Drei Theaterskizzen Hier spricht Euer Gewissen!Seite 4/4
Weiter nach Zürich, ins ganz Finstere. Hier eröffnet Barbara Frey, die neue Intendantin des Schauspielhauses, die Saison mit Schillers Maria Stuart .
Sie spielt ein Drama, dem sie alles Dramatische ausgetrieben hat. Auch bei Bärfuss war die Welt finster, aber sie war wenigstens in Bewegung. Bei Barbara Frey ist sie nun restlos erstarrt. Das Spiel vom bitteren Sieg der Königin Elisabeth über ihre Rivalin Maria Stuart, es handelt in Zürich im riesigen, von der Bühnenbildnerin Bettina Meyer mit Röhren, Pumpen und Filtern vollgestopften Theatersaal im Schiffbau. Wir sind ganz unten, im Maschinenraum, im Heizungskeller der Weltgeschichte. Hier ist jeder Lebensweg ein Schacht für sich. Hier werden alle Figuren zu Fortgespülten, zu Siphon-Existenzen.
Die Zuschauer und die Theaterfiguren warten hier gemeinsam darauf, dass sie überflüssig werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Riesenrohre aufeinander zuwuchern und zum geschlossenen System zusammenwachsen, worin dann nicht mehr Menschen zirkulieren, sondern nur noch körperlose Kräfte, Impulse, Teilchen: die Macht selbst, die uns nicht mehr braucht.
Wenn man von dieser Theaterreise zurückkehrt und darüber nachdenkt, welche Gestalten, welche Helden man gesehen hat, so kommt man darauf, dass alle drei Premieren eine höhere Hauptfigur haben: das Gewissen. Es treibt die Menschen bloß zum Spaß so vor sich her.
Bei Peer Gynt hat das Gewissen die Gestalt der Solveig, die den Lebensweg ihres Helden ernst betrachtet und durch Jan Bosses Inszenierung als Videoprojektion hindurchscheint wie ein Wasserzeichen.
Bei Öl ist es das Weltgewissen selbst, das die Bühne beherrscht und, durch die arme Eva hindurch, zur Tat schreitet.
Bei Maria Stuart zeigt sich das Gewissen im Zögern der Königin Elisabeth, die zwar das Todesurteil Maria Stuarts unterzeichnet, die Vollstreckung des Urteils aber den Schicksalsröhren überlässt.
In Hamburg ist das Gewissen eine Heilige. In Berlin ist das Gewissen ein Racheengel. In Zürich ist das Gewissen nur noch ein Fehler im System. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die trostlose Zürcher Maria Stuart die modernste und prophetischste unter den drei Inszenierungen ist: jene, die uns unsere Spielräume am unerbittlichsten zeigt. Hoffen wir, dass wir eines Besseren belehrt werden. Hoffen wir, dass die Räume sich wieder öffnen. Wir sind doch alle noch so jung, und die Theatersaison hat gerade erst begonnen.
- Datum 25.09.2009 - 19:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.09.2009 Nr. 40
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Diente die Bühne früher in der Gesellschaft mit Heiterkeit und Tragik vornehmlich zur Aufklärung und Bildung der Menschen, so dient sie heute in erster Linie als Spiegel. Auf ihr werden nun die letzten Menschenmodelle vorgeführt, ausgeschlachtet oder freigegeben. Ein menschlicher Kern, das Gewissen hat sich verselbständigt, geistert haltlos und ungehört. Im Parkett sitzen Leistungsträger, Konsumenten, Elite, Reiche, Verbraucher, Vorstände, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, leere Figuren also, die den Vorgängen applaudieren.
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