»Anthropozän« nennt der Chemienobelpreisträger Paul Crutzen unser Zeitalter. Etwa seit Mitte des vorletzten Jahrhunderts präge anthropos, der Mensch, alle Ökosysteme der Erde – so stark, dass eine neue geologische Ära begonnen habe.

Knapp zehn Jahre ist dieser Gedanke alt, gut 150 Jahre lang der so titulierte Zeitraum. Eine Zeit der Emanzipation von der Natur, voll kultureller Potenz, technologischer Herrschaft, weitreichender Einsichten – doch zugleich gepaart mit einer allzu kurzen kollektiven Aufmerksamkeitsspanne. Mit dieser Einsicht beschämt uns jetzt die britische Royal Society. Sie widmet die jüngste Ausgabe ihrer Wissenschaftszeitschrift Philosophical Proceedings B einem einzigen Anliegen: Es geht um das Bevölkerungswachstum.

Ja, genau um jenes exponentielle Wachstum, von dem in den siebziger und achtziger Jahren so viel die Rede war. Über 40 Forscher warnen nun in den Proceedings, dass der Trend zwar ungebrochen sei, dass Politik und Medien ihn jedoch in den letzten 20 Jahren links liegen gelassen hätten. Derweil wuchs die Menschheit auf über 6,5 Milliarden Köpfe. Für 2050 erwarten die Vereinten Nationen bis zu 10,6 Milliarden. 95 Prozent der Zunahme finden derzeit in armen Ländern statt.

Jetzt drängt die »Überbevölkerung« wieder ins Bewusstsein, diesmal als Klimaproblem: Dass Menschen Wälder abholzen und jeden Streifen Grün landwirtschaftlich nutzen, ist ebenso typisch für das Anthropozän wie das industrielle Verheizen von Kohle, Gas und Erdöl. Gerade Menschen im Überlebenskampf können aber keine Rücksicht auf die Umwelt nehmen. Der Energieverschwendung müssten die Industrieländer Einhalt gebieten, dem Bevölkerungswachstum hingegen die Entwicklungsländer, meinen die Autoren. Sonst werde die Welt den Klimawandel und seine Folgen nicht in den Griff bekommen.

Wie ungerecht das klingt! Als wollten die (Erstwelt-)Wissenschaftler jene gegen die globale Erwärmung in die Pflicht nehmen, die dafür am wenigsten verantwortlich sind: die ärmsten Menschen aus den unterentwickelten Ländern. Und gilt nicht wachsender Wohlstand als bestes Mittel gegen übermäßige Fruchtbarkeit? Dem ist nicht so. Auch in armen Gemeinschaften beobachteten Forscher, wie die Geburtenrate ohne Druck von außen sank. Es reichte, wenn Verhütungsmittel und medizinische Versorgung frei zugänglich waren. Sie vorzuenthalten ist unfair, sie bereitzustellen gebietet die Menschlichkeit. »Macht jede Geburt zu einer gewollten Geburt«, fordern jetzt die Autoren in den Proceedings – bestürzend banal.

Denn schon vor fast vier Jahrzehnten hatte der Club of Rome das Bevölkerungsproblem ins globale Bewusstsein gehoben. Es scheint, als ob die Amnesie einfach dazugehört zum Anthropozän – oder zum Age of Stupid, dem Zeitalter der Dummheit, wie es die britische Regisseurin Franny Armstrong nennt. In ihrer gleichnamigen Kinofiktion fragt sich der letzte Überlebende einer Klima-Apokalypse im Jahr 2055, warum die Menschheit nichts gegen ein Problem unternommen hat, das schon seit Jahrzehnten bekannt war.