Verkehrsexperiment Stau macht frei
Wenn in Moskau der "Tag ohne Autos" begangen wird, geht man besser nicht auf die Straße.
© Viktor Drachev / AFP / Getty Images

Weder vor noch zurück. In dieser Woche wurde in Moskau ein autofreier Tag proklamiert. Geholfen hat es wenig
Morgens und abends leuchtet das Zentrum von Moskau gelb, orange und rot. Es sind kraftvolle Farben auf dem online abrufbaren Stauwarnplan des russischen Fernsehens. Am Dienstagmorgen dieser Woche ähnelt das Rot der Moskauer Innenstadt einer reifen Tomate. Überall dort, wo die sternförmig auseinanderstrebenden Magistralen auf die sie verbindenden Ringstraßen treffen, geht es nicht mehr vor und nicht zurück. So startet Moskau in den 22. September 2009, den "Tag ohne Autos"!
Zum zweiten Mal beteiligt sich die russische Hauptstadt an der internationalen Aktion zum Wohle der Umwelt; zum zweiten Mal ist es den Moskauern herzlich egal. Auf dem Leningradskij Prospekt, einer gewaltigen Ausfallstraße im Nordwesten der Stadt, schwappt die Autoflut um neun Uhr morgens wie immer bis zum Horizont. Auf 14 Spuren nebeneinander stehen und rollen stotternde alte Lada, gepflegte Limousinen und wuchtige Geländewagen, es ist ein Rauschen, Hupen und Quietschen. Wer zum ersten Mal in der Mitte steht, spürt die Panik aufkeimen. Wird man dem unendlichen Strom der Karossen und ihrer Abgaswolke je entkommen?
Mehr als 3,5 Millionen Autos rollen täglich durch die Stadt, aus den Auspuffrohren fliegt so viel Staub, dass die Moskauer, folgten sie dem Rat ihrer Ärzte, die Fenster eigentlich gar nicht mehr öffnen dürften. An normalen Tagen staut sich der Verkehr auf bis zu 700 Kilometern Länge, im Durchschnitt steht jeder Autofahrer elf Stunden pro Monat im Stau.
Das ist erstaunlich. Noch erstaunlicher ist: Es stört die Moskauer nicht. »Der ›Tag ohne Autos‹ kümmert doch niemanden«, sagt Wladimir Tschemtschut, ein Chauffeur Ende vierzig in schwarzer Lederjacke. Gerade hat er seinen Dienstwagen am Rande des Leningradskij Prospekt geparkt. »Schauen Sie, hier sind genauso viele Autos unterwegs wie an jedem anderen Tag.« Tschemtschut möchte niemals ohne seinen Wagen sein. »Uns Russen ist das Auto extrem wichtig«, sagt er. »Darauf zu verzichten«, schiebt er mit einem heiseren Lachen nach, »das wäre wie auf Diät sein.«
Das Auto ist in Russland das Statussymbol Nummer eins. In den vergangenen Jahren des Aufschwungs hat die Mittelklasse in Neuwagen investiert. Wer etwas auf sich hält, fährt ein Importmodell. Auch wenn die Stunden im Stau bald die Jahre aufwiegen, die man zu Sowjetzeiten auf ein Fahrzeug warten musste, auch wenn der Wagen im Stau viele Liter des inzwischen auch für Russen nicht mehr billigen Benzins auffrisst: »Ein Auto haben heißt frei sein.« So sieht es Wladimir Tschemtschut.
Und wie sieht es Kurban Nawrusow, 37 Jahre alt, der im Auftrag eines russischen Innenausstatters Gardinen verkauft? Ohne seinen Citroën geht nichts. »Ich fahre täglich in Anzug und Krawatte zur Arbeit«, sagt der Mann aus Aserbajdschan. Da wolle er sich doch nicht in den Bus oder die Metro zwängen. »Ich sitze lieber im Auto und warte den Stau ab. Hier kann ich wenigstens eine Zeitschrift lesen.«
Moskaus Bürgermeister Jurij Lushkow wird diese Haltung verstehen. Nachdem der »Tag ohne Autos« bereits im vergangenen Jahr grandios gescheitert war, setzte sich das Stadtoberhaupt auch dieses Mal nur sehr halbherzig für die Aktion ein. Zwar verdonnerte die Verwaltung ihre Beamten zum einmaligen Verzicht auf den Dienstwagen, aber aus der Stadtkasse gab es keinen Rubel für Werbung, und Moskau hat auch nicht – wie Brüssel, Paris oder New York – einige große Straßen sperren lassen. Möglicherweise wollte man die Bürger drei Wochen vor den Stadtratswahlen am 11. Oktober nicht unnötig verärgern.
- Datum 25.09.2009 - 13:15 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.09.2009 Nr. 40
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die besten Lösungen zu präsentieren, "Mobilität & Leben in der Stadt" möglichst gut zu lösen. Einfach so den Verkehr sich selbst zu überlassen, hieße, dass das Auto die Städte so erstickt, wie ein ungebremstes Bakteriumwachstum in einer Petrischale. Irgendwann geht halt Nichts mehr. Jede Metropole wird sich Lösungen suchen müssen. In Abständen von 5 bis 10 Jahren kann man Metropolen vergleichen, wie diese die individuelle Mobilität modern begleitet haben. Von Madrid, über Rom, Paris, Kopenhagen, Oslo, London, Ruhrgebiet, Berlin, ..., ..., bis Moskau. Ein längerer ZEIT-Artikel darüber wäre interessant und informativ.
"Auf dem Leningradskij Prospekt, einer gewaltigen Ausfallstraße im Südwesten der Stadt," - muss heissen: Leninskij Prospekt. Der Leningradskij führt, wie der Name sagt, nach Norden, nach Leningrad (St-Petersburg).
vielen Dank für den Hinweis. Der Fehler wurde entsprechend korrigiert.
Freundliche Grüße, Atila Altun/ Redaktion ZEIT ONLINE
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