Bildung Doktor Rabbiner
An der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg studieren junge Menschen unterschiedlichster Herkunft und Religion. Jetzt wird die Schule 30 Jahre alt.
Manchmal weist Fußball über sich selbst hinaus, so wie ein Turnier in Heidelberg anno 2003: Da spielen Juden gegen Muslime, Chinesen gegen Norweger, Kameruner gegen Senegalesen. Am Ende siegen die Araber. Gewonnen haben alle.
Alle, das sind die Studenten der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien, ein bunter, uneinheitlicher Haufen: Frauen und Männer, Bayern und Preußen, Juden, Christen und Muslime, Russen, Israelis und Ägypter. Während dreitausend Kilometer entfernt Truppen gegen die »Achse des Bösen« in den Krieg ziehen, sortieren sie sich nach Glaubensrichtung oder Herkunft, um einen friedlichen Wettkampf auf dem Rasen zu zelebrieren.
Seit 30 Jahren bildet die Hochschule für Jüdische Studien, kurz HfJS, junge Experten für jüdische Kultur aus. Derzeit studieren 140 Frauen und Männer im Hauptfach Jüdische Studien, Gemeindearbeit oder Jüdische Religionslehre. 14 Nationalitäten und diverse Glaubensrichtungen von morgens bis abends beieinander: Das erstickt kulturelle Ressentiments, der Andere ist hier nicht lange fremd. Die große Offenheit, die während des Fußballturniers 2003 sichtbar Gestalt annahm, ist an der HfJS nichts Besonderes – und genau das macht diesen Ort besonders.
Auf dem Rasen damals mit dabei war Imen Ben Temellist, die jetzt eine Doktorarbeit über Juden in Tunesien während der Schoa schreibt und nebenher an der HfJS lehrt. Vor zehn Jahren kam die zierliche junge Frau von Djerba nach Heidelberg. »Noch immer werde ich gefragt, warum ich als Muslimin ausgerechnet Jüdische Studien studierte – als wäre das ein Widerspruch in sich.« Dass ein Zusammenleben von Juden und Muslimen möglich ist, gehört für sie zu den wichtigsten Erfahrungen ihrer Heidelberger Zeit. »Natürlich streiten wir auch mal, wie das überall vorkommt«, sagt sie. »Aber Unterschiede in Glaube und Herkunft waren nie ein Problem.«
Was in den Seminaren an der HfJS geschieht, ist lebendiger interreligiöser Dialog. Hier werden jüdische und christliche Exegese ebenso verhandelt wie das Bild des Juden in den Gemälden Rembrandts oder in den amerikanischen TV-Serien Friends und Seinfeld . Das Seminar, das Temellist in diesem Semester gemeinsam mit dem Dozenten Frederek Musall leitet, handelt von Juden in der arabischen Welt. Musall, 35 Jahre, jüdischen Glaubens, ist hier, um Stereotype aufzubrechen. Darum gehe es an der HfJS, sagt er.
Was ihre Lust am Dialog, die Wissbegierde und Freude an der Sache angeht, ähneln sich die Studenten und ihre Lehrer. Ansonsten sind sie überaus unterschiedlich. Manch junger Mann trägt eine Kippa, hier und da wuselt eine Frau mit Kopftuch durch die Bibliothek. Es gibt Skaterjungs ebenso wie Turnschuhmädchen mit sorgsam zerzausten Frisuren. Die Hochschule ist die einzige eigenständige Einrichtung für Jüdische Studien in Deutschland. Mit acht Professorenstellen gehört sie zu den europaweit größten Lehranstalten für das Fach. Prorektor Johannes Heil will sie gar als »europäisches Kompetenzzentrum« verstanden wissen, eine werbetaugliche Bezeichnung, die aber nicht jeder Fachkollege bestätigt. Bisher habe die HfJS doch eher ein Mauerblümchendasein gefristet, sagt etwa Julius Schoeps vom Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam. Jüdisches Leben und Forschen in Europa sei zu mannigfaltig, als dass sich ein einziger Mittelpunkt ausmachen ließe.
