Archäologie Kultivierte Eroberer
Von wegen destruktiv! Die Vandalen setzten im Jahr 429 nach Afrika über und pflegten dort die römische Kultur, statt sie zu zerstören. Nun legen Archäologen das erstaunliche Erbe frei.

Im Jahr 429 setzten die Vandalen nach Afrika über. Diese freie Interpretation eines Historienbildes aus dem 19. Jahrhundert zeigt Geiserich, den König der Vandalen, auf seiner Reise
Als der oströmische General Belisar im Jahr 534 Karthago zurückeroberte, kam er rechtzeitig zum Essen. Er drang, berichtet der Augenzeuge Prokop, in den Palast ein und stieß im königlichen Speisesaal auf eine frisch gedeckte Tafel. Der feindliche Regent war geflohen – die Köstlichkeiten aber hatte er stehen lassen: Vor Belisar und seinen Kriegern türmten sich typisch römisch-mediterrane Gerichte.
Nicht eine kulinarische Spur verwies darauf, dass hier ein anderer Menschenschlag gewohnt haben könnte als vornehme Römer. Kein Indiz für die angeblich kulturlosen Horden, die von hier aus ein Jahrhundert lang ein mächtiges Reich regiert hatten – jene Germanen mit dem miserabelsten Ruf aller antiken Völker: die Vandalen.
Von der vermeintlichen Kulturlosigkeit dieser Barbaren – so nannten die Römer jeden ohne griechisch-römische Bildung – war in Karthago weit und breit nichts zu sehen. Das Volk aus Mitteleuropa, stellten Belisar und seine Soldaten überrascht fest, hatte den römischen Lebensstil verinnerlicht. Weit und breit weder Haferbrei noch Schwarzwurzeleintopf mit gepökeltem Schweinefleisch. Die Vandalen ernährten sich offensichtlich zu hundert Prozent typisch römisch: Oliven, Sardinen, Feigen. Ja, sie würzten sogar Salziges wie Süßes mit der berüchtigten Sauce aus vergammeltem Fisch, Garum. Auch Trinkbecher, Fruchtschalen, die Mosaike kamen den Rückeroberern so durch und durch römisch vor, dass sie sich wie zu Hause fühlten. Sie setzten sich zu Tisch.
104 Jahre Imperium – dann verschwand das Volk aus Germanien spurlos. Heute kennen die meisten nur ihren Namen, der in fast allen europäischen Sprachen zum Synonym geworden ist für Menschen mit Zerstörungswut. Haben Radikale randaliert, sind U-Bahn-Scheiben zerkratzt, Luxuskarossen abgefackelt, Hauswände besprayt worden, waren »Vandalen« am Werk.
- Echnatonismus
Als Synonym für blindwütige Zerstörung hätte man wohl besser den Begriff »Echnatonismus« geprägt. Denn um 1350 vor Christus zerstörte Pharao Echnaton aus religiöser Überzeugung die Heiligtümer von Amun-Re und wütete dabei so, wie man es heute gern den Vandalen zuschreibt. Doch die Wortschöpfung Vandalismus ist nun einmal seit dem 18. Jahrhundert in der Welt und lässt sich nicht mehr aus derselben schaffen. In seinem Buch »Vandalismus: Gewalt gegen Kultur« definiert der Althistoriker Alexander Demandt den Begriff Vandalismus als Kampf gegen Träger der Erinnerung, Produkte des Kunstsinns und Objekte des Denkens und Glaubens.
- Geschichte
Insbesondere der Monotheismus hat Intoleranz und damit Vandalismus befördert. Echnaton verehrte Aton, der keinen neben sich duldete. Dieses Muster setzt sich in den biblischen Kämpfen fort. Die Israeliten rannten gegen die Denkmäler der Kanaaniter an: »Zerstöret alle Orte, da die Heiden, die ihr vertreiben werdet, ihren Göttern gedient haben (…), reißt ihre Altäre um, und zerbrecht ihre Säulen, und verbrennt mit Feuer ihre Haine, und die Bilder ihrer Götter zerschlagt, und vertilgt ihren Namen!«, heißt es im 5. Buch Mose. Auch das Wüten spanischer Konquistadoren in Amerika verdient die Bezeichnung Vandalismus. Beispiele im 20. Jahrhundert sind Mao Tse-tungs Kulturrevolution, die Zerstörung der Buddhastatuen von Bamian durch die Taliban oder die systematische Entfernung von Kulturdenkmälern aus »feudalistischer, kapitalistischer und nationalsozialistischer Zeit« in der DDR.
