Ich habe einen Traum

"Morrissey eine reinhauen"

Pete Doherty hegt Rachefantasien gegen sein einstiges Idol Morrissey. Dabei würde er gerne mit ihm zusammenarbeiten.

Ach, Träume. Als Teenager wusste ich vor allem, was ich mir nicht vom Leben erhoffte. Mein Vater war in der britischen Armee, ich wuchs in Kasernen auf, jeden Tag sah ich Stacheldraht um mich herum und Soldaten, die Maschinengewehre schulterten. Ich schwor, nie so zu werden. Und verkroch mich in mein Zimmer wie in eine selbst gegrabene Höhle. Bücher füllten meine Regale, wie ein Verrückter sammelte ich sie auf Trödelmärkten: alles von Graham Greene, Oscar Wilde, Evelyn Waugh. Ich begann sogar mit Das Sein und das Nichts von Jean-Paul Sartre, als ich 14 war.

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Erst 1994 änderte sich das. In Sheffield ging ich in einen Plattenladen, stöberte nach Secondhand-Vinyl, schaute mir die Cover an – und entdeckte eine Single, auf der eine Frau mit einem Hut zu sehen war. Irgendwie sprach mich das Foto an, ich kaufte die Platte, und danach war alles anders. Es war die Single I Started Something I Couldn’t Finish von The Smiths. Ich hörte die Melodien und dachte: Das will ich auch machen. Ich hörte die Zeile "hair brushed and parted" und fühlte mich angesprochen. Genau so lief ich damals herum: mit gekämmten und schön gescheitelten Haaren. Der Sänger traf mich mitten ins Herz – und ich wusste, ich will Lieder schreiben so wie er. Mein Traum war es, Morrissey zu werden.

Pete Doherty

Der 30-Jährige sang zunächst in der hochgelobten britischen Band The Libertines, danach gründete er die Babyshambles und veröffentlicht nun als Solokünstler Platten. Er sorgte häufig für Schlagzeilen, als er mit dem Model Kate Moss eine turbulente Beziehung einging und wegen Drogenkonsums mit der Polizei aneinandergeriet.

Mit 17 kam ich ihm einmal sehr nahe. Er gab ein Konzert außerhalb von London, ich trampte ein Stück, fuhr eine Strecke mit dem Zug, ohne ein Ticket zu haben – und schmuggelte mich in das Konzert, weil ich kein Geld für die Eintrittskarte besaß. Irgendwie kämpfte ich mich an den Bühnenrand, Morrissey schritt in meine Richtung, ich streckte die Arme nach seinen Beinen aus, wollte ihn berühren – aber plötzlich rissen mich zwei Männer der Security heraus, einer nahm mich in den Schwitzkasten, ich wehrte mich, dann donnerte ich mit dem Kopf gegen einen Pfosten und wurde zurück in die Menge geworfen.

Jahre später habe ich Morrissey tatsächlich getroffen. Ganz kurz, als meine erste Band The Libertines für ihn im Vorprogramm spielte. Wir redeten kaum. Und dann sagte er gegenüber der Presse ein paar sehr unfreundliche Sachen über mich, die meine Drogensucht betrafen, nannte mich ein Klischee, meinte, ich würde versuchen, etwas zu tun, das bereits Sid Vicious vollbracht hätte. Ehrlich, mit Morrisseys Wissen über Drogen kann man die Rückseite einer Briefmarke füllen. Dann tat er etwas Hässliches: Nachdem ich aus den Libertines hinausgeworfen wurde, ersetzte er die New-York-Dolls-Sticker an seinem Revers mit Libertines-Motiven. Er genoss meine Erniedrigung. Mir tat das weh.

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Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

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Wenn ich Morrissey das nächste Mal sehe, werde ich nicht nur nach seinem Bein greifen, ich werde ihm eine reinhauen. Und erst wenn er auf dem Boden liegt, reiche ich ihm die Hand. Ich schüttle den Staub von seiner Kleidung – und dann biete ich ihm zur Versöhnung eine Zusammenarbeit an.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leser-Kommentare

  1. 1. echt?

    War das von einem Interview? oder woher habt ihr die informationen und all das? (bin neu hier, weiss nicht wie das läuft)

    find ich interessand..

  2. 2. aha.

    war d. nüchtern bei dem interview?

  3. 3.

    man muss perspektiven haben!

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  • Von Ulf Lippitz
  • Datum 28.9.2009 - 10:23 Uhr
  • Serie Ich habe einen Traum
  • Quelle DIE ZEIT, 24.09.2009 Nr. 40
  • Kommentare 3
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  • Schlagworte Musiker | Musik | Rock | Traum | Großbritannien
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