Münchner Philharmoniker Wem gehört Bruckner?Seite 2/2
Es kommen darum weniger interessante Gastdirigenten zu den Münchner Philharmonikern als etwa zu den Berlinern, wo Simon Rattle 52 von 113 Konzerten dirigiert und kein Problem damit hat, wenn ein hochkarätiger Gast wie Thielemann Brahms interpretiert, den Rattle gerade für sich entdeckt hat. Das alles wurmt die Münchner Philharmoniker, gerade weil sie Thielemann als Chef behalten möchten, und so kam es zum Passus mit der »Letztverantwortung«: Im Zweifel sollte Intendant Paul Müller der Kapellmeisterdominanz ein bisschen Innovation entgegensetzen. Die Orchestervorstände sind sicher, dass Pluralität dem Ensemble guttäte, ohne ihm sein Profil zu rauben. Das habe sich schon bewährt, als ihr Chef Celibidache auch Günter Wand gewähren ließ, der Bruckner »um 180 Grad anders« deutete.
Und Thielemann selbst erkannte jetzt in Dresden: »Die wechselnden Orchesterleiter haben den Klang in Dresden nicht umgekrempelt. Das ist doch irre, oder?« Es kommt freilich darauf an, dass einer diesem Klang etwas abzufordern weiß, und darin ist dieser Orchesterleiter wahrhaftig genial. Was ihm vorschwebt, kann er umsetzen mit einer Intimität und Sensibilität, die zum Typ »Deutsche Eiche« erfreulich schlecht passt. Da allerdings, wo Musik beginnt, sich zu entziehen, wo wie im Adagio der Achten die Zusammenhänge unter der Oberfläche verschwinden wie ein Kontinent, dessen Gipfel man als rätselhafte Inseln sieht – da wünschte man sich, er ließe Krisen zu, Perspektivwechsel, Änderungen von Aggregatszuständen. Stattdessen erlebt man einen Mann, der souverän sein Schiff durchs Atoll der Töne steuert.
Die Bruchlosigkeit ist seine Stärke und seine Schwäche, auch im Konflikt. Dass zu den Unterzeichnern einer Petition für Thielemanns Verbleiben am Gasteig auch Komponisten von Boulez bis Rihm zählen, deren Werke nicht auf seinem Pult liegen, dass sich plötzlich fast alle Welt für die Causa Thielemann interessiert, liegt an der eindeutigen Kontur dieses Musikers, dem vitalen Selbstbewusstsein, mit dem er »altmodisch« ist. Die Künstler sehen in ihm den autarken Kollegen verkörpert, die Kritiker genießen es, an ihm ihre Offenheit gegenüber jedwedem Konzept zu demonstrieren, das Publikum freut sich, dass es noch monokulturelle Maestros gibt und eine klare Antwort auf Bruckners Rätsel: Thielemann!
Und dann gibt es da noch das Orchester, über hundert Musiker, ein Kollektiv von Individualisten, mit deren Selbstbewusstsein und Neugier nicht auch ihr Verhandlungsgeschick gewachsen ist. Ihren Wünschen hätten sie in weniger anfechtbarer Form als mit dem ominösen Vertragspassus Nachdruck verleihen können, die Stadt München hätte sich im Umgang mit Thielemann etwas vom Fingerspitzengefühl ihres Dirigenten abschauen können. Aber wäre dann deutlich geworden, wie wichtig die Öffentlichkeit selbst beim schätzungsweise achthundertsten Kapellmeisterkrach der Geschichte immer noch ein so altes Gebilde wie das Orchester und den schon fast 200 Jahre alten Job des Dirigenten nimmt? Mittlerweile sprechen die Beteiligten wieder miteinander, anstatt Interviews zu geben. Vielleicht sogar über Musik.
- Datum 28.09.2009 - 12:55 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.09.2009 Nr. 40
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