Prorektor Heil setzt auf das neue Zentrum für interkulturelle Kommunikation an der HfJS, das der Entfremdung zwischen religiösen, kulturellen und ethnischen Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft entgegenwirken soll. »Gerade was das Beziehungsgefüge zwischen Minderheiten und Mehrheit angeht, sind Jüdische Studien beispielhaft«, so Heil. Er ist 48, hat in Frankfurt, Tel Aviv und Haifa studiert und nennt die HfJS liebevoll einen »Familienbetrieb«. Vom Fenster der Gründerzeitvilla in der Friedrichstraße, dem derzeitigen Hauptgebäude der HfJS, blickt er über die Heidelberger Altstadt, aus deren Giebeln sich ein Baukran wie eine riesige Giraffe gen Himmel streckt.
Der Kran steht dort, wo am 30. September der Neubau eingeweiht wird, den sich die Hochschule zum Jubiläum spendiert. Ab Oktober wird darin gelehrt und geforscht, gegessen, gesungen und diskutiert: Das Haus vereint die bisher verteilten Räumlichkeiten unter einem Dach. Es soll ein Ort des Lernens mit jüdischem Charakter sein: die Türrahmen im Innern, wie in jüdischen Haushalten üblich, mit Mesusot versehen, kleinen Kapseln aus Holz oder Blech, die ein Pergamentstück mit Zeilen aus der Thora enthalten; die Mensa, die in einen zufällig entdeckten Gewölbekeller aus dem 17. Jahrhundert einzieht, mit koscher zubereitetem Essen.
Studenten wie Professoren legen auf eine jüdische Prägung des Hauses Wert, auch wenn die HfJS konfessionell gesehen keine jüdische, sondern eine pluralistische Universität ist. Aber die nach englischen und amerikanischen Modellen konzipierte Hochschule wurde 1979 mit dem Ziel gegründet, in Deutschland wieder jüdisches Leben zu ermöglichen und Religionslehrer, Sozialarbeiter, Rabbiner und Kantoren auszubilden. Vor dem »Dritten Reich« hatte es eine solche Lehranstalt in Breslau und zwei in Berlin gegeben; als letzte wurde dort 1942 die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums geschlossen. Das Haus in der Tucholskystraße ist heute Sitz des Zentralrats der Juden.
Die »Wissenschaft des Judentums«, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Umkreis von Moses Mendelssohn entwickelte, verdankt ihre Entstehung der Assimilation vieler Juden unter dem Einfluss der Aufklärung. Mendelssohn wollte den Spagat zwischen Offenbarung und neuer »Religion der Vernunft« vollziehen – er ebnete den Weg für die Wiederbelebung jüdischen Geistes und damit für ein modernes Judentum in Deutschland. 1872 nahm die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin ihre Arbeit auf. Sie brachte so herausragende Gelehrte wie Franz Rosenzweig, Martin Buber oder ihren letzten Direktor Leo Baeck hervor.
Johannes Heil träumt von einer Renaissance jener Gelehrtentradition, die vor 70 Jahren vernichtet wurde. »In fernen Tagen gab es einmal den Begriff des ›Doktor Rabbiner‹«, sagt er. Gemeint war der typisch deutsche Rabbiner, der sowohl jüdisch-religiös als auch akademisch ausgebildet war, den Talmud ebenso beherrschte wie den Kant. Jenes duale Ausbildungsmodell hat der noch junge Heidelberger Masterstudiengang Rabbinat von der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums übernommen wie auch das Ideal, den innerjüdischen Pluralismus im Lehrbetrieb widerzuspiegeln: Der Rabbinatsmaster ist nicht an eine Richtung im Judentum gebunden, sondern offen für konservative, orthodoxe und liberale Juden zugleich. Für Johannes Heil ist er das Versprechen auf eine neue Generation jüdischer Gelehrter in Deutschland. »Wenn wir es schaffen, das Konzept wieder mit Leben zu füllen, können wir dort anknüpfen, wo 1938 der Bruch stattgefunden hat.«
Allein: Ist es möglich, gelöschte Tradition mit einem Programm aus einer anderen Zeit wiederaufleben zu lassen, statt sie bloß zu imitieren? Kann man, so fragte die SZ 1981 pessimistisch, »einem versiegten Fluss wieder das Fließen lehren«? Viel ist seither geschehen: 200.000 Juden sind seit dem Ende der Sowjetunion nach Deutschland eingewandert; die hiesige jüdische Gemeinschaft ist die drittgrößte Europas sowie diejenige, die weltweit am schnellsten wächst. 2006 wurden in Deutschland erstmals nach der Schoa wieder drei Rabbiner ordiniert.
