Bildung Doktor RabbinerSeite 3/3

Grischa Müller-Eigner hat noch ein paar Jahre vor sich bis zur Ordination. Er ist 33, trägt eine Kippa und zählt zu den ersten Studenten des M.A. Rabbinat. Das duale, nicht an eine innerjüdische Richtung gebundene Modell war für ihn Grund genug, sich für die HfJS zu entscheiden: »Wenn ich sowohl die althergebrachten Weisen des Verstehens beherrsche als auch die kritisch-akademische Analyse, beugt das einem Tunnelblick vor.« Er spricht von Tradition und jüdischer Identität, von Inspiration und vom Hochschulrabbiner Shaul Friberg, der ihm die Angst vor der eigenen Unfähigkeit für einen Beruf nahm, der mehr ein Lebensstil ist. »Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen«, so Müller-Eigner. Er weiß, dass es ein langer Weg ist bis zur smicha, der rabbinischen Weihe. Wer ihn an der HfJS einschlägt, muss wesentliche Teile der religionsgesetzlichen Ausbildung an einer traditionellen jeschiwa, einer Talmudhochschule in Berlin oder im Ausland durchlaufen. Ein Umstand, der der HfJS in der Vergangenheit auch Kritik eingebracht hat.

Carsten Wilke vom Duisburger Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte beschäftigt sich seit Langem mit der Rabbinerausbildung in Deutschland. Er hält die Anforderungen der HfJS für wegweisend. »Das Rabbinat muss an bestehende Traditionsketten anknüpfen«, sagt er. Auch wenn der Wunsch des Prorektors, die alte rabbinische Gelehrtentradition wiederzubeleben, sehr anspruchsvoll erscheine, sei es richtig, in Heidelberg nur den akademischen Baustein für eine Ausbildung anzubieten, die jeder angehende Rabbiner individuell zusammensetzen müsse.

Anzeige

Wahr ist, dass in den sechseinhalb Jahrzehnten nach dem Holocaust in Deutschland noch keine neue jüdische Generation, nur vereinzelt jüdische Denker herangewachsen sind, die sich mit griechischer Philosophie ebenso auskennen wie mit dem jüdischen Gelehrten Maimonides. Doch die Keime sind gesät.

Judith Müller aus dem zweiten Semester, die schon mit 17 ein Buch über ein deutsches Mädchen in Israel veröffentlichte, will vielleicht irgendwann für eine Zeitung über das deutsch-jüdische Verhältnis schreiben. Imen Ben Temellist, die muslimische Judaistin, strebt den diplomatischen Dienst oder die Arbeit in einer internationalen Organisation an. Frederek Musall, der Jude, der auch Islamwissenschaft studiert hat, übernimmt im Wintersemester eine Juniorprofessur an der HfJS. Grischa Müller-Eigner, der fünf Sprachen spricht und als sechste gerade Gebärdensprache lernt, wird womöglich einmal als Rabbiner in einer multikulturellen Gemeinde tätig sein. Und so kann man in den Lebenswegen dieser jungen Menschen auch einen späten Sieg über die Nazis sehen.

Gewiss, 30 Jahre sind kein Alter für eine Hochschule, besonders nicht in der Stadt, in der mit der Ruprecht-Karls-Universität aus dem Jahr 1386 die älteste Universität Deutschlands steht. Wenn Professoren und Studenten in der nächsten Woche den Geburtstag der HfJS feiern, werden sie ihre Bücher liegen lassen und auf das Erreichte zurückblicken. Ein Ort des Lernens, der einst mit 16 Studenten seinen Lehrbetrieb aufgenommen hat, ist erwachsen geworden. Zum Ort der Erneuerung wird er, wenn er in wenigen Jahren seinen ersten Doktor Rabbiner hervorbringt.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service