Deutsche Geschichte Friedrich der BöseSeite 3/3
Der Unternehmer war ein Multitalent: Konzernarchitekt, Finanzierungsgenie, Technikkenner, Risikomanager, ein Stratege und Taktierer, ein Verhandlungskünstler mit der Fähigkeit zum Kompromiss und einem Instinkt für das politisch Machbare, ein Lobbyist in eigener Sache, ein Menschenführer. Vor allem war er ein weitsichtiger Kapitallenker. Er hat sich so nicht nur ein privates Vermögen geschaffen, sondern wohl auch einen Beitrag zur Mehrung des Wohlstandes geleistet.
Der stärkste Teil des Buches ist der vierte, in dem Norbert Frei in einer Art Essay die Persönlichkeit Friedrich Flicks zu ergründen versucht. Ihm gelingt ihm eine dichte Studie eines düsteren Charakters. So fasst Norbert Frei das Bild des Unternehmers zusammen: »Sein kalter Durchsetzungswille und seine Intelligenz, seine egozentrische Energie und sein Fleiß, sein skrupelloses Geschick und seine Nervenstärke waren die Bestandteile einer lebenslangen Haltung der Härte.« Aus der Gelsenberg-Affäre und dem Nürnberger Prozess sei der Industrielle »äußerlich gestärkt« hervorgegangen, aber »innerlich nur starrer«. Das habe ihm in keiner Beziehung so sehr geschadet wie in der zu seinen Kindern. Zur Tragödie Flicks gehört, dass er unter seinen Söhnen keinen Nachfolger hatte, der der dynastischen Aufgabe gewachsen war. Der ältere, Otto-Ernst Flick, prozessierte Jahre gegen den Vater. Der jüngere, Friedrich Karl Flick (FKF), war ein schwacher, ängstlicher Mann. Er wurde 1972 der Haupterbe.
FKF und der ihm vom Vater an die Seite gestellte Hüne Eberhard von Brauchitsch waren die Protagonisten der zweiten Flick-Affäre, die Anfang der achtziger Jahre »die Glaubwürdigkeit der politischen Klasse der Bundesrepublik an den Rand des Ruins brachte«, wie Frei schreibt. Der Spiegel fand das Wort von der »gekauften Republik«. Im Kern ging es um zwei Sachverhalte. Der Flick-Konzern hatte CDU/CSU, SPD und FDP über Jahrzehnte verdeckte Spenden zukommen lassen. Und er hatte beim Bundeswirtschaftsminister eine spezielle Steuerbefreiung beantragt und bewilligt bekommen, nachdem er seine Daimler-Benz-Beteiligung 1975 verkauft und das Geld in andere Unternehmen reinvestiert hatte. Frei schreibt »von mehr oder weniger offenkundigen Bestechungszahlungen«, und so war auch die Wahrnehmung Anfang der achtziger Jahre.
Eine wichtige Tatsache übergeht das Buch: den Ausgang der Gerichtsverfahren um die Korruptionsvorwürfe. Brauchitsch wurde 1987 vom Vorwurf der Bestechung freigesprochen, die Bundeswirtschaftsminister und FDP-Politiker Hans Friderichs und Otto Graf Lambsdorff wurden vom Vorwurf der Bestechlichkeit entlastet. Alle drei wurden nur wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Das Ergebnis der Prozesse vor dem Bonner Landgericht lautete: Ja, der Flick-Konzern hatte auf illegale Weise den etablierten Parteien gespendet. Nein, er hatte keine Minister gekauft. Eine bislang unbeachtete Ironie der Geschichte besteht darin, dass es eine rot-grüne Regierungsmehrheit war, die im Jahr 2002 die Steuern auf Veräußerungsgewinne von Kapitalgesellschaften komplett abschaffte, ganz gleich, ob die Konzerne das erlöste Geld wieder investierten oder nicht.
1985 verkaufte FKF seine verbliebenen Industriebeteiligungen an die Deutsche Bank. Dass der Konzern »untergegangen« sei, wie die Autoren in einer Zusammenfassung ihrer Studie schreiben, kann man angesichts des stattlichen Verkaufserlöses aber nicht sagen. Ebenso fragwürdig ist ihre Einschätzung, wonach Friedrich Flick trotz seiner enormen Erfolge unter vier politischen Systemen »doch auf ganzer Linie scheiterte«. Der Industrielle hinterließ den Seinen immerhin ein Milliardenvermögen.
Mit dem Geld können die Nachfahren auch heute noch manches bewirken – nicht zuletzt auf dem Feld der historischen Forschung. Wie schon die 2008 erschienene Studie Der Flick-Konzern im Dritten Reich, die der Kunstsammler Friedrich Christian Flick mit 400.000 Euro bezuschusst hatte, wurde auch das nun erschienene Werk von einem Mitglied der Familie finanziert. Diesmal kam die Spende von Dagmar Ottmann, einer Enkelin Friedrichs des Bösen.
- Datum 30.09.2009 - 11:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.09.2009 Nr. 40
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