Der chinesische Künstler Ai Weiwei in seinem Haus im Künstlerviertel in der Vorstadt Pekings auf einer Bank © Frederic J. Brown/AFP/Getty Images

Was wäre das, größenwahnsinnige Bescheidenheit? Gibt es so etwas: gelassene Rebellion? Eine Ruhe, die ganz Tat ist? Zumindest gibt es Ai Weiwei. Einen Künstler, der es aufnimmt mit den mächtigsten Feinden, mit den Diktatoren in Peking. Der lauthals Demokratie verlangt, Meinungsfreiheit, gleiche Rechte für alle! Der sich nicht mundtot machen lässt, auch nicht, wenn sie ihn einsperren, ihn schlagen, so wie neulich, als Polizisten mitten in der Nacht die Tür seines Hotelzimmers aufbrechen und ihn niederprügeln. Ein Schlag trifft ihn am Kopf, er blutet – und wehrt sich doch weiter, auf seine Weise. Ai Weiwei zückt die Kamera, als die Polizisten ihn abführen, er fotografiert sie und sich, als wären sie gemeinsam auf einem Ausflug. Alle Welt soll dieses Bild sehen: den Schrecken und seine Antwort darauf, Unerschrockenheit.

Und dann sitzt er vor mir, ein Mensch von Volumen und Stolz, doch ganz in sich selbst verzogen. Seine Stimme nur ein Flüstern, der Blick flattert. »Zu Schulzeiten war ich so schüchtern«, wird er später erzählen, »dass ich immer rot wurde, wenn mich jemand auch nur anschaute.« Er, auf dem heute so viele Augen ruhen, dessen Stimme wie keine andere gehört wird, er, der wohl wichtigste, der bekannteste Kämpfer gegen das Unrecht im Riesenreich China.

»Ich bin ein gewöhnlicher Mensch, ganz gewöhnlich«, sagt er und rubbelt sich jäh mit beiden Händen übers Gesicht, als wollte er einen Juckreiz loswerden. »Ich habe nichts dazu beigetragen«, sagt er. »Die anderen waren es, die Interviews. Ich bin wohl der am meisten interviewte Mensch in China.« Nun lächelt er das erste Mal, zuckt vorsichtig mit den Schultern, ein Zucken der Verwunderung – wie seltsam, warum geschieht das gerade mir?

Dieser Tage wohnt der meistinterviewte Chinese im Keller, in den Katakomben eines Nazipalasts in München. Dort, im Haus der Kunst, 1933 bis 1937 erbaut, hat er sich für einige Wochen eingenistet, kampiert mit seiner 20-köpfigen Mannschaft auf Klappbetten, zusammengepfercht in vier Zimmern, um seine weltweit erste große Ausstellung vorzubereiten, die am 12. Oktober beginnt. Er hat hier unten alles, was er braucht, Sessel, Fernseher, Computer, seine Vertrauten, einen Koch. Nonchalant hat er den Trutzbau in eine heitere Wohngemeinschaft verwandelt. Gelegentlich rieche es nun selbst oben in den Museumshallen verführerisch nach chinesischem Essen, erzählt eine Wärterin.

»Ich bin ja kein großer Freund von Museen, da hat man oft das Gefühl, die Leichen irgendeines längst vergangenen Kriegs werden ausgestellt. Hier wollen wir etwas anderes. Das Haus der Kunst soll ein Schlachtfeld sein.«

Ein Schlachtfeld – da blitzt es kurz in seinen Augen. Eben noch die Ruhe selbst, durchzuckt ihn der Zorn und es entfährt ihm beißender Spott. Er ist eine Art Sumoringer der modernen Kunst, ein stämmiger Kerl mit Kugelbauch auf kurzen Beinen, der seine träge Masse blitzschnell in Kraft verwandelt. Dann schimpft er Architekten »Klugscheißer«, die chinesische Regierung »Mafia« oder stiftet seine Helfer zu einem Video an, in dem sie der Reihe nach »Fuck my motherland« in die Kamera sagen – Ai Weiweis Kommentar zu Chinas Nationalfeiergetöse.

Stimmt das? Ist er ein solcher Ringer? Da lacht Ai Weiwei und schüttelt den Kopf. »Ich bin eher ein Stück Holz, das im Fluss dahinschwimmt und von dem man nicht weiß, wo es antreibt. Ich habe keine Pläne, kein Ziel.«