Grischa Müller-Eigner hat noch ein paar Jahre vor sich bis zur Ordination. Er ist 33, trägt eine Kippa und zählt zu den ersten Studenten des M.A. Rabbinat. Das duale, nicht an eine innerjüdische Richtung gebundene Modell war für ihn Grund genug, sich für die HfJS zu entscheiden: »Wenn ich sowohl die althergebrachten Weisen des Verstehens beherrsche als auch die kritisch-akademische Analyse, beugt das einem Tunnelblick vor.« Er spricht von Tradition und jüdischer Identität, von Inspiration und vom Hochschulrabbiner Shaul Friberg, der ihm die Angst vor der eigenen Unfähigkeit für einen Beruf nahm, der mehr ein Lebensstil ist. »Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen«, so Müller-Eigner. Er weiß, dass es ein langer Weg ist bis zur smicha, der rabbinischen Weihe. Wer ihn an der HfJS einschlägt, muss wesentliche Teile der religionsgesetzlichen Ausbildung an einer traditionellen jeschiwa, einer Talmudhochschule in Berlin oder im Ausland durchlaufen. Ein Umstand, der der HfJS in der Vergangenheit auch Kritik eingebracht hat.
Carsten Wilke vom Duisburger Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte beschäftigt sich seit Langem mit der Rabbinerausbildung in Deutschland. Er hält die Anforderungen der HfJS für wegweisend. »Das Rabbinat muss an bestehende Traditionsketten anknüpfen«, sagt er. Auch wenn der Wunsch des Prorektors, die alte rabbinische Gelehrtentradition wiederzubeleben, sehr anspruchsvoll erscheine, sei es richtig, in Heidelberg nur den akademischen Baustein für eine Ausbildung anzubieten, die jeder angehende Rabbiner individuell zusammensetzen müsse.
Wahr ist, dass in den sechseinhalb Jahrzehnten nach dem Holocaust in Deutschland noch keine neue jüdische Generation, nur vereinzelt jüdische Denker herangewachsen sind, die sich mit griechischer Philosophie ebenso auskennen wie mit dem jüdischen Gelehrten Maimonides. Doch die Keime sind gesät.
Judith Müller aus dem zweiten Semester, die schon mit 17 ein Buch über ein deutsches Mädchen in Israel veröffentlichte, will vielleicht irgendwann für eine Zeitung über das deutsch-jüdische Verhältnis schreiben. Imen Ben Temellist, die muslimische Judaistin, strebt den diplomatischen Dienst oder die Arbeit in einer internationalen Organisation an. Frederek Musall, der Jude, der auch Islamwissenschaft studiert hat, übernimmt im Wintersemester eine Juniorprofessur an der HfJS. Grischa Müller-Eigner, der fünf Sprachen spricht und als sechste gerade Gebärdensprache lernt, wird womöglich einmal als Rabbiner in einer multikulturellen Gemeinde tätig sein. Und so kann man in den Lebenswegen dieser jungen Menschen auch einen späten Sieg über die Nazis sehen.
Gewiss, 30 Jahre sind kein Alter für eine Hochschule, besonders nicht in der Stadt, in der mit der Ruprecht-Karls-Universität aus dem Jahr 1386 die älteste Universität Deutschlands steht. Wenn Professoren und Studenten in der nächsten Woche den Geburtstag der HfJS feiern, werden sie ihre Bücher liegen lassen und auf das Erreichte zurückblicken. Ein Ort des Lernens, der einst mit 16 Studenten seinen Lehrbetrieb aufgenommen hat, ist erwachsen geworden. Zum Ort der Erneuerung wird er, wenn er in wenigen Jahren seinen ersten Doktor Rabbiner hervorbringt.
- Datum 02.10.2009 - 11:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.09.2009 Nr. 40
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