- Sinnlose Gewalt
In der Gegenwart gilt jegliche Form sinnloser Gewalt oder das Abreagieren von Wut im öffentlichen Raum als Vandalismus: die Zerstörung von Bushaltestellen, Autos oder Grünanlagen, das Zerkratzen von Fensterscheiben oder das Auskippen von Müllcontainern. Selbst mit dem illegalen Sprayen von Graffiti kann man sich heute den Ruf eines Vandalen erwerben.
Doch Archäologen und Historiker skizzieren mit ihren jüngsten Forschungen ein anderes Bild von dem angeblich so verruchten Volk. Die Vandalen passten sich klug ihrer Umgebung an, regierten als Staatengründer mit politischem Fingerspitzengefühl und besaßen sehr wohl einen Sinn für Kunst. »Vor wenigen Jahren noch datierten Experten alle in Tunesien gefundenen Mosaike entweder in die vorvandalische oder in die nachvandalische Zeit«, sagt Philipp von Rummel vom Deutschen Archäologischen Institut in Rom. Den Barbaren traute man höhere Fertigkeiten und Kunstsachverstand einfach nicht zu. Heute weiß man: Sogar Meisterwerke wie die Dame von Karthago entstanden im regum vandalorum .
Als die Oströmer (aus Konstantinopel kommend) ihrem so verhassten Gegner in Nordafrika schließlich 534 den Garaus machten, eroberten sie im Grunde genommen eine unversehrte römische Stadt. Nichts in Karthago wies auf eine destruktive Veranlagung der Exherrscher hin. Überall standen römische Villen. Das Vandalenreich, stellt von Rummel fest, sei »im Grunde eine kleine Kopie des Römischen Reiches« gewesen.
Ausgerechnet die Vandalen hausten wie die Römer! Selten klaffen, wenn es um ein untergegangenes Volk geht, Vorstellung und Wahrheit so weit auseinander wie im Fall der Vandalen. Tatsächlich weiß man wenig über diese Barbaren aus dem Norden. Und was man zu wissen glaubt, ist meist falsch.
Im Grunde genommen waren die Vandalen nur eine von vielen ethnisch und kulturell wild zusammengewürfelten barbarischen Stammesgemeinschaften, die im 5. Jahrhundert den Untergang des Weströmischen Reiches besiegelten. Während dieser Zeitenwende wich die Antike langsam dem Mittelalter; die Grenzlinien Europas nahmen neue Verläufe. Es entstanden politische Gebilde, aus denen später die Vorläufer der Nationalstaaten erwachsen sollten. Und all das begann mit einer großen Völkerwanderung.
In einer ersten Phase zogen die Hunnen los. Dann Alanen und die Ostgermanen (darunter Goten, Burgunder, Hasdingische Vandalen und Silingische Vandalen). Später auch die Türken, Slawen, Awaren und viele West- und Nordgermanen: Franken, Sachsen, Angeln, Jüten, Langobarden. In dieser Epoche des dramatischen Umbruchs verschlug es die Vandalen via Gallien und Hispanien bis nach Nordafrika, wo sie nach 429 ein florierendes Königreich unterhielten.
Damit hätten sie als erfolgreiche Staatsgründer in die Geschichte eingehen können. Die Ehre blieb ihnen verwehrt. Während die Goten im positiven Sinn unsterblich geworden sind (dank einer nach ihnen benannten Kunstrichtung) und die Franken Namensgeber eines angesehenen Landes wurden, das höchste Ansprüche in Mode, Küche und Weinbau erfüllt, haben die Vandalen semantisch Pech gehabt. Sie sind auch anderthalb Jahrtausende später nur noch als blindwütige Zerstörer im kollektiven Gedächtnis.
