Schweiz Schräg statt urig
Solarfelder, Panoramafenster und eine eigene Wetterstation: Im Wallis eröffnet die Berghütte von morgen.
© Fotoanimation: ETH Zürich
Hogis Schlafzimmer liegt direkt neben der Hüttenküche. Ein Doppelbett für ihn und seine Frau und ein winziger Schreibtisch sind darin untergebracht. In der Ecke auf dem Fernseher hat der Wirt der Monte-Rosa-Hütte das Kreditkartenlesegerät platziert. Denn nur an dieser Stelle funktioniert es, hier oben auf 2795 Metern. Wer auf der Schweizer Monte-Rosa-Hütte bargeldlos bezahlen will, und das wollen die meisten Gäste, muss in Hüttenpantoffeln von der Stube durch die Küche in Hogis Schlafzimmer schlappen und dort, eingezwängt zwischen Bettkante und Holzwand, warten, bis seine Karte durchs Gerät gezogen wird. Hogi stört das nicht. Der Hüttenwirt, der eigentlich Horst Brantschen heißt, hat immer auf Tuchfühlung mit den Gästen gelebt. So wie seine Vorgänger in den letzten hundert Jahren.
Der Gedanke, dass man hier zu beengt beieinanderhocken würde, spielte in den Planungen der Erbauer am Ende des 19. Jahrhunderts keine Rolle. Ihnen ging es darum, einen einfachen Bergsteigerstützpunkt auf das abfallende Felsplateau im Nordwesten des Monte-Rosa-Massivs zu setzen. Viel Gespür für die Dramatik des Orts im Kanton Wallis haben sie dabei allerdings bewiesen: Im Rücken erhebt sich die Dufourspitze (4634 Meter), der höchste Berg des Landes, im Norden steht das Matterhorn am Horizont, dazwischen reihen sich etliche Viertausender auf, deren angegraute Gletscher ins Tal hinunterdrängen. Gorner- und Grenzgletscher umfließen das Plateau, um sich mehrere Hundert Meter tiefer zu einem mächtigen Eisstrom zu vereinen. Die Hütte, die anfangs nur ein Holzverschlag war, hat sich durch mehrere Umbauten in ein stattliches Schweizer Berghaus verwandelt.
Inzwischen ist es sanierungsbedürftig geworden. Muffig wirkt die Stube mit ihrer schwarz gebeizten Holzvertäfelung. Die Ausstattung ist schon lange nicht mehr zeitgemäß. In den Massenunterkünften mit bis zu dreißig Schlafplätzen lagern staubige Matratzen, das stinkende Plumpsklohäuschen ist zwanzig Meter weit entfernt. Quellwasser speist einen Holzwassertrog vor der Hütte, der als Badezimmerersatz dient. Wie die Mehrzahl der 153 Anlagen des Schweizer Alpenclubs (SAC) kennzeichneten Enge und Unzweckmäßigkeit die Hütte, sagt Peter Planche, Präsident der Sektion Monte Rosa. Da habe die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich beschlossen, ein Zeichen zu setzen. Anlässlich ihres 150. Geburtstags im Jahr 2005 schenkte sie dem SAC einen zukunftsweisenden Entwurf für die Monte-Rosa. Die Baukosten, die 6,5 Millionen Schweizer Franken betrugen, teilten sich der SAC und mehrere Sponsoren. Knapp 90 Meter von dem alten Granithaus entfernt erhebt sich nun die neue Hütte, die voraussichtlich am letzten Septemberwochenende eröffnet wird.
Zum Einweihungsfest am Ende der diesjährigen Saison will Hogi für zwei Tage den Betrieb übernehmen. Vom kommenden März an, wenn die Skitouren wieder beginnen, soll der Neubau sein Zuhause sein. Und das Kartenlesegerät wird einen besseren Platz finden. Noch sitzt Hogi im alten Schlafzimmer, während seine Mitarbeiter nebenan die Küche wischen. Er erzählt von den vergangenen Sommermonaten, als eine halbe Hundertschaft Bauarbeiter den glitzernden Öko-Hightech-Turm mit fünf Stockwerken hochzog. Kein Zweifel: Der Umzug wird ihn und seine Gäste vom 19. ins 21. Jahrhundert katapultieren.
Wie ein überdimensionaler Eiskristall liegt Monte-Rosa, die zweite, auf den Felsen. Ihre unregelmäßige Form, die teilweise abgeschrägten Fassaden, die komplett mit Aluminium überzogen sind, beruht auf einem achteckigen Grundriss. Mit ihrer computergesteuerten nachhaltigen Bautechnik lässt sie ihre Vorläufer wie etwa die Olpererhütte des Deutschen Alpenvereins in den Zillertaler Alpen oder das Schiestlhaus des Österreichischen Touristenklubs am Hochschwab weit hinter sich. Auch dort setzte man schon vor einigen Jahren auf eine gute Ökobilanz und moderne Architektursprache. Doch die Schweizer Anlage treibt diesen Trend im Schutzhüttenbau auf die Spitze; ihre Energie produziert sie zu neunzig Prozent selbst.
- Datum 25.09.2009 - 10:18 Uhr
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- Serie Nachhaltigkeit
- Quelle DIE ZEIT, 24.09.2009 Nr. 40
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Schicke Hütte. Zuerst dachte ich, es wären Herzog&deMeuron.
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