Terrorismus Al-Qaida: Terror schaffen ohne Waffen

Neue Drohungen zeigen Wirkung in Deutschland

Verstärkter Polizeieinsatz: Auf dem Oktoberfest in München

Verstärkter Polizeieinsatz: Auf dem Oktoberfest in München

Für Terroristen ist die Kommunikation nahezu genauso wichtig wie die menschenverachtende Tat. Islamisten führen das derzeit eindrucksvoll mit ihren Botschaften an Deutschland vor. In Videofilm-Ausschnitten sehen wir den Hamburger Hauptbahnhof, den Kölner Dom und das Oktoberfest. Dazu wird gedroht, ein »böses Erwachen« angekündigt. Sie wollen uns damit verunsichern, sie wollten zudem die Bundestagswahl beeinflussen. Und tatsächlich – die Drohungen zeigen Wirkung. Plötzlich überlegen die Menschen, ob sie zum Beispiel mit ruhigem Gewissen in den ICE steigen dürfen.

Die meisten Deutschen begreifen, dass auch unsere offene Gesellschaft ein Ziel ist, das al-Qaida treffen will. Die Erkenntnis ist nicht neu, wohl aber die Reaktion. Schon mehrfach haben die Sicherheitsbehörden Anschläge in Deutschland verhindert. Doch nach dem 11. September 2001 haben sich viele Bürger damit beruhigt, unser Land sei, im Gegensatz zu den USA, nicht wirklich bedroht. Damals unterschätzten sie die Gefahr. Möglicherweise wird sie jetzt überschätzt.

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Nicht wenige Experten sagen, al-Qaida habe ihren Zenit überschritten. Islamistischen Terroristen ist seit den Anschlägen von Madrid und London 2004 und 2005 kein Attentat in Europa mehr gelungen. Ihre Netzwerke in Deutschland gelten bis in viele Verästelungen als bekannt. Das liegt auch an den immer weiter reichenden Ermittlungsbefugnissen der Sicherheitsbehörden – Kompetenzen, die die FDP in der schwarz-gelben Koalition gern wieder beschneiden würde.

Angst oder Sorge werden sich jedoch weder durch Argumente noch durch die Beschneidung von Freiheitsrechten überwinden lassen. Wer Angst hat, der wertet auch den als Beruhigung gedachten Aufmarsch der Polizisten mit Maschinenpistolen an Bahnhöfen und Flughäfen als Bestätigung, dass die Gefahr ernst zu nehmen ist. Wer besorgt ist, den verunsichert die Einschätzung der Behörden noch weiter, die Bedrohung sei lediglich »abstrakt«. Heißt das nicht, dass die Sicherheitsbehörden nichts Konkretes wissen?

Die Islamisten haben auch ohne Anschläge also ein Ziel schon erreicht, und das mit minimalem Aufwand: Die Menschen in Deutschland machen sich Sorgen, gerade wenn sie ihrem Alltag nachgehen. Mit dieser Restangst werden wir lernen müssen umzugehen, weil Deutschland Teil des von ihnen verhassten westlichen Bündnisses, der westlichen Kultur ist.

In Spanien gelang es den Terroristen, durch einen Anschlag eine Wahl entscheidend zu beeinflussen. Dieses zweite Ziel haben sie in Deutschland mit ihren Videobotschaften weit verfehlt. Die Deutschen haben den Islamisten auf die Drohungen selbstbewusst geantwortet. Sie haben gezeigt, dass das Afghanistan-Ultimatum von al-Qaida bei ihrer Wahl keine Rolle gespielt hat. Zumindest das ist beruhigend.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. dasss die Deutschen sich vor Angst verkriechen und das ist gut so (jawohl!). An einem Berliner Bahnhof liefen am Wahlsonntag ein paar Polizisten samt Maschinenpistole herum und kaum einer hat darauf geachtet. Und das oktoberfest ist auch nicht verwaist. Mag sein, dass ein paar Besucher weniger kommen, aber das liegt wohl eher daran, dass der Weg dahin komplizierter geworden ist, weniger an der Angst.