Das liegt daran, dass die Vandalen mehrmals Opfer eines Rufmords wurden. Den ersten begingen römisch-katholische Historiker. Sie schilderten den Krieg zwischen dem Weltreich in der Krise und den germanischen Einwanderern als einen Kampf gegen Ungläubige. Fast alle Geschichten über die Vandalen stammen aus den Federn der Feinde. So beschrieb sie etwa der zeitgenössische Bischof Victor von Vita als grausam und gewalttätig, als von Neid und Habgier zerfressene Ketzer.
Die Chronisten stützten sich dabei vor allem auf ein Ereignis, bei dem die Vandalen unter ihrem charismatischen Führer Geiserich in der Tat nicht wie Friedensengel agiert hatten. Weil sie sich von den Römern politisch hintergangen fühlten, segelten sie im Jahr 455 von Nordafrika aus zornig zu einer Strafaktion übers Mittelmeer und verbrachten zwei Wochen in Rom. Plündernd. »Durch Geiserich wurde Rom aller Schätze leer gemacht«, berichtet der Chronist Cassiodor.
Auf diesen berühmt gewordenen Raubzug spielte Ende des 18. Jahrhunderts Henri Baptiste Grégoire an. Der liberale Abbé geißelte den revolutionären Bildersturm der Jakobiner gegen feudale und klerikale Symbole mit einer Wortschöpfung: vandalisme .
Ein unangebrachter Vergleich. Zwar hatten die Vandalen 455 in Rom gestohlen, was ihnen in die Finger kam, aber eben gerade nicht das getan, was heute einen Täter zum Vandalen macht: sinnlos zerstört. Dafür schätzte das Überfallkommando vom Rand der Sahara die römischen Kunstwerke viel zu sehr. Sorgsam verpackten die Vandalen die Preziosen, schipperten sie ins heutige Tunesien und verschönerten mit der Beutekunst ihre Gärten, Villen und Gotteshäuser. Dieser räuberische Akt hatte keinen destruktiven Hintergrund; der Althistoriker Alexander Demandt hält fest: »Wenn Vandalismus Gewalt gegen Kultur ist, dann ist Kunstraub kein Vandalismus, vielmehr ein Kompliment für Kultur und allenfalls Gewalt gegen deren Besitzer.«

Ein illustrer Verbund mehrheitlich germanischer Stämme machte sich im 5. Jahrhundert auf den Weg durch Europa: die Vandalen. Sie durchquerten, von Osten kommend, das heutige Deutschland, gelangten über die Iberische Halbinsel nach Afrika und vertrieben dort die römischen Machthaber. Ein Jahrhundert lang blühte ihr Königreich mit der Hauptstadt Kathargo - dann verschwanden die Vandalen von der Weltkarte. Geblieben ist nur ihr schlechter Ruf
Jede Grabung tunesischer Archäologen in der Ruinenstadt Sbeïtla oder in Hergla, wo Jahr für Jahr Mosaike ans Tageslicht kommen, schärft das neue Bild, das sich die Forschung mittlerweile von den Vandalen macht. Es handelt sich bei ihnen um einen der Fälle, in denen der Sieger sich an die Kultur des Verlierers angepasst hat. Und zwar mit beispielloser Gründlichkeit. Nach der Eroberung Nordafrikas planschten die Vandalen in Frigidarien und Caldarien, und an ihre germanischen Namen hängten sie lateinische Enden: Thrasamundus, Gunthamundus, Gibamundus. Zwar hatten sie die römischen Machthaber (gewaltsam) vertrieben, aber danach erwiesen sie sich als Meister der Integration und Assimilierung.
Sie pflegten die vorgefundene Kultur gerade so, als besäßen sie keine eigene Identität. Darum ergeht es heute dem Kunsthistoriker Harald Siebenmorgen ganz ähnlich wie dem Rückeroberer Belisar. Wie der oströmische General vor anderthalb Jahrtausenden durchstöbert der Direktor des Badischen Landesmuseums im Schloss Karlsruhe nun Karthago auf der Suche nach Vandalischem – und stößt überall auf Römisches. Siebenmorgen reist oft nach Tunesien und pflegt seine guten Kontakte zu den dortigen Schatzmeistern. Jahrelang hat er eine Ausstellung vorbereitet, die nun am 24. Oktober ihre Tore öffnet: Das Königreich der Vandalen. Von den Exponaten springen die wenigsten als spezifisch vandalisch ins Auge. Die meisten sind »römisch« respektive im römischen Stil gefertigt.
