Medien im Wahlkampf Das Volk sind wirSeite 2/2

Es wäre ja denkbar, dass das Herabblicken auf Politik vor allem eine Degenerationserscheinung des Hauptstadtjournalismus ist. Die Lokalzeitungen hingegen hätten die Chance, am Beispiel unzähliger Parteigliederungen, Hunderttausender Kommunalpolitiker und der vielfältigsten Veranstaltungsformen zu zeigen, wie lebendige Demokratie funktioniert. Doch viel zu oft teilen sie das tiefe Misstrauen ihrer Branchenhelden gegen »die« Parteien und betrachten deren Aktivitäten gar nicht mehr als Belange von Bürgern, sondern eben als – Parteipolitik. Um der nur ja keinen unangemessenen Raum zu geben, entpolitisieren sie ihre eigene Berichterstattung, pressen Wahlkämpfe in scheinbar neutrale Schulfunkformate, wo jeder einmal zu Wort kommt und keiner sich entfalten kann. Das macht die Sache dann wirklich trist.

Wie sehr guter Journalismus eine Frage der Haltung ist, lässt sich an einem neuen Buch besichtigen, das von Abweichungen und Fehlentwicklungen im politischen Prozess handelt und trotzdem Verständnis, ja ein inniges Mitgefühl für seine Akteure weckt. Es ist das Buch Die Vier des FAZ- Journalisten Volker Zastrow, das sich mit den Motiven jener hessischen SPD-Landtagsabgeordneten auseinandersetzt, die die Wahl Andrea Ypsilantis zur Ministerpräsidentin mit den Stimmen der Linkspartei verhinderten. Obwohl es eine Geschichte des Konflikts, des Verrats, der inneren Zerrissenheit und auch des persönlichen Scheiterns ist, bleibt der Leser eher mit Begeisterung als mit Abscheu zurück – und mit dem Gefühl, dass gar nicht so untypische Politiker hier eine vertretbare Antwort auf eine kaum beantwortbare Frage gesucht haben. Unglaublich: Ein Buch, das den Untertitel Eine Intrige trägt, macht Lust auf Politik.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Danke, Frau Gaschke: Dieser Artikel ist schon seit mindestens 50 Jahren überfällig!

    Erlauben Sie mir nur, noch einen weiteren Aspekt nachzutragen.
    Die Journaille schimpft wie die Rohrspatzen, wenn sich die Politiker nicht vertragen können: die sollen gefälligst zusammenarbeiten, Kandidaturen um Ämter sollen "vorbereitet" sein (Kampfabstimmungen werden als Desaster angesehen).
    Aber wehe, wenn sie dann mal so reibungslos kooperieren wie derzeit die Große Koalition: das ist den Medien erst recht nicht Recht: da können sie ja nicht als Differenzprofiteure absahnen, nicht ihre Spalterwurzeln fragend ins Gemäuer senken!
    Das ist die eigentliche Perfidie der politischen Journaille in Deutschland (wahrscheinlich anderswo ähnlich).

    Dass Sie das aufgedeckt haben, ist verdienstvoll; bleibt mir nur noch, Ihrem Artikel eine massenhafte Resonanz zu wünschen!

  2. 2.

    So, wie ich das sehe, spiegeln Die Reporter auch nur wieder, was inzwischen bei einem nicht zu verachtendem Teil der Bevölkerung schon lange eingetreten ist. Diese Entfremdung, von der auch in dem Artikel gesprochen wird.Dabei geht es nicht so sehr an einem desinteresse an Demokratie alleine, sondern "dieser" Demokratie, einem System, in dem die Regierungen fast hermetisch abgeschotten von der Bevölkerung inzwischen Regeln und Prinzipien in die Politik eingeführt haben, die für die Bevölkerung nicht mehr hinnehmbar sind. Inzwischen get es nicht mehr um den Gewinn einer Idee, die eine Partei überhaupt erst zum politischen Gründung führen, sondern um den Gewinn einer Partei als solche, von den Themen, für die sie steht, nur insofern abhäbngig, als das es Wählerstimmen bringt. Die gesamten Punkte, die in dem Artikel aufgeführt werden, sind allesamt eher Sympton als Ursache.

    Da die Unterstützung zu verweigern ist nur der erste Schritt, konsequenterweise müßte das System komplett umgebaut werden. Schließlich wirds mit einem "weiter so", aus dem inzwischen die ganze Politk besteht, ganz offensichtlich nicht besser, demographischer Wandel, Rentensysteme, Klima, etc. da wird seit 20 jahren drüber geredet, alles was passiert ist Tünche über den Verfall.

    Unsere Demokratie ist in der momentanen Ausprägung, mit Verlaub, für den Arsch. Das kann man auch sagen ohne gleich mit dem Rechts-/linksextrem Schreckgespenst als einzige Alternative zu kommen.

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    "Schließlich wirds mit einem "weiter so", aus dem inzwischen die ganze Politk besteht, ganz offensichtlich nicht besser, demographischer Wandel, Rentensysteme, Klima, etc. da wird seit 20 jahren drüber geredet, alles was passiert ist Tünche über den Verfall."

    und was tun Sie dagegen?

