Roger Willemsen fragt "Wir hatten gehofft, anerkannt zu werden"

Er desertierte aus der Wehrmacht, überlebte mit Glück und wurde jahrzehntelang als Verräter beschimpft. Heute fordert Ludwig Baumann Bundeswehrsoldaten zur Desertion auf.

Ludwig Baumann ist der letzte Überlebende des Wehrmachts-Ks Fort Zinnau und Gründer der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.

Ludwig Baumann ist der letzte Überlebende des Wehrmachts-Ks Fort Zinnau und Gründer der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V.

ZEITmagazin: Hitler sagte: »Der Soldat an der Front kann sterben, der Deserteur muss sterben.« Angesichts von 30.000 ausgesprochenen und 20.000 vollstreckten Todesurteilen gegen Deserteure ein Wunder, dass Sie hier sitzen.

Ludwig Baumann: Ja. Ich war zur Marine eingezogen worden, nach Bordeaux. Jemand kam auf die Idee abzuhauen. Wir wollten nach Amerika, haben uns in der Waffenkammer eingedeckt und hatten Pech: Eine deutsche Zollstreife griff uns auf. Die entsicherten Pistolen in der Tasche, brachten wir es nicht über uns, zu schießen. So wurden wir zum Tode verurteilt und gefoltert, damit wir die Namen unserer Helfer nannten.

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ZEITmagazin: Sind Sie aus Todesangst desertiert oder aus politischem Widerspruch?

Baumann: Die Erinnerung ist ja unsicher in solchen Fällen. Ich hatte zum Beispiel gedacht, ich sei vier Monate in der Todeszelle gewesen, dann fand ich meine Akte: Es waren zehn.

ZEITmagazin: Ihr Vater erwirkte eine Begnadigung. Sie kamen in das Wehrmachts-KZ Thorgau.

Baumann: 1300 Soldaten sind da erhängt, erschossen, geköpft worden. Manchmal bekamen wir Arbeitsjacken, da war vorne und hinten ein Flicken drauf, da wussten wir, das gehörte einem, der erschossen worden war. Die meisten haben das Strafbataillon nicht überlebt. Ich bin verwundet worden, im Lazarett hat ein tschechischer Arzt aus Mitgefühl meine Wunde so behandelt, dass sie nur langsam heilte.

ZEITmagazin: Wie ist man Ihnen nach dem Krieg begegnet?

Baumann: Wir hatten gehofft, anerkannt zu werden, sind aber als Feiglinge, Dreckschweine, Vaterlandsverräter bezeichnet worden. Mein Vater ist an Kummer darüber verstorben. Und ich hab sein Erbe vertrunken.

ZEITmagazin: Sie hatten den ganzen Krieg über durchgehalten und brachen nach 45 zusammen?

Baumann: Ja. Ich habe lange nicht kämpfen können, ich war alkoholkrank. Meine Frau ist bei der Geburt unseres sechsten Kindes gestorben. Ich musste die Kinder großziehen, dann die Schuldgefühle wegen meiner Frau, des Alkohols… Und niemand wollte uns hören. Wenn ich in der Kneipe was sagte über die deutschen Verbrechen, haben sie mich rausgeworfen oder verhauen. Ich hab Magengeschwüre bekommen.

ZEITmagazin: Aber in den Achtzigern gab es doch eine Friedensbewegung!

Baumann: Das war mein Glück. Erst spät habe ich kämpfen können, aber da habe ich es dann auch richtig nachgeholt!

Leser-Kommentare
  1. Gut gefragt, Herr Willemsen! Doch handelt es sich nicht um das Wehrmachts KZ Thorgau, es handelt sich um das Wehrmachtsgefängnis Torgau an der Elbe. Die Wehrmacht unterhielt keine Konzentrationslager. Ebenfalls muss es heißen: Fort Zinna und nicht Fort Zinnau. Bis heute ist Fort Zinna eines der größten Gefängnisse in Sachsen. Eine sehr gute Ausstellung zu der gesamten Thematik ist übrigens im Torgauer Schloß Hartenfels zu sehen. Sie trägt den Titel "Spuren des Unrechts". Es ist bedauerlich, dass viele der damaligen "Deserteure" erst heute rehabilitiert wurden. Da hat die Bundesrepublik noch ein ganzes Stück Geschichtsaufarbeitung nötig. Zu spät für die Betroffenen, nicht zu spät für den mündigen Bürger in Uniform, der heute wieder, diesmal vom Parlament, in völlig unübersichtliche Kriegs- Abenteuer geschickt wird.

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