Die klarer unterscheidbaren Zeugnisse des Vandalenimperiums sind Köpfe und Namen: Silbermünzen mit den Königshäuptern von Hilderich, Gunthamund und Thrasamund, Mosaike mit den germanischen Namen Vilimut und Arifridos, Inschriften auf Gräbern von Märtyrern.
Selbst die konfessionellen Unterschiede waren verschwindend gering. Auf ihrem Weg durch Spanien waren die Vandalen zum arianischen Glauben konvertiert; sie gehörten damit genauso zur Christengemeinde wie die katholischen Römer. Der dezente Unterschied lag darin, dass die Arianer sich nichts aus der Dreifaltigkeitslehre machten. Sie stellten Jesus (den Sohn) zwar auf eine ähnliche, nicht jedoch auf dieselbe Stufe wie Gott (den Vater). Und der Glaube an den Heiligen Geist als Erscheinungsform des Göttlichen ging ihnen (im Gegensatz zu den Katholiken) ganz ab.
Diese aus heutiger Sicht lächerlichen Nuancen im Gottesverständnis wurden damals zu unüberbrückbaren Differenzen interpretiert. Verstärkt wurde die Animosität dadurch, dass die frühen Katholiken das Ende der Welt erwarteten. Nach ihrer Vorstellung war die Schöpfung endlich und kam nach 6000 Jahren, also 500 nach Christi Geburt, zu ihrem Ende. Einläuten sollte das apokalyptische Spektakel der Auftritt des Antichristen – eines Wesens von asymmetrischer Gestalt. Und viele Katholiken glaubten, im stark hinkenden Vandalenkönig Geiserich (Sturz vom Pferd) den Antichristen zu erblicken; schließlich konnte in der zeitgenössischen Chronik Liber Genealogus die griechische Schreibweise des Namens Geiserich (Genserikos) als »endzeitliches Tier« interpretiert werden.
Der Religionskonflikt zwischen Römern und Vandalen eskalierte aber nur, weil es um mehr ging als Gottesanschauung – es ging um die Macht in einer der reichsten Regionen der Erde. Wo heute Tunesien und Marokko liegen, war damals die Kornkammer des Römischen Reichs. Oliven, Wein, Feigen, Nüsse wuchsen. Aus der Schneckenart Murex wurde der wertvolle Farbstoff Purpur gewonnen. Mit Nordafrika hatten die Vandalen dem finanziell angeschlagenen Westrom die ergiebigste Steuerquelle abgejagt.
Zu Übergriffen auf die Katholiken kam es vor allem dort, wo die vandalische Elite Ländereien in Besitz nahm. Dort setzte sie stur ihre arianische Konfession als neuen Herrschaftsglauben durch. Priester wurden vertrieben oder umgebracht, Nonnen vergewaltigt. Es gab »Phasen intensiver Katholikenverfolgung«, sagt Siebenmorgen. Diese Verfolgungswellen gegenüber dem Klerus, vermutet der Altertumswissenschaftler Helmut Castritius, hinterließen »tiefe Wunden im kollektiven Gedächtnis der gesamten Christenheit«.
Doch die Phasen, in denen die Vandalen ihrem schlechten Ruf nahe kamen, waren kurz. Castritius weist darauf hin, dass die Verfolgungen der Jahre 437 und 457 jeweils »aus einer verschärften Konfliktsituation mit dem Römischen Reich« zu erklären seien. Kaum aber hatten die Vandalen mit den Oströmern einen »Ewigen Frieden« geschlossen, beendeten sie die Unterdrückung.
