»Vision« Gesichter in der StilleSeite 2/2

Und umso überflüssiger kommen einem die sehr runden Sonnen- und Mondkugeln vor, die am Himmel hier und da wohl Ganzheit in apokalyptichen Zeiten symbolisieren sollen und was in Gottes Namen der Weiblichkeitsidealfantasien mehr sind. Tatsächlich sind auch die gleißenden Lichtwirbel am Himmel wenig geglückt, die Hildegards Visionen anzeigen, tatsächlich wird etwas aufdringlich durch wilde Wälder, aufrecht natürlich, hinein in offene Horizonte geritten.

Aber dies anzumerken ist eher langweilig. Riskant wirkt anderes: Der Film lässt, um sich auf das Klosterleben zu konzentrieren, die Welt blass, aus der sich die Nonnen zurückzogen. Er lässt außer Acht, dass mit den ersten städtischen Freiheiten sich draußen die ständische Ordnung ein wenig zu lockern beginnt, er lässt die Vielfalt religiöser Reformbewegungen in der Folge von Cluny beiseite, mit denen zum Teil eine sexualisierte Christusfrömmigkeit einherging. Er streift auch die Tatsache der weiblichen Bildungsferne nur, der Frauensterblichkeit durch Schwangerschaft und Geburt, er übergeht die Gründungen standesübergreifender religiöser Gemeinschaften von Frauen und Männern und also die Frage, warum Hildegard in ihrem Kloster Rupertsberg nur adlige Mädchen zuließ. Dass der Film nicht gegen die Überhöhung Hildegards zur Weltheilerin gefeit ist, liegt auch daran, dass er ihren historischen Ort nicht klarer bestimmt. Doch hätte Trotta anders, für die Realien, entschieden, hätte man diese Gesichter nicht sehen können und die Stille nicht hören. Auf beides aber weist Vision die gehetzte Gegenwart nachdrücklich hin.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • Akanda
    • 24.09.2009 um 23:37 Uhr

    »Sie führt einen in den Kosmos des inneren Menschen.«
    ... allein dieser Satz ist mir Grund genug, den Film zu sehen...

    »Aus all diesen Quellen ist der Entwurf eines selbstbewussten Menschen in Gottes Schöpfung zu lesen, die nur überdauert, wenn der Mensch sie durch Forschung kennt und seelisch an ihr gesundet.«
    ... was für eine Aussage dieser Satz beitzt - vielen Dank!! :-D

    »Gesichte, von denen Neurologen heute vermuten, sie könnten in migräneähnlichen Attacken entstanden sein. Sie sind zumindest der Versuch einer Deutung der Offenbarung, eine Art Prophetie, die sich Gehör verschaffen will, durchaus mit weltlichem Machtanspruch.«
    ... einmal mehr erleben wir hier den Zusammenstoß von materiell geprägten Konzepten mit Phänomenen, die von der allem zu Grunde liegenden Ebene des Bewußtseins aus leicht zu verstehen wären ...

    Vielen herzlichen Dank Frau von Thadden, ich kann es kaum erwarten ...

    • Akanda
    • 25.09.2009 um 0:35 Uhr

    es sollte heißen:
    ... was für eine Aussage dieser Satz »besitzt« ;-)

    • Akanda
    • 07.10.2009 um 1:32 Uhr

    oder besser „in vollen Zügen genossen" und befinde mich noch immer voll in seinem emotionellen Bann - ENDLICH mal ein wirklich sehenswerter, spiritueller Film, der das Herz berührt und erfrischt.
    Vielen Dank Frau von Trotta! Dieses Meisterwerk wird bestimmt (hoffentlich) einige Preise gewinnen!

    • Sikumu
    • 15.10.2009 um 21:52 Uhr

    Dieser Film zeigt Hildegard von Bingen als die große Mystikerin, die sie war. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Auch wenn sie werte Rezensentin, in ihrem durchaus ansprechenden Artikel gerade diesen zentralen Aspekt mit Verweis auf Migräneattacken und weibliche Schlauheit zur Seite schieben. Habe den Film erst gestern gesehen und war angenehm überrascht.
    Mit von Trotta als Regisseurin hatte ich einen eher frauenbewegten Film erwartet, oder soll ich sagen gefürchtet? Habe einen wunderschönen Film gesehen, in dem mich auch die von ihnen geschmähten Naturaufnahmen tief berührt haben.

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    Das klingt ja sehr viel versprechend! Ich bin auch sehr gespannt auf den Film. Meiner Meinung nach misslingt die filmische Charakterisierung solch außergewöhnlicher Persönlichkeiten, wie Hildegard von Bingen, in den meisten Fällen. Aber der Artikel hat mich wirklich neugierig darauf gemacht, wie Margarethe von Trotta die Visionen umgesetzt hat!

    Das klingt ja sehr viel versprechend! Ich bin auch sehr gespannt auf den Film. Meiner Meinung nach misslingt die filmische Charakterisierung solch außergewöhnlicher Persönlichkeiten, wie Hildegard von Bingen, in den meisten Fällen. Aber der Artikel hat mich wirklich neugierig darauf gemacht, wie Margarethe von Trotta die Visionen umgesetzt hat!

  1. Das klingt ja sehr viel versprechend! Ich bin auch sehr gespannt auf den Film. Meiner Meinung nach misslingt die filmische Charakterisierung solch außergewöhnlicher Persönlichkeiten, wie Hildegard von Bingen, in den meisten Fällen. Aber der Artikel hat mich wirklich neugierig darauf gemacht, wie Margarethe von Trotta die Visionen umgesetzt hat!

    Antwort auf "Eine große Heilige"
  2. Immer wieder überzeugt Margarethe von Trotta mit ihren Filmen und der Liebe zum Detail. Ich hatte zweimal die Gelegenheit, bei Dreharbeiten dabei sein zu dürfen und bin vollkommen fasziniert, mit welcher Ausdauer sie immer wieder an einer kleinen Filmszene arbeitet, bis die endlich ihren Anforderungen genügt.

    Fotos von den Dreharbeiten gibt es hier zu sehen:
    http://www.das-fotostudio...

    und
    http://www.das-fotostudio...

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