Roman Das Ich und seine TriebeSeite 2/2

Das alles wäre in seiner Monothematik schwer erträglich, hätte Cave nicht einen Ton entwickelt, der der dumpfen Dauerkollision des Geschlechtlichen immer wieder überraschende Facetten abgewinnt. Geradezu lyrisch werden die »freudigen Hinterbacken von Hundebesitzerinnen« besungen, eingecremte Waden künden von umfassender Genitalenthaarung, und ewig lockt »der goldene Klecks ihrer Scham«. Dass der Autor als Bub von seinem englische Literatur unterrichtenden Vater Nabokovs Lolita vorgelesen bekommen haben will, überrascht jedenfalls nicht. Wenn er auch noch seiner Neigung zum biblischen Pathos freien Lauf lässt, meint man, Klaus Kinski Porno-Stellen aus dem Alten Testament deklamieren zu hören. Meist aber liegt ein sardonischer, aus testosteronbefeuerten Tourbus-Gesprächen destillierter Humor über den Szenen. Dann liest sich die Geschichte vom tumben Toren Bunny als böse Satire auf den Rock-’n’-Roll-Lifestyle.

Von hinreißender Komik sind insbesondere die Passagen, in denen Songs aus dem Autoradio auf geheime Subtexte hin dechiffriert werden. Mamma mia! Mamma mia, let me go!, Thunderbolt and lightning, very very striking! – aus den akustischen Epigrammen der Popkultur spricht »die beschleunigte Kollision von Zeit und Verlangen, die Verschmelzung all der winzigen Bedürfnisteilchen, die herumwirbeln wie der Silberstaub um die Glühbirne«. So gesehen erweist sich nicht nur Kylie Minogues Smash Hit Spinning Around als gleichermaßen hysterische wie tiefenphilosophisch ausdeutbare Hymne auf den Analverkehr; es rauscht das Dämonische einer durch und durch sexualisierten Warenwelt herauf, in der Trieb, Geld und Tod miteinander verschwistert sind und selbst die Teletubbies wie Vorboten irgendeiner namenlosen Perversion herangewatschelt kommen.

Weil nur mit Sex allerdings kein Schriftwerk von 311 Seiten über die Runden zu bringen ist, hält Cave doch noch so etwas wie eine Lehre für seinen Bunny bereit. In Bunny jr., seinem eigenen neunjährigen Sohn, tritt dem Helden auf halber Strecke ein Unschuldsengel entgegen, der ihn auf seinem Trip in die Hölle begleitet. Bunny jr. fragt nicht, was seinen Vater reitet, er ist einfach da – das wandelnde Mahnmal einer heilen, von ehelichem Beischlaf und mütterlicher Zuwendung zeugenden Welt. Und während das Finale herannaht, in welchem der ewige Womanizer wie in einer Nahtoderfahrung noch einmal sämtlichen Weibspersonen begegnet, die er im Lauf seines Lebens zu egoistischen Abfuhrzwecken benutzt hat, liest er in den Augen der Frucht seines Leibes die frohe Botschaft…

Am Ende entpuppt sich Der Tod des Bunny Munro also als konservativer, mit einer geradezu christlichen Moral gesegneter Roman: Es sind die guten, die sorgenden Frauen und die Kinder, die den Mann aufgrund ihrer Fähigkeit zu bedingungsloser Liebe erlösen können – allein wäre er zu einem Leben in Sünde verdammt. Und auch wenn diese Einsicht für den armen Handlungsreisenden B. zu spät kommt, wir haben ja den heiligen Nick, der sie uns zur Sicherheit noch mal ins Stammbuch schreibt. »Ich fand es schwer, auf dieser Welt ein guter Mensch zu sein«, sagt Bunny, bevor der Teufel ihn holen kommt. »Oh Daddy«, flüstert sein Sohn ihm darauf ins Ohr. Hallelujah, what a wonderful world!

Nick Cave hat aber noch einen anderen Grund, Gott zu loben: Nach all den Jahren, die er als singender Schmerzensmann durch die Lande ziehen musste, hat er einen praktikablen, honorigen und, wie man annehmen muss, sogar einträglichen Weg gefunden, mit sich und seinen Gespenstern ins Reine zu kommen. Es ist die dichterische Rollendistanz des Dandys, die ihn vor Schlimmerem bewahrt. Vom gemeinen Rock ’n’ Roller erwartet die Welt bis heute, dass er erst wie ein Komet aufglüht und spätestens mit 30 erlischt. Als erotomaner Schriftsteller kann man bis ins hohe Alter munter weitermachen.

 
Leser-Kommentare
  1. irgendeiner namenlosen Perversion.

    Großartig!

    Die Bewunderung für Thomas Mann ist angesichts der literarischen Bekenntnisse des sich einer bürgerlichen Fasson befleißigenden Cave wenig verwunderlich. Verstand es doch T. Mann mit den Mitteln der Literatur seine - wie er es nannte - "Hunde im Parterre an die Kette zu legen" und sich selbst mithin seiner Familie aufgrund dieser unerbittlichen Disziplinierung eine bürgerliche Existenz und hohes Ansehen innerhalb einer Gesellschaft zu ermöglichen, welche ganz in christlicher Tradition offen ausgelebte Sexualität jedweder Art degoutierte. Eine Ablehnung, die Cave indem er auch seine Hunde an die Kette legt, aus tiefer Erfahrung übernommen zu haben scheint bzw. zumindest thematisiert.
    Die sexuelle Orientierung mal außen vor – Cave sucht in Einheit von christlicher Arbeitsethik und artifiziellen Anspruch seine triebhaften, selbstzerstörerischen Neigungen kurz Dämonen in konstruktive Bahnen lenkend auf eine künstlerisch allgemein gültige zudem moralistische Ebene zu heben. Hierbei gehen Dämon und Erlösung ineinander über.

    Der Wunsch nach einer geordneten, bürgerlichen Existenz mit Frau und Kindern ist so ähnlich bei Brett Easton Ellis zu beobachten. Nur scheitert der Held von "Lunar Park" bar jeder christlichen Moral im verzweifelten Bemühen Herr seiner Dämonen zu werden in einer Weise, die schmerzlich an Klaus Mann erinnert.
    Insofern bleibt Bunny und Bunny jr. Glück und Kraft zu wünschen.

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