Für einen milden Blick auf die Dinge spricht auch, dass in weiten Teilen des Reichs die katholische Bevölkerungsmehrheit faktisch Religionsfreiheit genoss. Letztlich war die Zahl der vandalischen Ankömmlinge zu klein, als dass sie der gesamten Bevölkerung konfessionelle Einheit hätten aufzwingen können. Pragmatisch duldeten sie die Katholiken und ihren Kult. So ist just unter der vandalischen Herrschaft in Sbeïtla die Vitaliskirche entstanden: eine dreischiffige katholische Basilika samt mosaikverziertem Taufbecken.
Die Vandalen mögen mit Beutezügen im Mittelmeerraum – in Sardinien, Sizilien, Griechenland und auf den Balearen – die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt haben. Schlimmer als Römer oder Goten trieben sie es indes nicht. »Sie lebten in einer kriegerischen Zeit – und machten mit«, erklärt Siebenmorgen nüchtern. Dass sie auch Leistungen vollbrachten, die positiv zu Buche schlugen, wissen erst heutige Historiker zu würdigen. Die Vandalen etablierten den ersten von Barbaren beherrschten souveränen Staat auf römischem Boden. Sie sicherten ihn sogar zwischenzeitlich mit Friedensverträgen gegenüber dem bankrotten und unregierbar gewordenen Rom ab.
Innenpolitisch agierten sie maßvoll, regierten ihr Reich 104 Jahre lang relativ stabil, obwohl sie demografisch in der Minderheit waren. Ihr Reiterheer, vermutet Castritius, wäre nie in der Lage gewesen, eine aufmüpfige Bevölkerung zu unterdrücken. Man müsse daher »von einer Akzeptanz der Vandalenherrschaft ausgehen«. Als Despoten wären sie nie so erfolgreich gewesen.
Sowenig Spuren dieser Staat hinterlassen hat, so undeutlich ist auch die Vorgeschichte. Die Wurzeln der Vandalen lagen vermutlich im Gebiet des heutigen Polens, in der Heimat der Przeworsk-Kultur. Erstmals erwähnte Plinius der Ältere die »Vandili« im 1. Jahrhundert. Zu ihren bekanntesten Stämmen zählten Silingen und Hasdingen. Auch aus Lugiern wurden Vandalen. Sie breiteten sich bis nach Skandinavien aus, wo der nördliche Teil Jütlands nach ihnen benannt ist, Vendsyssel.
Um die Silvesternacht 406/407 überquerten sie zusammen mit Alanen und Sueben bei Mainz den Rhein, je nach Quelle übers Eis oder die Brücke. In Spanien verbrachten sie bewegte Jahre, bevor sie 429 Richtung Afrika aufbrachen.
Einige Historiker vertreten die Ansicht, eine Einladung des verräterischen römischen Generals Bonifatius (der sie zu Bündnispartnern machen wollte) habe sie bewogen, die Straße von Gibraltar zu überqueren. Wahrscheinlicher ist, dass die Vandalen mit der angeblichen Einladung einen Vorwand präsentierten. »Saddam Hussein hat schließlich auch behauptet, Kuwait hätte ihn gerufen«, sagt Siebenmorgen. Wegen der steten Konflikte mit Goten und Römern hatten die Vandalen längst ein Auge auf den reichen Kontinent geworfen und zahlreiche Erkundungsfahrten unternommen.
Mit einer logistischen Meisterleistung setzten sie über. Es war nicht, wie Historienmaler später fantasierten, eine martialische Elitetruppe in Kriegskähnen nach Wikingerart. Vielmehr segelte, auf Frachter gepackt, eine bunte Schar von mindestens 50000 auswanderungswilligen Vandalen, Alanen, Sueben und Westgoten über die Meerenge. Darunter waren Frauen, Kinder, Greise und 15000 Krieger. Außerdem 5000 Pferde. Die Nussschalen, die Geiserichs Leute zu diesem Zweck gechartert (oder geraubt) hatten, wurden nur zwischenzeitlich zweckentfremdet. Danach dienten sie wieder dem Transport von Olivenöl, Getreide und Keramik.
Zehn Jahre später eroberten die Vandalen Karthago und herrschten dort bis 534. Die Karlsruher Ausstellung beschränkt sich nicht auf diese Zeitspanne. Sie beleuchtet die ganze spätrömische, frühchristliche Epoche in Nordafrika. Da wird sichtbar, dass die Regentschaft der Vandalen die architektonische Entwicklung nicht etwa gebremst hat. Die Ankömmlinge hatten einfach auf höchstem – römischem – Niveau weitergemacht.
