Hildegard von Bingen (Barbara Sukowa, mitte links) und Clara (Paula Kalenberg, mitte rechts) in einer Szene aus dem Film © Concorde Filmverleih 2009

Einmal nur ist von einem weiblichen Körper etwas mehr zu sehen. Das ist die flächig verwucherte Wundenlandschaft, die ein eiserner Gürtel im Leib der Jutta von Sponheim zurücklässt. Den Gurt hat die asketische Nonne über Jahrzehnte zur Selbstkasteiung getragen. Erst bei der Waschung des Leichnams entdeckt ihre Schülerin Hildegard diese Spur weiblicher Selbstfolter und wird fortan als Äbtissin dafür sorgen, dass Christi Nachfolge auch Barmherzigkeit mit dem eigenen Körper bedeuten solle.

Von den Körpern sind sonst in dem Film Vision, der jüngsten Produktion der Regisseurin Margarethe von Trotta, die das Leben der Hildegard von Bingen zum Gegenstand hat, nur die Gesichter der Frauen zu sehen. Alles andere ist in den uniform schwarzen Nonnenhabit der Benediktinerinnen gehüllt. Ob Interesse, wissenschaftliche Neugier, Liebe, Selbstzweifel, Sorge, Angst, Leidenschaft, Müdigkeit, Trauer, Zorn, Todesqualen: Was immer im Leben dieser Frauen geschieht, drückt sich für den Zuschauer fast ausschließlich in den von weißem Tuch eingefassten Gesichtern aus.

Schon allein diese Irritation der modernen Üblichkeit, als Individuum an Äußerlichem erkennbar zu sein, macht Trottas neuen Film sehenswert. Und weil sie einige der ausdrucksbegabtesten Schauspielerinnen des deutschen Films für Vision gewonnen hat, allen voran Barbara Sukowa in der Rolle der Hildegard, aber auch Lena Stolze, Hannah Herzsprung, Paula Kalenberg, kann man sich an deren reicher Gesichtersprache kaum sattsehen. Sie führt einen in den Kosmos des inneren Menschen.

Der innere Mensch ist um 1100 eine ziemlich neue, fragile, politisch brisante Entdeckung, und Hildegard von Bingen hat an ihr einigen Anteil: jene fast schon ikonenhafte Wissenschaftlerin, Prophetin, Äbtissin, Komponistin, die etwa von 1098 bis 1177 gelebt hat, eine der verblüffendsten Persönlichkeiten des Hochmittelalters, von der man sich heute noch wundern kann, dass es sie unter all den Männern überhaupt gab. Hildegards schriftstellerisches, wissenschaftliches und kompositorisches Werk hat in der Frauengeschichte kaum seinesgleichen. Ihre Heilkunde Physica, ihr theologisches Opus Scivias , ihre Korrespondenzen mit den Mächtigsten, autobiografische Hinweise: Aus all diesen Quellen ist der Entwurf eines selbstbewussten Menschen in Gottes Schöpfung zu lesen, die nur überdauert, wenn der Mensch sie durch Forschung kennt und seelisch an ihr gesundet.

Das Leben der Frau ist so bemerkenswert wie das Werk, nur sind die allerwenigsten Fakten belegt. Hildegard wird zur Gründerin zweier Frauenklöster, sie bricht, für eine Frau unerhört, auf Predigerreisen auf, wird also gegen die Benediktinerregel mobil, und sie wird vom Papst als Prophetin anerkannt, was einer Frau nie zuvor geschah. Sie hinterlässt Dokumente der individuellen Liebe und Freundschaft für ihre Schülerin Richardis, sie gewinnt ihren fortwährenden Krankheiten doch etwa 80 Lebensjahre ab, und vor allem: Sie fasst den Mut, ihre umfänglichen Visionen mithilfe des Mönchs Volmar zu Papier zu bringen – Gesichte, von denen Neurologen heute vermuten, sie könnten in migräneähnlichen Attacken entstanden sein. Sie sind zumindest der Versuch einer Deutung der Offenbarung, eine Art Prophetie, die sich Gehör verschaffen will, durchaus mit weltlichem Machtanspruch. Wenn man kein Mann ist und keine Universität besuchen kann, ist die Vision ein erfolgversprechendes Medium. Hildegard von Bingen darf man sich auch als eine genial inspirierte Strategin vorstellen, eher jedenfalls denn als dunkelmittelalterliche Mystikerin, deren Namen es auf Müsli-Riegel geschafft hat.

Wie verfilmt man aber ein Leben, von dem man fast nichts zweifelsfrei weiß und das vor allem in der Quellengattung der Vita überliefert ist, also einer stark idealtypisierenden Form, in der Chronisten ein menschliches Leben topisch einem Heilsplan einformen? Margarethe von Trotta hat eine ebenso reizvolle wie gewagte Entscheidung getroffen: Sie verzichtet auf die Mimesis der stinkenden Realien mittelalterlicher Lebenswelten, wie sie etwa in der Verfilmung von Umberto Ecos Namen der Rose die Sinne betäuben, und folgt stattdessen, mit aktuellen Mitteln, den reinigenden Mustern der Vita. Das gibt dem Film unweigerlich etwas Puristisches, mithin Unwirkliches. Aber die theologische Denkerin, die politische Strategin, die wissenschaftliche Lehrerin Hildegard behält die Verfilmung auf diese Weise umso entschiedener im Blick.

Der Film konzentriert sich auf einen fast fotografischen Nachvollzug der Ausprägung und Würde von Individualität. Die Kamera lenkt alle Aufmerksamkeit auf Gesichter und Stimmen in einer weitgehend farblosen, zumeist dunklen Klosterwelt. Sie stellt die Wahrnehmung radikal auf Stille, auf disziplinierte Langsamkeit, auf Reizarmut um. Umso näher kommen einem der Sopran der Sukowa und die Altstimme Salome Kammers, wenn sie in den steinernen romanischen Räumen des ehemaligen Zisterzienserklosters Maulbronn, dem Drehort, in den Wechselchören der Gottesdienste erklingen.