Als wir den chinesischen Künstler Ai Weiwei im Hochsommer bei gefühlten 50 Grad Außentemperatur in seinem weitläufigen Backsteinatelier in der Pekinger Vorstadt Caoshangdi besuchten, war er noch nicht von chinesischen Polizisten verprügelt und von Münchner Chirurgen notoperiert worden. Er stand, ein freundlicher, schwarz gekleideter Fels, in seinem leeren Atelier an einem riesigen Holztisch und schien die Zukunft schon zu kennen. Damals war der Präsident des illegalen chinesischen Pen-Clubs, Liu Xiaobo, gerade angeklagt worden. »Ich habe viel Schlimmeres getan als er«, sagte Ai Weiwei. Doch für Angst sei es zu spät: »Ich bin schon jenseits der Grenze.«

Wenige Wochen später wurde er in Chengdu nachts in einem Hotelzimmer von bewaffneten Polizisten verhaftet und verprügelt, weil er am Tag darauf den Bürgeranwalt Tan Zuoren, der die Erdbebenopfer von Sichuan vertritt, vor Gericht unterstützen wollte. Eine möglichst komplette Liste der toten Schulkinder von Sichuan, die nicht nur dem Erdbeben, sondern auch dem korrupten chinesischen Baugewerbe und dessen maroden Schulbauten zum Opfer fielen, ist eines der wichtigsten aktuellen Projekte des inzwischen weltberühmten Ai-Weiwei-Gesamtkunstwerks.

Der Mut dieses außergewöhnlichen politischen Konzeptkünstlers hat viele Väter. Einer ist Joseph Beuys, dem Ai Weiwei viel verdankt. Vor allem die radikale Ineinssetzung von Kunst, Schmerz, Politik und Leben, wie sie in Deutschland auch der Beuys-Bewunderer Christoph Schlingensief an sich und seinem Publikum erprobt. Die Handyfotos, die den verletzten Ai Weiwei nach der Hirnoperation mit seinem Blutbeutel und seiner Kopfwunde zeigen, nennt der Künstler schlicht »reale Kunst«. Bei Beuys hieß das im pathetischen Nachkriegsdeutsch: Zeige deine Wunde.

Das wichtigste Vorbild, erzählte Ai Weiwei bei unserem hochsommerlichen Besuch mit Tränen in den Augen, sei jedoch sein Vater: der Schriftsteller Ai Qing, der während der Kulturrevolution inhaftiert und ins Exil getrieben wurde. So ist weltbewegende Kunst manchmal auch ein Akt der Sohnestreue.