Als neue Elite fühlten sie sich nicht gedrängt, der Opulenz ihrer Vorgänger Bescheidenheit folgen zu lassen. Sie übernahmen gerne deren Immobilien und Ländereien samt Pächtern und Sklaven. Ihre Landschaftsgärtner legten »mit Bäumen reich bestandene Lustgärten« (Prokop) an. Sie veranstalteten Wagenrennen und Konzerte und ließen, wie zuvor die Römer, in Mosaiken ihre neu gewonnene Leidenschaft in Szene setzen: die Jagd.
Doch auch das harmlose Luxusleben bescherte den Vandalen einen schlechten Ruf. War zwischenzeitlich der Kirchenschriftsteller Salvianus noch zur Einsicht gelangt, sie seien trotz »Irrglaubens« ein tugendhaftes Gegenbild der lasterhaften Römer, beschrieb Prokiopos von Caesarea die Vandalen gegen Ende ihrer Herrschaft als verweichlicht und dekadent. Hier Vereinnahmung, dort Verleumdung – beim heterogenen »Volk« der Vandalen läuft jede Verallgemeinerung ins Leere. Schon die Vorstellung, dass es sich um eine kulturell überschaubare Gruppe gehandelt haben könnte, ist abwegig. In den Anfängen der Völkerwanderungszeit, sagt Siebenmorgen, »stauten sich die Stämme am römischen Limes zu locker zusammengewürfelten Gruppen«. Die wurden zu einem Verbund, deren Individuen in den seltensten Fällen einer Ethnie zugeordnet werden konnten.
So zog ein polyglotter, teilgermanischer Trupp nach Afrika, um sich in den dortigen Verhältnissen einzuleben. Als aber im 6. Jahrhundert an den südlichen und westlichen Rändern dieses Reichs vermehrt die Mauren nagten und schließlich die Oströmer mit 500 Schiffen eintrafen, endete das vandalische Experiment. Der letzte König, Gelimer, zog sich noch ins Gebirge zurück und dachte über einen Guerillakrieg (mit Unterstützung der Mauren) nach. Vergebens. Belisar schickte ihn nach Kleinasien in den Ruhestand, die überlebenden Soldaten verfrachtete er als Kriegsgefangene nach Konstantinopel und gliederte sie in sein Heer ein, wo sich ihre Spur verliert. »Ihre zurückgelassenen Frauen«, berichtet Castritius, »schlossen mit Soldaten des Invasionsheeres den Ehebund.« Ihren Landbesitz brachten die Frauen »als Mitgift in diese Ehen ein«. Der Rest der vandalischen Bevölkerung lebte weiter und ging im Genpool Nordafrikas auf.
Mit der Sprache war es bald schon bergab gegangen. Erst redeten die meisten Einwanderer noch in einer dem Gotischen verwandten Sprache – aber kaum in Afrika, legten sie sich als Lateinschüler ins Zeug. Kein vandalisches Textdokument ist erhalten, immerhin aber 140 Namen. Da diese, wie die gotischen, aus zwei Wortstämmen bestehen, haben ein paar semantische Sprengsel überlebt: Ari-fridos heißt Heer-Friede, Guilia-runa Wille-Geheimnis, Vili-mut Wille-Mut.
Als letztes Zeugnis ihres Glaubens sind zwei Wörter geblieben, der einzige vollständig erhaltene vandalische Satz: »Froia arme!« Eine verzweifelte Formel, immerhin, hat den Untergang der Vandalen überdauert: »Herr, erbarme dich!«
- Datum 02.10.2009 - 15:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.10.2009 Nr. 41
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Das kommt davon, wenn man nur den christlich- europäischen Kontext im Blick hat, wie es beim Verfasser des Artikels der Fall zu sein scheint. Er zitiert auch noch den allerletzten katholisch- frühmittelaterlichen Scheiberling aus irgendwelchen Provinzstädten rund ums Mittelmeer. Nicht eigefallen oder nicht bekannt ist ihm aber, dass in der gesamten muslimischen Welt der Name der Vandalen weiterlebt in Verbindung mit dem Landstrich, den Muslime (zu echt oder zu Unrecht, aber jedenfalls) assoziieren mit einer Hochblüte ihrer Kultur und Zivilisation, nämlich Andalusien in Südspanien, das der Verfasser nicht namentlich erwähnt, aber dazu bemerkt, die Vandalen hätten dort "bewegte Jahre" verbracht, bevor sie nach Nordafrika übersetzten.