    "Schließlich wirds mit einem "weiter so", aus dem inzwischen die ganze Politk besteht, ganz offensichtlich nicht besser, demographischer Wandel, Rentensysteme, Klima, etc. da wird seit 20 jahren drüber geredet, alles was passiert ist Tünche über den Verfall."

    und was tun Sie dagegen?

  3. müsste ich wohl sagen, der Artikel kommt zu spät. Er gefällt mir. Nur, wird sich durch ihn etwas ändern? Es wird auch in Zukunft der eine oder andere Vertreter ernsthafter journalistischer Einrichtungen mehr Süßholz in Talkshows raspeln als lesenswerte Artikel zu schreiben. Und ob man Frau Illner in Zukunft an passender Stelle mit ihrer Zauberformel hören wird: aber die geschätzte Kollegin Susanne Gaschke hat doch geschrieben... Ich habe da meine Zweifel.

  4. Ja die Entfremdung ist da, sie scheint vor allem ein Ergebnis selbstbewußter Eitelkeit und Ideologieverliebtheit.

    Aber das Bürger anders als Journalisten Kopfpauschalen und Kündigungsschutz unbedingt wollten oder nicht wollten, das ist wieder so eine masslose Fehleinschätzung.
    Selbstverständlich ist jeder Bürger misstrauisch, wenn Einschnitte drohen oder Schutzrechte fallen sollen.
    Wenn Opfer gebracht werden müssen, dann will man wissen, warum, für wen, auf welche Weise und warum nicht anders.
    Keiner dieser Fragen wurde je erschöpfend oder seriös beantwortet.
    Ein Teil der Journaille und der Politik befleißigt sich ja auch immer noch in der Behauptung das wäre alles nicht nötig. Und überhaupt es gehe nur um Umverteilung von unten nach oben.
    Solange solche Demagogie nicht blossgestellt wird oder der durchaus zu Recht beklagte Anteil mit Wahrheitsgehalt dieses Vorwurfs nicht korrigiert wird, solange bleibt dem Bürger gar nichts anderes übrig, als mit allen Mitteln jedes Recht, jede Bastion zu verteidigen, damit am Ende er nicht der einzige ist, der immer verliert.
    Zur seriösen Differenzierung hat jedenfalls der Journalismus schon seit Jahrzehnten nicht mehr viel beigetragen, Meinungsbildung für die Massen konnte daher leicht mit Ideologie und Populismus angereichert werden. Nur Glaubwürdigkeit, die ging allmählich verloren, weil auch der Dümmste irgendwann merkt, das er verschaukelt wird.

    H.

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    Lange her, dass mal ein Kommentar glänzt mit der Abwesenheit von Hetze, Verdrehung von Tatsachen/Wirklichkeit und Ideologie!
    Full ack...

    Lange her, dass mal ein Kommentar glänzt mit der Abwesenheit von Hetze, Verdrehung von Tatsachen/Wirklichkeit und Ideologie!
    Full ack...

  5. anschließen und Ihnen Frau Gaschke für diesen vortrefflichen Artikel danken.

    Insbesondere weil Sie es geschafft haben, was nur recht unscharf in meinem Kopf war, in einen stimmigen Artikel wieder zugegeben.

    Alles was mir dazu eingefallen war ist eine leichte Abänderung der Aussage Bismarcks zu Deutschland. Ich würde heute sagen "Der Deutsche ist saturiert". (and please entertain him!)

  6. Ändern wird er wohl leider nur wenig/nichts, aber ich freue mich, dass ein Journalist hier etwas erkannt hat, was auch den aufmerksamen Lesern klar ist bzw. klar wird. Das sich diese etwas überspitzt gesagt "Faulheit einiger Journalisten" auch auf andere Themengebiete als die Politik ausbreitet, hat ein Journalist, der auf Focus.de publiziert, die Tage eindrucksvoll mit dem Artikel "Ein Skandal, vier Fahrer, null Meinung" zum Thema Formel 1 bewiesen.

  7. ... den Frau Gaschke ein paar dutzend mal ausdrucken und vielen Journalisten der ZEIT auf den Arbeitsplatz heften könnte.

    Allen voran und dringest Herrn Stephan-Andreas Casdorff:

    http://www.zeit.de/politi...

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    • mijans
    • 27.09.2009 um 10:05 Uhr

    Nur Journalisten der "Zeit"?

    • mijans
    • 27.09.2009 um 10:05 Uhr

    Nur Journalisten der "Zeit"?

  8. Ich møchte mich Frau Gaschke anschliessen. In diesem Jahr war es in der Berichterstattung besonders auffællig, dass der Unterhaltungswert des Wahlkampfes eine viel zu grosse Bedeutung zugemessen wurde.

    Verstændniss fuer die demokratischen Prozesse zu wecken und Inhalte zu erklæren, ist wichtiger, als die Frage, wie "spannend" das TV Duell war.

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