Blick auf die Gegenwart und kurzem Blick in die Zukunft versuche ich, Versäumtes nachzutragen.
Hineingeboren in die Folgen des Ersten Weltkrieges mit Inflation, Zusammenbruch der Wirtschaft und Arbeitslosigkeit, an denen die Weimarer Republik zerbrach, erlebte ich 1934 den Auftritt des Unmenschen aus Braunau und musste ihm als Schulkind mit einem Fähnchen zuwinken. Vom Kanzler wurde er zum umjubelten »Führer« des Deutschen Reiches, entfesselte den Zweiten Weltkrieg, führte und verlor ihn als »Oberster Feldherr«.
Das 20. Jahrhundert brachte uns zwei Weltkriege und eine zweite industrielle Revolution. Zwischen beiden Ereignissen besteht ein zeitlicher und inhaltlicher Zusammenhang: Die Welt machte einen Quantensprung in der technischen Entwicklung.
Du wolltest wissen, welche Erfahrungen ich in Krieg und Gefangenschaft hatte‚ ich hatte Dir ausführlich berichtet. Welche Lehren ich daraus zog? Kriege fallen nicht wie eine Strafe Gottes vom Himmel. Alle vom Menschen ausgelösten Katastrophen benötigen eine unterschiedlich lange Vorlaufzeit.
Wir hatten dann über den Klimawandel gesprochen, wissen, dass wir seit der ersten industriellen Revolution auf diesem Weg sind. Ausbruch und Ausmaß der Katastrophe kennen wir nicht, viele mögen denken: »Nach mir die Sintflut«, ein dummer Irrtum mit unerfreulicher Folge – Einschränkung unseres Wohllebens. Mit diesem Thema verließen wir die Vergangenheit, kamen in die Gegenwart und zu Deinem Lieblingsthema, dem Handy. Meine Ansicht, zu früher Besitz führe zu hemmungslosem Geschwätz und vermindere ein differenziertes Ausdrucksvermögen in Sprache und Schrift, hatte ich zu bissig vorgetragen – Du warst gegangen.
- Datum 27.09.2009 - 13:10 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.09.2009 Nr. 40
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Wenn wir diesen Brief ein weiteres Mal - diesmal mit Demut - lesen, erschließt er sich uns ganz.
soll hier eigentlich belehrt werden? Den "Jungen Freunden" braucht man das nicht zu erläutern, die vertreten doch all diese Standpunkte....
(Mindestbildung (-sbreitschaft) vorausgesetzt.)
Liebe "Zeit-Macher",
schlimm, ich fühlte mich wie beim Lesen eines Produktes aus dem Hause Springer.
Neiiin, nicht die "Bild"-Zeitung, wenn schon dann "Welt".
Es ist schade, dass sicher Eurem Profil besser entsprechende Beiträge wegen des Abdruckes dieser Mainstream-Essays unter den Tisch gefallen sind!
Alte Gottesvorstellungen - und angeblich immerwährende Männer-Treulicheiten in ihrem selbstverständlichen Machbarkeitzwangs-Vvorstellungen!
Nichts von dem, was ich von meinen Eltern, hauptsächlich von meiner Mutter, die acht Kinder zur Welt brachte (niederländische Magd, katholisch, arm und kinderreich und kinderlieb und arbeitsam in Haus, Hof und Garten...) lernte... - finde ich hier in diesem Gott-Ergebenheits-Studie/chen wieder.
So schreibt mann sich einen gemütlichen Abschied!
Und beläßt alles beim Alten, beim Gott, bei sich selbst.
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