Düstersänger Cave präsentiert seinen zweiten Roman

Um 5.30 Uhr des morgens springt Nick Cave mit einem Satz aus dem Bett, reißt die Vorhänge beiseite und lobt Gott für die Gnade, ihm einen weiteren wundervollen Tag zu schenken. Er raucht exakt drei Zigaretten und trinkt drei Tassen Tee, nimmt je ein heißes und ein kaltes Bad zur Anregung des Kreislaufs. Derart erfrischt, schlüpft er in einen von drei dunklen Anzügen, die ein der Redaktion bekannter Schneider aus Soho für ihn angefertigt hat, küsst Frau und Kinder zum Abschied, bevor er sich in seine Schreibstube begibt, wo er von 9 bis 5 mit protestantischer Arbeitsmoral seinem Metier nachgeht.

Rock ’n’ Roll als Bürojob – so hat man sich das exzessive Leben berühmter Musiker bislang nicht vorgestellt. Entsprechend verblüfft war die Anhängerschaft, als Cave sich 2003 im Magazin der Sunday Times plötzlich als wiedergeborener Familienmann präsentierte, der in epischen Tönen von den Vorzügen bürgerlicher Kleidung zu berichten wusste, der Liebe zu seinen kleinen Söhnen und seiner Hochachtung für das Werk Thomas Manns. Seither kennt die Welt ihn weniger als drogenkonsumierenden Selbstzerstörer denn als Künstler, der zwischen Person und Rolle zu trennen weiß. Doch erstens soll man Wüstlingen um die 50 nicht alles glauben, und zweitens war das, bevor Bunny Munro auftauchte.

Bunny Munro ist Handelsvertreter und ein Schlawiner erster Güte. Sein Job besteht darin, Frauen aller Art mit Kosmetikprodukten zu versorgen, die er aus seinem tiefen schwarzen Musterkoffer hervorzaubert. Ein teuflisches Tarnungsmanöver, denn eigentlich ist Munro von Beruf Verführer: Kaum gerät ein weibliches Objekt in sein Blickfeld, gehen auch schon sämtliche Pferde mit ihm durch, und sobald dieser Regelfall eintritt, scheint sein Hirn direkt mit den Hoden verbunden zu sein. Man geht nicht fehl in der Annahme, in Bunny Munro jene Art Mann zu erkennen, die Cave seit Jahren durch einen geregelten Tagesablauf erfolgreich im Zaum zu halten gelernt hat. Jetzt sind die beiden einander noch einmal begegnet – im Buchstabengebiet der Literatur.

In Der Tod des Bunny Munro erzählt Nick Cave vom wundersamen Leben und Sterben eines Serienfickers. Bereits die Eröffnungsszene zeigt den Helden nackt bis auf die Unterhose in einem Hotelzimmer sitzend, »allein mit sich und seinen Trieben«. Am Ende wird ihm Erlösung zuteil werden, doch sie erreicht ihn nur noch postmortal. Dazwischen auftauchende Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind ebenso erwünscht wie beabsichtigt: Wie Munro ist Cave verheiratet und handelt hauptberuflich mit Emotionen, wie Cave lebt Munro im englischen Brighton, dessen düster-dekadente Seebadatmosphäre dem Roman die Grundstimmung mitgibt. Der Tod des Bunny Munro – nach Und die Eselin sah den Engel von 1990 Caves zweiter Versuch als Schriftsteller – trägt Züge einer Lebensbeichte. Wer gängige Rockstar-Memoiren erwartet, wird trotzdem angenehm enttäuscht.

Es ist eine Reise in die Unterwelt des männlichen Begehrens, die der Autor in den eitrigen Farben der Apokalypse vor uns aufmalt, ein veritabler Höllentrip, der zwar Stationen kennt, aber keine Entwicklung. Ob es Schlangen regnet oder Frösche, ob feucht glänzende Vaginen sich vor dem geistigen Auge öffnen »wie eine heilige Erscheinung«, der Held bleibt derselbe, der er immer war, ein haltlos von Verkehr zu Verkehr driftender Verkäufer seiner eigenen Seele, eingeschlossen in die archaisch-zeitlose Welt des Sex. Neu und wendungsreich sind bloß die Stationen des Martyriums selbst. Bunny, dieses Duracell-Häschen von Verführer, kennt keine Gnade, nicht mit den Frauen und nicht mit sich selbst, sogar der Umstand, dass sein hyperaktiver Penis sich spätestens auf Seite 56 anfühlt »wie etwas, das in einen schrecklichen Unfall verwickelt war«, sorgt allenfalls für kurzes Innehalten. Zwei Zeilen weiter erhebt sich springteufelgleich bereits wieder die nächste Erektion.