  2. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch hier in Deutschland einen Terroranschlag geben wird. Na und? Angst habe ich davor trotzdem nicht.

    Es ist schliesslich auch nur eine Frage der Zeit bis zum nächsten Flugzeugabsturz, dem nächsten Zugunglück, Grubenunglück etc.
    Die Gefahr für den durchschnittlichen Deutschen, bei einem Terroranschlag das Leben zu verlieren, ist lachhaft gering.

    Was mir aber sehr wohl Angst macht ist die Tatsache, dass Deutschland mehr und mehr zu einem orwell'schen Polizei- und Überwachungsstaat mutiert.
    Und das, obwohl es bislang keine Beweise dafür gibt, dass die meisten neuen, angeblich zur Terrorabwehr nötigen Überwachungsgesetze einen nennenswerten Nutzen haben:
    - Auf die Kofferbomber von Köln wurde im Voraus Niemand aufmerksam, es war ihre eigene Blödheit die den Anschlag verhinderte.
    - Auf die "Sauerland-Terroristen" wurde man mit ganz klassischen Polizei-Befugnissen aufmerksam. Als man erst einmal auf sie aufmerksam wurde hat man zwar alle möglichen Register der neuen Überwachungsbefugnisse gezogen (Telefon-, Computer und eMail-Überwachung etc.) - aber potzblitz, waren diese bösen Terroristen doch glatt so dreist und haben genau das gemacht was eh jeder Überwachungskritiker vorausgesagt hat: sie haben sich (im Gegensatz zum Otto-Normal-Bürger, der der Meinung ist dass er nichts zu verbergen hat) einfach darauf eingestellt und darauf geachtet, dass ihre eMails, Telefongespräche und Internetzugriffe eben keinen Verdachtsmoment liefern.

  3. Ist doch toll, dass wir uns trotz der vom Innenministerium geschürten Angst nicht unterkriegen lassen.

    Wissen sie, woran mich diese Meldungen erinnern?

    An Wochenschauen während des 2ten Weltkrieges, an denen man die Bevölkerung mit Heilsversprechen und Durchhalteparolen bei Laune halten musste: "Das deutsche Volk lässt sich trotz des allierten Bombenterrors nicht einschüchtern, stolz waren die Menschen im zerbombten Berlin heute wieder auf den Strassen! Die Bomberverbände der Allierten, vom Weltjudentum geführten Kriegstreiber werden uns nie in die Knie zwingen!"

    Man sieht, es ist immer gut einen Buhmann im Keller zu haben.

    Was früher das RAF-Phantom, ist heut der Al-Qaidant.

    Und das IntelCenter hat mal wieder viel zu tun.

  4. Ich frage mich, wo diese "Stimmungsberichte" immer herkommen. Ich glaube, ich lass mich mal wegen fehlender Terror-Restangst therapieren.

  5. Scheint ja erste Bürgepflicht zu sein. Ok, ich werde versuchen mir ich anzupassen und mich 2-3 mal die Woche in Panikstimmung zu versetzen. Kenne zwar niemanden der Angst hat aber werde da mit gutem Beispiel vorangehen.

    Werde also demnächst das Zugpersonal fragen, ob der ICE heute sicher ist oder ob langbärtige Araber zugestiegen sind.

    Auf welcher Studie basieren die Annahmen? Das hat sich doch gaaanz bestimmt niemand aus den Fingern gesaugt, nur um Stimmung zu machen - so etwas macht ja garantiert niemand.

  6. 8. Bravo!

    Die Angstindustrie ist nun mal eine äußerst gewinnbringende, ertragreiche sowie krisensichere Branche, die in der Tat über sehr viel Kreativität verfügt.
    Ihre Produkte sind gar mannigfaltig und es wäre mühsam sie alle – besonders die im Premium Segment - hier aufzuzählen!

    Mich würde eher interessieren, ob man für den Beruf des Angstmachers ein Hochschulstudium absolvieren muss, oder ob das bis jetzt immer noch eine ungeschützte Berufsbezeichnung ist?
    Sollte letzteres der Fall sein, dann bestimmt nicht mehr lange!

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