Was immer Peter Sloterdijk in den vergangenen beiden Jahrzehnten verfasst hat, schien weder mit dem herrschenden Zeitgeist noch mit dem von dessen Widersachern vereinbar. Von den forschen Befürwortern einer weiteren Ökonomisierung unserer Gesellschaft trennte ihn der Gestus eines grundsätzlichen Hinterfragens aller Errungenschaften der gesellschaftlichen Moderne, vom zögerlichen Einspruch der Kapitalismuskritiker unterschied ihn die stolze Zurückweisung jeder Parteinahme für die Schwachen und Benachteiligten. Ein kämpferischer Ton der Unangepasstheit sorgte gleichwohl dafür, dass ihm von vielen Seiten ehrfürchtige Bewunderung entgegenschlug: Endlich hatte hier, wie schon die Kritik der zynischen Vernunft (1983) zu signalisieren schien, erneut ein Freigeist die intellektuelle Bühne betreten, der es mit der einsamen Entschlossenheit und Radikalität eines Nietzsche mit all den Denkgewohnheiten aufnahm, die unserer Epoche schon lange eine kaum zu ertragene Fadheit verliehen hatten.

Wo dieses Kalkül einmal danebenging, weil Sloterdijk moralisch gut begründete Prinzipien verletzt hatte, da wurden von ihm schnell Nebelkerzen hinterhergeschossen, die das Ungeheuerliche nur noch weiter verdunkelten und ins grandios Ungedachte steigerten. Schwer war es im Verlauf der Jahre daher, dem moralisch-politischen Charakter des Sloterdijkschen Denkens auf die Schliche zu kommen. Diesem Katz-und-Maus-Spiel, in dem die Feuilletons unserer Zeitungen eine unrühmliche Rolle spielten, hat Peter Sloterdijk kürzlich selbst ein Ende gesetzt. In einem Artikel, den er für die FAZ verfasst hat, plauderte er aus, welcher historischen Entwicklung seine geschichtsphilosophische Sorge tatsächlich gilt. Dass dem nachgeahmten Nietzscheanismus der Ressentimentkritik seinerseits ein Ressentiment zugrunde liegt, mag man schon immer vermutet haben; aber dass dieses nun auf so kleingeistige Weise wie in diesem Beitrag daherkommt, muss einem schier die Sprache verschlagen.

Die Beliebtheit der philosophischen Essayistik des Peter Sloterdijk hing von Anfang an mit dem Aufstieg eines sozialen Milieus zusammen, das den kulturellen Erscheinungen des kapitalistischen Wohlfahrtsstaats nur Verachtung entgegenbrachte, ohne aber für die politische Gestaltung der Zukunft irgendeine tragfähige Idee zu besitzen. In ihrer akademischen Jugend, die zumeist in die Jahre der Maueröffnung und des Zusammenbruchs der Sowjetunion fiel, hatten die Vertreter dieser neuen Elite die Schriften von Michel Foucault gelesen, waren aufgrund ihrer ungebundenen, elastischen und sprungbereiten Geisteshaltung schnell zu allen erdenklichen Machtpositionen gelangt, wo sie nun saßen, um auf einen Einfall oder ein klärendes Wort zur Signatur unserer Epoche zu warten. In diesem Milieu, den Redaktionsstuben der Feuilletons, den Kasinos der Banken, den Architekturbüros und Werbeagenturen, herrschte Einigkeit nur darüber, dass der Wohlfahrtsmentalität des sozialdemokratischen Zeitalters unbedingt ein Ende zu bereiten sei; zu abhängig schienen die Massen, zu sehr nur auf die gebende Hand des Staates erpicht, als dass aus dem Schoß einer derartigen Kultur noch irgendein kraftvoller Gedanke oder Lebensstil hervorgehen könnte.

Die Verachtung galt freilich weniger den bedürftigen Schichten selbst als vielmehr deren intellektuellen Repräsentanten, die sich in der »alten« Bundesrepublik angemaßt hatten, als allgemeine Fürsprecher einer Umverteilungspolitik aufzutreten. Mit Begeisterung las man jeden Artikel, der zur Verteufelung der 68er-Bewegung geschrieben wurde, mit tiefer Genugtuung nahm man zur Kenntnis, dass es mit der Soziologie und der Psychoanalyse nun endlich den Leitdisziplinen der untergehenden Epoche an den Kragen gehen sollte. Das erlösende Wort durfte nicht von derselben Art sein wie jene klagende Rede, die die alten Ideologen im Namen der sozial Schwachen und Entrechteten vorgetragen hatten; es musste wieder Mut zur geistigen Größe besitzen und Distanz zum Jargon der sozialen Verelendung bewahren.

