Als der oströmische General Belisar im Jahr 534 Karthago zurückeroberte, kam er rechtzeitig zum Essen. Er drang, berichtet der Augenzeuge Prokop, in den Palast ein und stieß im königlichen Speisesaal auf eine frisch gedeckte Tafel. Der feindliche Regent war geflohen – die Köstlichkeiten aber hatte er stehen lassen: Vor Belisar und seinen Kriegern türmten sich typisch römisch-mediterrane Gerichte.

Nicht eine kulinarische Spur verwies darauf, dass hier ein anderer Menschenschlag gewohnt haben könnte als vornehme Römer. Kein Indiz für die angeblich kulturlosen Horden, die von hier aus ein Jahrhundert lang ein mächtiges Reich regiert hatten – jene Germanen mit dem miserabelsten Ruf aller antiken Völker: die Vandalen.

Von der vermeintlichen Kulturlosigkeit dieser Barbaren – so nannten die Römer jeden ohne griechisch-römische Bildung – war in Karthago weit und breit nichts zu sehen. Das Volk aus Mitteleuropa, stellten Belisar und seine Soldaten überrascht fest, hatte den römischen Lebensstil verinnerlicht. Weit und breit weder Haferbrei noch Schwarzwurzeleintopf mit gepökeltem Schweinefleisch. Die Vandalen ernährten sich offensichtlich zu hundert Prozent typisch römisch: Oliven, Sardinen, Feigen. Ja, sie würzten sogar Salziges wie Süßes mit der berüchtigten Sauce aus vergammeltem Fisch, Garum. Auch Trinkbecher, Fruchtschalen, die Mosaike kamen den Rückeroberern so durch und durch römisch vor, dass sie sich wie zu Hause fühlten. Sie setzten sich zu Tisch.

104 Jahre Imperium – dann verschwand das Volk aus Germanien spurlos. Heute kennen die meisten nur ihren Namen, der in fast allen europäischen Sprachen zum Synonym geworden ist für Menschen mit Zerstörungswut. Haben Radikale randaliert, sind U-Bahn-Scheiben zerkratzt, Luxuskarossen abgefackelt, Hauswände besprayt worden, waren »Vandalen« am Werk.

Doch Archäologen und Historiker skizzieren mit ihren jüngsten Forschungen ein anderes Bild von dem angeblich so verruchten Volk. Die Vandalen passten sich klug ihrer Umgebung an, regierten als Staatengründer mit politischem Fingerspitzengefühl und besaßen sehr wohl einen Sinn für Kunst. »Vor wenigen Jahren noch datierten Experten alle in Tunesien gefundenen Mosaike entweder in die vorvandalische oder in die nachvandalische Zeit«, sagt Philipp von Rummel vom Deutschen Archäologischen Institut in Rom. Den Barbaren traute man höhere Fertigkeiten und Kunstsachverstand einfach nicht zu. Heute weiß man: Sogar Meisterwerke wie die Dame von Karthago entstanden im regum vandalorum .

Als die Oströmer (aus Konstantinopel kommend) ihrem so verhassten Gegner in Nordafrika schließlich 534 den Garaus machten, eroberten sie im Grunde genommen eine unversehrte römische Stadt. Nichts in Karthago wies auf eine destruktive Veranlagung der Exherrscher hin. Überall standen römische Villen. Das Vandalenreich, stellt von Rummel fest, sei »im Grunde eine kleine Kopie des Römischen Reiches« gewesen.

Ausgerechnet die Vandalen hausten wie die Römer! Selten klaffen, wenn es um ein untergegangenes Volk geht, Vorstellung und Wahrheit so weit auseinander wie im Fall der Vandalen. Tatsächlich weiß man wenig über diese Barbaren aus dem Norden. Und was man zu wissen glaubt, ist meist falsch.