Vielleicht hölt er (V)Andalusien" auch für eine nicht erwähnenswerte Volksetymologie, oder ihr Makel ist einfach, dass keine der frühmittelalterlichen christlich- polemischen Quellen sie erwähnt. Diese romtreiuen Schreiberlinge ergehen sich mit ähnlicher Liebe für maßlos hasstriefende Polemik über ihre ariansh- unitarischen Mitchristen wie später über die muslimischen Eroberer, deren Glaube in Vielem auf dem unitarischen Christentum aufbaut und diesem wie auch dem Judentum viel näher steht als dessen heute leider vorherrschender trinitarischer Ausprägung. Dennoch sind es in erster Linie solche Quellen, auf denen die vermeintlich vernichtende Islamkritik des Althistorikers Egon Flaig beruht.
Wahrscheinlich nur ene Frage der Zeit, bis diese politisch motivierten Polemiken wider die Muslime genauso relativiert werden wie dies gerade mit der Abstempelung der Vandalen ans Ausgeburt des Bösen geschieht.
Aber es geht ja um die Wahrnehmung, die Assoziationen, die mit dem Namen verbunden sind. Und die sind bei (V)Andalusien vorhanden, und sie sind eindeutig positiv.
"Diese aus heutiger Sicht lächerlichen Nuancen im Gottesverständnis" ... Ich habe das Gefuehl, der Papst sieht das anders.
"...dass in der gesamten muslimischen Welt der Name der Vandalen weiterlebt in Verbindung mit dem Landstrich, den Muslime (zu echt oder zu Unrecht, aber jedenfalls) assoziieren mit einer Hochblüte ihrer Kultur und Zivilisation..."
Mir erschliesst sich nicht der Zusammenhang zwischen Moslems und Vandalen in Andalusien. Waren die V. vorher da? Während der M. Herrschaft? Welchen Einfluß hatten die Vandalen in Andalusien worauf und wo ist das in der muslimischen Welt dokumentiert?
Es gab viele s.g. "Boosporen" oder "Ochsenfuhrte" - Margiana, Kimmeria (deutsch - "Kimme", als "Rand", oder "Horizont" bei den Fliegern oder bei den Seeleuten), Livonia (engl. "liev" oder "khasar" judisch), spaeter "hansa" (ghilda) - militerische Korporation, also - "Philadelphila". Das waren s.g. "Handelsoede" nicht "Wueste", sondern "Freie Zoonen" fuer den Handel(vadhalen)unter Schutz der Militaerleuten (Kosaken, Hetten usw.). Deshalb hiessen sie "Vandalen".
Das ist wichtig um zu verstehen vorum es geht.
Es war so.
Sachsen - von dem Lateinischen "saxe" - Fels
Silesien - von dem Latainischen "silex" - Feuerstein.
So kriegen wir Feuerzeug, von dem "Brandenburg" angezuendet wird.
Also, die "deutschen" zuenden den "Polar-Stern" (Odygitria) an.
Davon - von "deuten" (wie "be-deuten")- werden die "Deutschen" genant.
Nicht von einem "grosch" wie ich gelesen habe.
Also, alteurropaesche "gher-" heisst "brennen" und "Germania" heisst "Agnieland" (Agnie - Goetin des Feuers), Flammenland, Ardoland oder "Pyro-land". So ist es auch mit dem "Vandalen" (Lousera - die Goetin der Lousitanen - Vandalen - Serben - Bosnien - Sloboda - alle diese Benennungen bedeuten "frei" - van, vanesco/
Sprachliche Völkerwanderung? Oder sprachlicher Vandalismus?
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