Allzu lang mussten die Repräsentanten dieser neuen Schicht nicht ausharren, weil ihnen schon bald ein Autor entgegentrat, der für all ihr Hoffen und Bangen die richtige Rezeptur in den Händen hielt. Ganz am Anfang seiner intellektuellen Entwicklung mag Peter Sloterdijk noch unentschieden gewesen sein, ob er eher den Weg einer philosophisch inspirierten Gesellschaftskritik oder den einer mystisch-spekulativen Welt- und Geschichtsdeutung einschlagen sollte; erst der schnelle Erfolg, den ihm seine ersten Bücher in jenen erlösungshungrigen Milieus einbrachten, dürfte ihn schließlich dazu bewogen haben, sich deren Jüngern als Seher in dürftiger Zeit anzudienen. An der Kraft zur Schöpfung welterschließender Begriffe und Metaphern fehlte es ihm nicht, auch eine gewisse Fähigkeit zur diagnostischen Zusammenschau war ihm gegeben, sodass alle geistigen Voraussetzungen erfüllt waren, um die ins Auge gefasste Aufgabe tatkräftig in Angriff zu nehmen. Seither entspringen dem produktiven Geist Sloterdijks jährlich eine Reihe von Essays, Büchern und Reden, die von den Angehörigen der ihm ergebenen Schicht, wenn nicht gelesen, so doch durchblättert werden.

Gewiss, die dreibändigen Sphären waren des Umfangs zu viel, um sie sich Seite für Seite auch nur zur Ansicht zu bringen; hier reichte die Kenntnisnahme der schwermütigen These, dass wir alle schon im intrauterinen Zustand ein Gefühl der räumlichen Geborgenheit entwickeln, für welche wir, einmal zur Welt gebracht, dann keinen hinreichenden Ersatz mehr finden. Dieser poetische Philosoph war unzufrieden mit den Umständen in anderer Weise, als es die schnöde Gesellschaftskritik der Alten gewesen war; der kritische Einwand galt nicht der institutionellen Einrichtung unseres Gemeinwesens, nicht dem Mangel an sozialer Gerechtigkeit, sondern der Dürftigkeit einer ganzen Kultur, die den harten Gegebenheiten unseres Daseins nicht ins Angesicht zu schauen wagte. Der methodische Zugang, den sich Sloterdijk zu diesen Tatsachen des sozialen Lebens verschaffte, war allerdings alles andere als von philosophischer Raffinesse; so, als habe es Foucaults Einwand gegen den anthropologischen Essenzialismus nie gegeben, so, als seien alle Warnungen vor der Behauptung kultureller Universalien und menschlicher Invarianten in den Wind zu schlagen, ging Sloterdijk schlicht davon aus, dass es bei genauerem Hinsehen eine Reihe von unvermeidlichen Triebkräften im zivilisatorischen Geschehen zu entdecken gäbe. Auf seinem Weg ins Verheißung suchende Milieu schien der Autor alles vergessen zu haben, was er ursprünglich, etwa in einem frühen, glänzenden Aufsatz zu Foucault, selbst einmal geschrieben und gedacht hatte, sodass er nun frei war, eine Art von intuitiver Wesensschau zu betreiben. Um die Schriften des Autors hatte sich in nur wenigen Jahren ein Kokon aus Verehrung, Faszination und schelmischer Sympathie gelegt, an dem vom postmodernen Rundfunkredakteur bis zum alternden Goethe-Instituts-Direktor viele munter webten: Endlich war da jemand der argumentativ überpeniblen, in sich selbst kreisenden Sozialkritik entgegengetreten, hatte deren Fixierung auf die nur mediokren Werte der Gleichheit oder Gerechtigkeit bloßgestellt und uns einen ersten Eindruck von den viel tiefer liegenden, wahrhaften Kräften geschichtlicher Zusammenstöße vermittelt.

Allerdings waren auch nach dieser ersten Staffel von Schriften die erlösenden Worte, auf die das zum Meister hochblickende Milieu so begierig wartete, noch nicht gefallen. Sloterdijk hatte in seiner Wesensschau zwar inzwischen die unterschiedlichsten Sachverhalte zutage gefördert, war unerschrocken dem heimlichen Sinn all unseres gentechnischen Experimentierens auf die Schliche gekommen und der ehernen Triebökonomie des Politischen nachgegangen, aber der unter den Nägeln brennenden Frage nach dem sozialen Antagonismus unserer Tage hatte er seine Aufmerksamkeit noch nicht gewidmet. Wie als könne er sein Publikum nicht länger dürsten lassen, machte sich Sloterdijk daher bald nach der Jahrhundertwende daran, unter dem wuchtigen Titel Zorn und Zeit ( Suhrkamp Verlag ) eine »politisch-psychologische« Analyse der Kämpfe im gegenwärtigen Zeitalter zu verfassen. Wieder ist der methodologische Leichtsinn, mit dem dabei verfahren wird, atemberaubend, eine bloße Rückerinnerung an die angebliche Trieblehre der Antike soll ausreichen, um uns mit dem notwendigen Rüstzeug einer solchen Gegenwartsdiagnose auszustatten.