DIE ZEIT: Herr Hengsbach, Herr Homann, der frühere Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick fordert nach fünf Monaten Arbeit sein Gehalt für fünf Jahre Vertragslaufzeit, obwohl er das Unternehmen nicht vor der Pleite retten konnte. Die Kanzlerin hat das im Wahlkampf häufig als mehr oder minder unmoralisches Verhalten bezeichnet. Hat Frau Merkel recht?

Friedhelm Hengsbach: Formal nicht, das sind Verträge, und derjenige, der sie ausgehandelt hat, hat den Anspruch darauf, dass sie eingehalten werden.

Karl Homann: Auch im Wahlkampf gilt: Pacta sunt servanda . Sich anders zu verhalten hieße doch: Wir dürfen die Verträge brechen, wenn die Leute reich sind. Das kann ein Rechtsstaat nicht akzeptieren.

ZEIT: Herr Eick will einen Teil des Geldes, offenbar bis zu fünf Millionen Euro, für wohltätige Zwecke stiften.

Homann: Herr Eick kann machen, was er will, er wird keine moralische Akzeptanz finden, ob er nun drei oder zehn Millionen spendet. Er gilt immer noch als gierig.

Ich kann das Wort Gier nicht mehr hören.
Friedhelm Hengsbach

ZEIT: Stichwort Gier: SPD-Kandidat Steinmeier kritisiert, dass Banker nach wie vor hohe Boni bekommen. Auch er führt neben ökonomischen moralische Argumente ins Feld. Stimmen Sie ihm zu?

Hengsbach: Jetzt mal grundsätzlich: Ich finde, bei der Debatte um die Ursache der Finanzkrise geht die Fixierung auf persönliches Fehlverhalten Einzelner, also Gier, Fahrlässigkeit oder unmoralisches Handeln, am Kern vorbei.

Homann: Das stimmt. Die Krise ist das Ergebnis des rationalen Handelns unzähliger Einzelner unter den gegebenen Bedingungen. Das Ergebnis wollten auch die Handelnden nicht.

ZEIT: Also gehen die moralischen Appelle der Parteien völlig an der Frage vorbei, wie die Krise aufgearbeitet werden muss?

Homann: Insofern populistisch mit der moralischen Keule argumentiert wurde: ja. Glücklicherweise verfolgt die Politik noch eine zweite Linie. Alle Parteien sagen, dass wir dem System Regeln geben müssen. Allerdings ist mit der Besserung der Lage zu befürchten, dass die Bereitschaft dazu wieder schwindet.

Hengsbach: Moralische Appelle, erst recht im Wahlkampf, sind ein Alibi. Ich sympathisiere mit dem früheren Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper; auch ich kann das Wort Gier nicht mehr hören. Das ist genauso, als ob man Arbeitslosen sagt, sie seien faule Säcke. Oder Kranken, dass sie früher in ihrer Freizeit mehr Sport hätten treiben sollen. Es geht nicht um individuelle Verhaltensänderungen, sondern um die Korrektur von Regeln.

ZEIT: Gibt es denn überhaupt keine Verantwortung des Einzelnen?

Hengsbach: Das kommt danach, innerhalb dieses Regelsystems. Das Maß an Verantwortung korrespondiert mit seinem Handlungsspielraum im System.

Homann: Allerdings sollte man das Moralisieren nicht verteufeln. Das ist keine Lösung für die Probleme, aber es kann ein Indikator dafür sein, dass Dinge aus dem Ruder gelaufen sind. Nur ist es wenig sinnvoll, in einer Welt des Wettbewerbs als Lösung die Moral des Einzelnen einzufordern.